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Erstelldatum: 03.10.2010

Die Chipkarte

Seltsam, früher hätte ich nie gedacht, dass ich einmal den Einsatz von Computern für destruktiv halten könnte, denn ich habe 32 lange Jahre die EDV-Entwicklung in der Praxis miterlebt, von der Lochkartenverarbeitung und Rechnern mit 4K Kernspeicher bis hin zum Großrechner Anfang des neuen Millenniums. Und ich habe diesen Job stets begeistert gemacht. Danach, nun als Rentner, habe ich mich auf den PC eingestellt (den ich früher immer nur als besseren Taschenrechner angesehen hatte), habe meine eigene Internetseite aufgebaut und sitze auch heute noch viel zu oft und viel zu lange am PC.

Jetzt kommt die Fragestellung auf, für jeden Schüler ein Notebook und Lernen in der IT-Welt? Lassen wir mal die Kostenfrage außeracht und auch die Frage, wie oft die Dinger kaputtgehen können und wie Lehrer eigentlich für diese Aufgabe gerüstet sein sollen. Mich bewegt eine andere Fragestellung.

Frau von der Leyen will die Chipkarte für die Kinder von Hartz IV-Empfängern, um den Beschluss des BVerfG über höhere Regelsätze und höhere Bildungsausgaben für Kinder benachteiligter Kinder zu umgehen. Dabei sollte klar sein, dass der Nachhilfelehrer oder der Nachhilfe gebende Student mit dieser Karte nichts anzufangen wissen. Sie wollen nicht erst eine Lesegerät erstehen müssen, um gelegentlich Nachhilfe erteilen zu können.

Dann lese ich, dass Bertelsmann sein "preisgekröntes Lernsystem" Scoyo an die 50-prozentige Tochter Super-RTL (die anderen 50% besitzt der Disney-Konzern) verkauft hat und dort Bestrebungen sind, Scoyo in das Toggolino-Paket einzubinden. Scoyo kam erst im April d. J. auf den Markt und soll nun bereits (mangels Nachfrage) verkauft werden? Eine sehr kurze Zeit für die Markteinführung für ein neues (und ungewohntes) Produkt!? Kann es wirklich sein, dass ein milliardenschweres Unternehmen wie Bertelsmann, das es sich auch viel kosten lässt, "Bildungsentwicklung europaweit" politisch durchzusetzen, so schnell aufgibt? Oder kann es sein, dass sich Bertelsmann von dem Kinder- und Jugendsender Super-RTL die besseren Werbechancen verspricht, wenn man sich an "die Kleinen" wendet, die schon mächtig nerven können, wenn sie durch auf sie abgestimmte Werbung etwas unbedingt haben wollen? Auf den Gedanken, dass Bertelsmann vielleicht zusätzlich die direkte Verbindung dieses Produkts zu seinem Namen vermeiden möchte, komme ich natürlich nicht.

Scoyo hätte natürlich einen weiteren Vorteil, es könnte über die Chipkarte der Frau von der Leyen erreicht werden und wenn man Berichten glauben kann, gibt es zwischen den Damen Merkel und von der Leyen einerseits und den Damen Springer (BILD) und Mohn (Bertelsmann und Bertelsmannstiftung) so etwas wie "freundschaftliche" Beziehungen. Das ist vielleicht auch der Grund, warum man inzwischen so oft in der Presse lesen kann, dass ein Politiker der "BILD" oder der "BILD am Sonntag" seine "Ergüsse" berichtet, dass man fast schon annehmen kann, "BILD" sei das offizielle Regierungs-Presseorgan. Irgendwie drängen sich mir Zusammenhänge auf, auch, wenn das sicherlich von manchen als "Verschwörungstheorie" gebrandmarkt werden wird.

Noch ein weiterer Kritikpunkt, wie ich ihn sehe. Wir sind heute schon eine Gesellschaft, die mit dem Multiple Choice-Verfahren über Gebühr malträtiert wird. Man kann einzelne oder auch mehrere vordefinierte Antworten auf eine Frage anklicken, wobei es zumeist an den "richtigen" Antworten hapert, wenn man den inhaltlichen Gesamtgehalt des Fragekomplexes betrachtet. Beispiel Fragen wie; "welche Partei würden Sie wählen, wenn heute Wahl wäre?" und als Antwort stehen nur CDU/CSU, FDP, SPD und Grüne zur Verfügung, in Einzelfällen auch noch zusätzlich die Linke. Schon die einfache zusätzliche Antwort; "keine dieser Parteien" oder "ich gehe nicht zur Wahl" (was bei 35% und mehr heute die Regel ist) fehlen in diesen Umfragen. Und nun stellen Sie sich vor, ein interaktives Lernprogramm wie Scoyo arbeitet auch mit diesen Methoden. Gleiches gilt für die Verwendung von Comic-Figuren als Fragesteller und anklickbare Antworten (wie es auf einem Werbefilm unter YouTube zu sehen ist), die aus einer Comic-begeisterten Jungend eine Comic-gebildete Gesellschaft züchten würden. Irgendwie habe ich auch den Verdacht, dass teure Privatschulen sich dem "innovativen Lerngedanken des Notebooks an den Schulen" verweigern würden und weiter in altmodischer Manie mittels Lehrkräften, Schulbüchern, Aufsätzen, Diktaten usw. einen zwar altmodischen, aber vermutlich viel effizienteren Unterricht gestalten würden.

Die erforderliche Interaktion und der direkte Kontakt durch den Lehrkörper kann durch kein Notebook und keinen PC ersetzt werden und kein IT-Gerät kann das Frage- und Antwortspiel zwischen Schülern und Lehrern ersetzen. Und welcher Programmierer, auch wenn er das Lehramt studiert hat und vielleicht sogar einen Titel trägt, kann sich im Vorhinein Antworten auf kindliche Fragestellungen in einem Programm verankern, Fragestellungen, die ihm zuvor nie in den Sinn gekommen wären? Und wie oft haben gerade solch naive kindliche Fragen Lehrer und Eltern vor Probleme gestellt, weil sie selbst keine Antworten wussten (zumindest keine ehrlichen Antworten)?

Die Computertechnologie ist heute sehr weit entwickelt und es kann ungeheuren Spaß machen (auch oder gerade für Kinder), aber von der Übernahme von Aufgaben im Bildungssektor sind Computer noch weit, sehr weit entfernt. Professoren und Doktoren mögen in ihrer Arroganz meinen, sie hätten das Format, solche Bildungsprogramme zu entwickeln und verkennen dabei, dass die Gesellschaft bereits heute schon viel zu sehr in die Isolation verzweigt. Wollen wir das auch schon auf unsere Kinder übertragen? Sollen sie bereits in den Schulen eifrig auf den Computern herum klimpern und möglicherweise auch von diesen be- oder eher verurteilt werden? Interaktion ist gefragt, nicht die Interaktion mit einem elektronischen Gerät, sondern mit den Mitschülern und den Lehrkräften. Und eigentlich sollten wir alle wissen, nicht das Pauken alleine lehrt, sondern vor allem das Erleben und das ist etwas, das kann uns kein Computer vermitteln. Selbst ein ungeliebter "Pauker" vermittelt uns mehr Wissen, als ein Computer, denn über den lernen wir nur, was wir, systemkompatibel, lernen sollten.

Aber vermutlich reizen neue Märkte und unsere Politik ist ja gerne bereit, unseren nachwuchs zugunsten von neuen Märkten und von Wachstum zu opfern, ausgenommen natürlich die eigenen. Und Frau von der Leyen traue ich es zu, dass sie genau das im Hinterkopf hatte, als sie die Chipkarte für Kinder in die Diskussion brachte, weil sie zu den Frauen gehört, die Geldmittel, vor allem wenn sie vom Staat kommen, gerne in die richtigen Kanäle leiten möchte und diese Kanäle verlaufen alle von unten nach oben. Es ist ihr dabei egal, dass sie die ohnehin schon bestehende 2-Klassengesellschaft nochmals spaltet. Oder ist das ihr Ziel? In jedem Fall scheint sie das vorgegebene Ziel des Bundesverfassungsgerichtes um Längen zu verfehlen, denn das GG kennt keine Unterteilungen in eine Unter- Mittel- und Oberschicht, vor allem nicht bei Kindern.

Ach ja, noch ein kleiner, gegen 18:00 Uhr eingestellter Nachschlag. Scoyo ist natürlich voll auf die "liberale" Schulpolitik der einzelnen Bundesländer abgestimmt un in Pakete geschnürt.

  • Da ist das Schulstart-Paket, kostet "nur" 10,33 bei einer Laufzeit von 3 Monaten und bedient die Klassen 1 bis 7
  • und das Durchstarter-Paket kostet "nur" 14,99 hat aber dafür eine Laufzeit von 6 Monaten und gilt auch für die Klassen 1-7
  • und zu guter Letzt das Dauerbrenner-Paket für gerade mal 9,99 bei einer Laufzeit von 12 Monaten und ebenfalls für die die Klassen 1-7

Damit man weiß, wie billig das ist, ist auch gleich eine kleine Vergleichsrechnung beigefügt. Liebe Hartz IV-ler, überlegt Euch das, denn ihr spart bis zu 790,01 im Jahr, wenn Ihr auf den Privatunterricht Eurer Kinder verzichtet und stattdessen Scoyo nehmt.

Nicht zu vergessen, es gibt auch bereits die Werbung, Scoyo als Ergänzung für die Schule einzubinden. Ein merkwürdiges Zusammenspiel, nicht wahr, Frau von der Leyen?

Missgünstig, wie ich nun mal bin, habe ich einen Satz aus "Aktuelles" herausgefischt.

    Bevor sich Schüler in die großen Ferien verabschieden dürfen, kommt das Zeugnisse - und für manche Kinder leider keine Versetzung.

Kommt das Zeugnisse - puh, das tut weh. Nun ist es ganz natürlich, dass man sich mal vertippt (passiert mit öfter). Aber gilt das auch für eine Lernplattform, die unseren Kindern ja eigentlich beibringen will, wie man schreibt und lernt?
Aber nicht dramatisieren, so kleine Schreibschwächen sind doch heute Standard. Traunig, traunig, würde da der alte Komödiant Theo Lingen sagen.