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Erstelldatum: 08.11.2006

Das Kapital der Unterschicht

So lautet die Überschrift eines Artikels in der Zeitschrift Capital vom 25.10.2006, der mich veranlasst hat, den nachfolgenden Leserbrief an die Zeitschrift zu schicken.

Das Kapital der Unterschicht

Ich habe ja schon viel Unsinn gelesen, aber dieser Artikel übertrifft alles. Aber was kann man schon von einem Blättchen verlangen, das sich bei den armen Leuten einschmeicheln muss, die mühselig ihr Geld horten, um so viel wie ein Hartz IV-Empfänger zu bekommen.

Eigentlich sollte man solche Berichte kopfschüttelnd ignorieren, aber dieser Schwachsinn ärgert mich einfach.

Rücken wir deshalb einfach mal die Dinge ins rechte Licht.

Beginnen wir mit der größten Zahl, dem angeblich von den Hartz IV-Empfängern gebundenen Kapital von 1.080 Milliarden . Eigentlich sollte eine Zeitschrift, die sich mit der Frage des Kapitals befasst, den Unterschied zwischen gebundenem und in Umlauf befindlichem Kapital kennen. Da das "Kapital" der Hartz IV-Empfänger nicht auf Konten, in Fonds oder Aktienmärkte fließt, auch nicht auf Konten in die Steuerparadiese dieser Welt transferiert wird, sondern zu 100 % in den Konsum fließt, ist es kein gebundenes Kapital, sondern ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, weil dieses Geld im Wirtschaftskreislauf sofort wieder Verwendung findet. Ohne dieses Geld würden etliche Unternehmen der Binnenwirtschaft binnen kürzester Zeit in Konkurs gehen müssen.

Anders bei den reinen Kapitaleignern, die ihre Gewinne nachweislich nicht in die Wirtschaft, sondern fast ausschließlich in den Kapitalmarkt investieren. Dieses Geld hat eigentlich nur einen reinen Papierwert, da es dem Wirtschaftskreislauf entzogen wurde und entzogen bleibt, damit keinerlei produktive Anreize bewirkt, sondern deflationäre Tendenzen begünstigt. Sie sollten sich einmal mit der Weimarer Republik befassen, dort hat genau dieser Effekt den Zusammenbruch letztendlich bewirkt.

Die zweite Zahl wäre das angebliche Durchschnittseinkommen des Hartz IV-Empfängers. Ihrer Rechnung nach jährlich 21.600 . Ihre anschließende Hochrechnung auf das von Ihnen benannte "gebundene Kapital" lässt den Eindruck entstehen, dass eine Bedarfsgemeinschaften in diesem Land ausschließlich aus Familien mit 2 Kindern bestehen. Aber so ist das bei gezielten Diffamierungen, man verwendet statistische Zahlen, nimmt den höchsten auffindbaren Nenner, multipliziert ihn und stellt ihn als Wahrheit dar. Orwell lässt grüßen. In der Realität gibt es nur wenige Familien mit zwei Kindern, die, alle Transferleistungen zusammen gerechnet, tatsächlich auf monatliche 1.800 kommen. Das mag in einigen Ballungszentren wie Stuttgart, Bayern oder Frankfurt der Fall sein, weil dort die Mieten entsprechend hoch sind, die Regel ist das keinesfalls. Dass nicht alle Hartz IV-Empfänger verheiratet sind und zwei Kinder haben, sollten sogar Sie wissen. Somit ist auch diese Rechnung absurd und nichts als der Versuch einer gezielten Diffamierung.

Nun zu dem klug investierten Kapital. Seriöse Beobachter stellen hier zunächst die Frage, woher denn eigentlich die hohe Zahl der Arbeitslosen kommt. Wohl kaum von der Reinvestition von Kapital. Die Zahl resultiert aus dem Fakt, den Sie als die eigentlich notwendige Konsequenz formulieren. Die hohen Gewinne der Großen Unternehmen fließen in den Kapitalmarkt, ohne Wachstum zu erzeugen. Die ohnehin schon zu stark aufgeblähte Finanzblase wird damit weiter aufgeblasen, um mit Spekulation und Zinsen Kapitalgewinne zu erzielen. Kapital arbeitet nicht. Diese gerne erzeugte Illusion ist so falsch wie Ihr Artikel. Es sind Menschen, die arbeiten, die mit ihrer Arbeit überhaupt erst Gewinne für die Kapitaleigner erwirtschaften. Werden diese Leute rigoros auf die Straße gesetzt, wie das seit Jahren in Deutschland praktiziert wird, wird der Produktion der Nährboden entzogen, denn ohne Konsum funktioniert auch das produktive Geschäft nicht. Wachstum kann nur entstehen, wenn genügend Menschen mit ihrem Einkommen ihre Ansprüche und damit ihren Konsum steigern. Führen Sie das Geld dem Kapitalmarkt zu, entstehen weder Wachstum noch Arbeitsplätze. Auf dem Kapitalmarkt findet nur ein Tauschhandel mit bedrucktem Papier statt. völlig losgelöst von der Frage, ob auf diesem Papier eine Zahl und ein Euro-, Dollar- oder Yenzeichen steht, oder ob dort in fetten Lettern das Wort Aktie als Überschrift gedruckt ist.

Es ist der von Ihnen präferierte Kapitalmarkt und die sich dort ausweitende Gier, die Arbeitslosigkeit erzeugt. Dabei haben Sie auch den Umstand vergessen oder verschwiegen, dass ein großer Teil der Kapitalgewinne an der Steuer vorbei auf diverse Auslandskonten transferiert wird, während die den Arbeitslosen ausgezahlte Transferleistung zu einem großen Teil über die indirekten Steuern, die Umsatzsteuer und die von den Händlern durch den Konsum von Arbeitslosen erzielten steuerpflichtigen Einnahmen wieder an den Fiskus zurück fließt.

Man könnte zu Ihrem Artikel noch wesentlich mehr anführen, aber er ist es nicht wert.

Natürlich ist mir klar, dass Sie diesen Brief nicht veröffentlichen werden, aber das macht nichts. Ich übernehme das für Sie auf meiner gut besuchten Internetseite, damit zumindest einige Ihrer Leser erkennen, wie "sinnvoll" Ihre Schreibe wirklich ist.