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Erstelldatum: 11.08.2007

Brief eines Besuchers meiner Seite an Wolfgang Schäuble

Lieber Wolfgang,

verzeih mir bitte zunächst mal das vertrauliche Duzen. Aber nachdem ich dir schon mehrmals geschrieben und dir schon soviel von mir mitgeteilt habe, betrachte ich dich als meinen Freund. Es wird dich doch sicherlich freuen, dass du in einer von dir als feindlich wahrgenommen Umwelt noch Freunde hast und dies als Ausdruck von Vertrauen und Bürgernähe ansiehst, oder nicht? Außerdem muss ich leider ein ernstes Wort mit dir reden und da wäre das förmliche Sie möglicherweise unangebracht.

Ich mache mir nämlich Sorgen um deine Lektüre. Wie ich aus der ZEIT erfahren habe, bist du sehr angetan von Otto Depenheuers „Selbstbehauptung des Rechtsstaates“. Ich muss zugeben, es nicht selbst gelesen zu haben, aber nach Darstellung der ZEIT zeichnet der Verfasser ein apokalyptisches Endzeitszenario vom Kampf der Kulturen, der nur durch Gewalt zu lösen sei, hält Freiheit, Rechtsstaat und Demokratie nicht für unverzichtbare Bestandteile einer neuen Weltordnung und rechtfertigt Bürgeropfer, wenn es dem Staatswohl dient. Ich glaube auch, dass du schon mehrfach Gedanken dieses machiavellistischen Machwerks nachgeplappert hast, obwohl sie in krassem Gegensatz zu heutigen Rechtsstaatsnormen stehen.

Bist du dir sicher, lieber Wolfgang, dass dieses Buch die richtige Lektüre für dich ist? Wo du doch so leicht zu ängstigen bist? Passen deine Staatssekretäre denn gar nicht auf, was du so liest? Oder missbrauchen sie dich sogar, weil sie wissen, dass du gerne ohne nachzudenken irgendwelche Klopse raushaust, die sie selber nicht zu sagen wagen?

Ich habe mir aber, als dein Freund, die Mühe gemacht, eine angemessenere Gutenacht-Geschichte für dich zu ersinnen. Sie ist an das Dschungelbuch angelehnt, weil ich annehme, dass du die Gesetze des Dschungels magst. Ich hoffe, die Moral gefällt dir.

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...und eines Tages erschütterte eine schreckliche Nachricht den Dschungel. Denn der berüchtigte Dschungelterrorist Shir Khan war gesehen worden, zweifellos auf der Suche nach dem unschuldigen und hilflosen Mogly. Der Eingeborenenstamm beschloss, diesmal aktiv gegen die Bedrohung durch Shir Khan vorzugehen und beauftragte den tapferen und mutigen Krieger Schei-Bläh (dessen Name auf deutsch etwa "Tigergang" lautet), das Untier mit seinem Speer zu erlegen.

Äußerst gewissenhaft machte Schei-Bläh sich an die Arbeit. Zunächst befragte er jedes Tier, vom Elefanten bis zur Ameise, ob es Shir Khan nicht irgendwo gesehen habe. Die meisten Tiere verneinten dies. Schei-Bläh traute ihnen jedoch nicht und schmuggelte ihnen allen eine Abhörwanze ins Fell, damit er auch sicher mitkriegte, wenn die Tiere sich über Shir Khan unterhielten. Die meisten Tiere unterhielten sich aber über das Wetter, den Pokalkrimi zwischen Eintracht Bärenburg und Kickers Affenhausen oder die unverschämten Preise für Trinkwasser, seit die Wasserstelle privatisiert wurde. Schei-Bläh versprach den Tieren, diese Gespräche schnell wieder zu vergessen. Aber ein paar Tiere, die vielleicht etwas zu laut über den lästigen Schei-Bläh geschimpft hatten, bekamen in nächster Zeit wegen allem möglichem Ärger.

Die Geier wollten Shir Khan im Norden des Dschungels gesehen haben, die Elefanten im Süden. Schei-Bläh folgerte messerscharf, dass eine der beiden Gruppierungen log und ließ beide verhaften. Die Schlange Kaa stand sowieso im Ruf, Shir Khan zu unterstützen, und wurde ohne Prozess eingesperrt. Auch Balou der Bär wurde festgenommen. Seine leichtfertige Behauptung, Tiger gäbe es nur in Afrika, erschien dümmer als die Polizei erlaubt und daher höchst verdächtig. Der Panther Baghira fiel Schei-Blähs Speer zum Opfer, weil der ihn in der Dämmerung mit Shir Khan verwechselt hatte. Schai-Bläh bedauerte den Zwischenfall, gab Baghira aber Mitschuld, weil der nachts noch draußen herumschlich und so tat, als sei er Shir Khan.

Mogly wurde unter besondere Bewachung gestellt. Zwar ließ sich Shir Khan in seiner Nähe nicht blicken, aber eine Durchsuchung von Moglys Computer ergab, dass er sich auf der gefährlichen Seite Dschungelbräu.com herumgetrieben hatte, zweifellos um ein Rezept für die Herstellung von Stinkbomben aus Biermaische zu finden. Das Verfahren gegen Mogly ist noch ausstehend.

Was Shir Khan die ganze Zeit gemacht hat, willst du wissen? Nun, er war gar nicht im Dschungel. Er war nämlich zwischenzeitlich in die Politik gegangen, ehrbarer Exporteur von Kaffeebohnen, Bananen, Ananas (und manchmal auch merkwürdigem weißem Pulver, aber das sollte man besser nicht sagen) und bekam dafür Waffen, mit denen er seine Armee im Nachbarland Menschenjunge für seinen Hunger jagen ließ. Später wurde er übrigens UN-Generalsekretär und Friedensnobelpreisträger.

Schai-Bläh aber wurde von seinem Stamm als Held gefeiert. Zwar war es ihm nicht gelungen, den Tiger zu stellen, aber er hatte den Dschungel von allerhand subversiven Elementen gesäubert. Bei der nächsten Wahl wurde er aufgrund seiner Verdienste zum Häuptling gewählt. Er installierte allen seinen Untertanen einen Trojaner auf die Festplatte und wurde schließlich so stinkefaul, dass er statt zu arbeiten, nur noch donnernde Reden an seinen Stamm hielt und darauf achtete, dass auch in Dürrezeiten sein eigener Speicher stets wohlgefüllt war. Und wenn er nicht zum Rücktritt gezwungen wurde, dann schnüffelt er noch heute.