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Die Bonsai-Politik

Gert Flegelskamp Rhönstr. 17
63071 Offenbach
eMail: gert@flegel-g.de
14.11.2005

An die
designierte Kanzlerin
Frau Angela Merkel

und an den designierten Vizekanzler
Herrn Müntefering

persönlich

Liebe Frau Merkel, lieber Herr Müntefering,

ich sage noch Frau Merkel, denn Bundeskanzlerin sind Sie ja noch nicht. Sie haben in zähen Verhandlungen mit der SPD Koalitionsvereinbarungen getroffen, welche Politik in den nächsten Jahren mit dieser großen Koalition betrieben werden soll.

Der Haupttenor, soviel kann man mit Sicherheit sagen, liegt auf dem Wörtchen SPAREN. Bevor Sie und Herr Müntefering an die Realisierung Ihrer Beschlüsse gehen, möchte ich Ihnen aber raten, eine Reise nach China oder Japan zu machen.

Sie werden sich sicher fragen, welchen Tipp ich Ihnen da geben will, was man über die Konsolidierung des Bundeshaushalts in China oder Japan schon lernen könnte. Mein Tipp ist nicht, dass Sie mit den dortigen Politikern verhandeln oder sich deren Haushaltspolitik erklären lassen. Nein, ich empfehle Ihnen den Besuch einer Gärtnerei, spezialisiert auf eines der kleinen Wunderwerke der beiden Länder, den Bonsai.

Lassen Sie sich genauestens erklären, wie es diesen Künstlern gelingt, diese kleinen Wunderwerke zu schaffen, Bäume, die normalerweise Meter hoch werden, auf eine Größe von wenigen Zentimetern zu reduzieren und auf dieser Größe zu halten.

Ich kenne Sie und Herrn Müntefering ja nicht persönlich, aber wenn ich der Presse glauben darf, sind Sie beide ja äußerst intelligente Leute. Deshalb vertraue ich darauf, dass Sie auch schnell die Verbindung zwischen dem Haushalt des Bundes und der Länder und der Zucht eines Bonsai feststellen werden. Ich bin natürlich kein Japaner oder Chinese, der Ihnen bis ins kleinste Detail die Zucht eines Bonsai erklären kann, aber ein paar Grundprinzipien kenne ich schon. Die möchte ich Ihnen erklären und die Beziehung zum Haushalt anschneiden.

Ein Bonsai wird vor allem durch den Wurzelschnitt klein gehalten. Durch Entfernen der Pfahlwurzel wird erreicht, dass sich der Wurzelballen so entwickelt, dass die Pflanze die Wurzeln nicht zu weit und vor allem nicht zu tief austreibt. Verglichen mit der Haushaltspolitik könnte man sagen, Ihre ausschließlich auf die Wurzel der Gesellschaft, Arbeitnehmer, Rentner etc. gerichtete Sparpolitik kommt einem Wurzelschnitt gleich. Damit wird der Stoffwechsel reduziert und das Wachstum verhindert. Die Verwurzelung fällt wesentlich flacher aus, vergleichbar mit der Mentalität der Menschen, soziale Strukturen nicht mehr tief auszuprägen. Der Pfahlwurzel kann man getrost die Bedeutung der sozialen Sicherungssysteme zuordnen.

Wichtig ist auch der Blattschnitt. Durch den Schnitt der Blätter wird quasi die Situation des Herbstes simuliert. Die danach sprießenden Blätter sind kleiner. Das kann man mit der Arbeitsmarktpolitik vergleichen. Die Wirtschaft sorgt für den regelmäßigen Blattschnitt, indem sie Arbeitsplätze entfernt. Sie wollen mit dem Kombilohnmodell erreichen, dass die neue Blattentfaltung (Lohn) kleiner ausfällt. Es ist ein Prinzip von Ursache und Wirkung. Die Blätter des Bonsai sind für die Photosynthese entscheidend. Hat man sie abgeschnitten, reduziert die Pflanze den Stoffwechsel, versucht aber neue Blatttriebe zu erzeugen. Ähnlich ist es auf dem Arbeitsmarkt. Entlässt man einen Arbeitnehmer, muss er seinen Stoffwechsel (Konsum) reduzieren und wird natürlich versuchen, neue Arbeit zu bekommen, auch wenn die Entlohnung deutlich kleiner ist. Den Konsum der Vergangenheit kann er sich nicht mehr leisten.

Früher wurden die Äste des Bonsai mit Palmenfasern verdreht, heute verwendet man dafür eloxierte Aluminium- oder weiche Kupferdrähte (ausgeglüht). Damit wird eine Verdrehung der Astformen erreicht. Vorsichtig angewandt kann man damit genau gezielte Verformungen erreichen. Das könnte man mit der Politik in Richtung der Beschäftigten vergleichen. So werden z. B. mit entsprechender Kommunikation (siehe Minister Clement) die Ansichten der Beschäftigten so verdreht, dass sie die Opfer des Blattschnitts (Arbeitslose) nun als Täter ansehen und für Negativfolgen verantwortlich machen. Vorsichtig angewandt hat Minister Clement diese Richtungsweisende Verdrahtung allerdings nicht. Aber das ist verständlich, denn dafür würde ein Künstler benötigt. Deshalb ist der Wuchs auch nicht ganz im Sinne von Minister Clement ausgefallen.

Um ein künstliches Alter vorzutäuschen, entfernt man stellenweise die Rinde eines Bonsai, am Ast oder am Stamm. Das geschieht entweder mit Bleichmitteln oder anderen Laugen auf Schwefelbasis erzeugt. In Ihrer Politik bezeichnen sie diesen Prozess als Demographie. Die Wirtschaft sorgt für die Entfernung der Rinde, indem sie trotz nachweisbarer Fitness der älteren Generation mit Hilfe des Staates in die Arbeitslosigkeit oder über Altersteilzeit in die Rente entlässt. Beim Bonsai sterben diese Holpartien ab und können dann beliebig bearbeitet werden. Ähnlich macht es die Politik, indem sie die älteren Arbeitslosen durch die Bundesagentur bearbeiten lässt, die Wildwuchs wie Ersparnisse, Rentenversicherungen oder Ähnliches rigoros wegschleift. Bei den Rentnern werden tiefe Löcher gebort, indem man sie mit Nullrunden traktiert, oder indem man die Zuschüsse für Kranken- und Pflegeversicherung abschleift. Die verständliche Verbitterung lässt diese Menschen dann schneller altern und damit die Aussage über die demographische Struktur der Gesellschaft als wahr erscheinen.

Man sollte meinen, ein Bonsai sollte, um den Wuchs zu verhindern, möglichst dunkel stehen. Aber das ist nicht so, weil ein Baum bei wenig Lichteinfall lange Triebe entwickelt. Nein, er muss Licht und die richtige Luftfeuchtigkeit bekommen. Wird der Bonsai häufiger ein wenig beschnitten, entwickelt sich kein oder wenig Wachstum. In Japan werden Gedichte zu einer gelungenen Bonsaizüchtung verfasst. Die Politik macht das ähnlich. Indem sie dem Bürger regelmäßig in die Taschen greift (Beschneidung), die Betroffenen ins grelle Lampenlicht der Schuldzuweisung zerrt (Presse und TV) und wortgewaltig mit feuchter Aussprache (Luftfeuchtigkeit) unsinnige Begründungen (Gedichte) anführt, hält sie den Wuchs (Konsum) klein.

Man kann den Bonsai so züchten, dass er eine oder auch mehrere Kronen bildet. Dabei kann mit den entsprechenden Mitteln die Neigung des Bonsais in eine bestimmte Richtung angeregt werden. Bei einer typischen Art, der Kaskade, kann dann sogar der Wuchs der Krone unter die Höhe der Pflanzenschale gedrängt werden. Auch hier bietet sich wieder der Vergleich mit der Realität an. Die Kronen (Kapital und Politik) werden in eine bestimmte Richtung gedrängt (erst Europa, dann WTO). Dabei kann dann eine oder zwei Kronen (Kapital, Finanzwirtschaft) unterhalb der Wurzeln weiter wachsen (Auslandsverlagerungen). Zwar werden diese Kronen noch immer von den inzwischen stark eingeengten Wurzeln ernährt und gedeihen dabei prächtig, aber es kann passieren, dass die ganze Schale umfällt, weil die Schwerkraftverhältnisse diesem Wuchs entgegenstehen. Was die Schwerkraft beim Bonsai sind die Lebensverhältnisse beim Volk.

Sehen Sie, Frau Merkel, Herr Müntefering, aus diesen Gründen empfehle ich Ihnen eine Reise nach Japan oder China und den Besuch einer auf Bonsais spezialisierten Gärtnerei. Ich konnte Ihnen nur eine grobe Darstellung vermitteln, In Japan werden Sie auch noch die kleinsten Feinheiten erfahren können. Sie werden sicher keinerlei Mühe haben, diese Erkenntnisse auf die bestehende Politik zu beziehen. Dann erkennen Sie, was falsch gemacht wird, denn Sie betonen ja immer, dass Sie Wachstum erzeugen und nicht aus Deutschland eine kleine Topfpflanze machen wollen, die sich die WTO (Zwischenlager) auf einen Schreibtisch stellt, bis sie im Erlebnisgarten eines Superreichen in die Abenteuerlandschaft schon aufgekaufter Drittweltstaaten integriert wird.

Dort kann man Ihnen auch erklären dass für Wachstum ein gesunder Boden (Arbeitsumfeld) und ein gesundes Wurzelsystem (Volk), klimatische Bedingungen (Umwelt, Energie) vonnöten sind, damit sich ein kräftiger, gesunder Stamm entwickelt der in der Lage ist, eine angemessene Krone zu tragen und allen Stürmen zu trotzen.

Wir haben alle Vorraussetzungen dazu, man muss sie nur nutzen. Und genau das ist eigentlich die Aufgabe in dem Job, den Sie, Frau Merkel, so kompromisslos anstreben. Beschneiden Sie die Triebe, die alle Früchte in die Gärten der Nachbarn tragen wollen, entfernen sie die plötzlich aufgetauchten Schlingpflanzen, die den Baum aussaugen wollen, ohne etwas dafür zu geben. Entfernen sie die faulenden Äste, die unmittelbar den Stamm entsprießen, dann aber verfaulen. Zeigen Sie, dass Sie eine Kanzlerin werden, die Entscheidungen trifft und nicht die Entscheidungen von Arbeitgeberverbänden oder Arbeitgebernahen Instituten (INSM, Bertelsmann, Bürgerkonvent, IFO-Institut etc.) nur weiterleitet. Sie sollten sich erinnern. Ein Baum existiert, weil sein Wurzelsystem (die Mehrheit der Bevölkerung)ihn nährt und die Tiefe und weitflächige Verbreitung der Wurzeln dem Baum seinen Halt verleiht. Die Krone (Kapital, Großindustrie) wird getragen vom Stamm (Klein-Betriebe und Mittelstandsindustrie). Die Blätter (Politik) soll das Sonnenlicht einfangen für die Photosynthese, damit der Baum leben kann. Kommen die Blätter dieser Aufgabe nicht mehr nach, stirbt der Baum, mit ihm aber auch die Krone. Wird die Krone zu ausladend, kann auch ein gesundes Wurzelsystem und ein starker Stamm nicht verhindern, dass ein Sturm den Baum umwirft. Auch dann stirbt er. Machen Sie sich klar, ohne Wurzeln kein Stamm, keine Äste, keine Blätter. Das zu begreifen ist heute schwerer, weil der Mensch die Achtung vor der Natur verloren hat. Jeder Baum hört irgendwann auf zu wachsen, denn Wachstum ist endlich. Das sollten Sie nie aus den Augen verlieren. Die Bohnenranke, an welcher man bis in ein verwunschenes Land im Himmel klettern kann, ist nur ein Märchen. Hören Sie auf mit der Bonsai-Politik. Mit der Beschneidung in Form der geplanten Sparpolitik züchten Sie einen Bonsai, schön anzusehen, aber ohne wirklichen Nutzen. Und Sie wollen doch Deutschland wieder voran bringen.

Oder irre ich mich? Ist die Aussage: Ich will Deutschland dienen nichts als der Anfang eines Gedichts, welches Sie mit der geerbten Bonsaizüchtung fortschreiben und mit dem Endstadium des Zwergwuchses fertig stellen wollen?