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Erstelldatum: 23.04.2007

Bildung

Bildung ist das "A" und "O" der heutigen Gesellschaft. Wer nicht gebildet ist, hat keine Chance. Industrie und überhaupt alle Bereiche der Wirtschaft verlangen eine ordentliche Bildung, ein berechtigtes Interesse. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, wann der Toilettenmann oder die Toilettenfrau in Restaurants oder in den Autobahnraststätten zumindest einen Hochschulabschluss vorweisen müssen. Schließlich könnte es ja sein, dass ein Gast ihn oder sie in ein Gespräch verwickelt und welcher Eindruck entstünde, wenn der Gast den Eindruck bekäme, in dem Betrieb würden Ungebildete beschäftigt.

Doch erst, wenn man ein komplettes Studium vorweisen kann, ist man ein Gebildeter. Das schreit geradezu nach eingehender Überlegung über die Bedeutung des Wortes Bildung, denn Bildung heißt auch Formung. Ein Gebildeter ist also eine Geformter!? Geformt nach welchen Kriterien?

Vergleichen wir es mit einem künstlerischen Beruf, dem Bildhauer. Er bildet aus einem kantigen und ungebildeten Steinblock eine Figur, die seiner kreativen Vorstellung entspricht. Das kann das Abbild einer Venus sein, doch ebenso gut die Abbildung eines Arbeiters. Immer häufiger wird allerdings daraus ein abstruses Gebilde, das nach den Aussagen des Künstlers zum Nachdenken anregen soll, meist aber trotz der erklärenden Worte des Bildhauers unverständlich bleibt. Man nennt es "moderne Kunst." Doch ein gebildeter Betrachter versteht das Werk natürlich, denn würde er zugeben, dass er es scheußlich und unverständlich findet, würde er von den anderen Betrachtern stirnrunzelnd in die Phalanx der Ungebildeten eingeordnet. Der Künstler hat schließlich erklärt, was das Werk darstellen soll und damit hat man eben die Pflicht, das Kunstwerk in diesem Sinne zu verstehen, selbst wenn die Gehirnwindungen dabei verknotet werden müssen.

Hat Bildung inzwischen den gleichen Weg genommen, wie moderne Kunst? Es hat den Anschein, denn die meisten Lehrenden (in Wirtschaftsfächern) vertreten inzwischen Standpunkte, die keiner Logik mehr folgen, sondern auf rein fiktiven Annahmen bestehen, Annahmen, deren praktische Anwendung sie klar als Irrtum bzw. Fehlinterpretation ausweisen. So erweisen sich alle Theorien eines liberalen Marktes als falsch, weil in die Theorien der Faktor Mensch nicht einbezogen wurde. Nach dieser Theorie muss man nur immer mehr produzieren, dabei mit den Preisen nach unten gehen und schon hat man ein blühendes Geschäft. Weil eine höhere Produktion mehr Menschen für die Ausführung erforderlich macht, profitieren alle davon, die im Produktionsprozess Tätigen, die Inhaber der Produktionsstätten und der Handel. Das ist Markt. Aber diese theoretische Überlegung erfolgte zu einer Zeit, als absoluter Mangel herrschte und Produktionszahlen in Abhängigkeit von menschlicher Arbeitskraft standen. Adam Smith konnte die Entwicklung von Robotern, Vollautomaten und Computern nicht absehen. Außerdem glaubte er wohl an das Gute im Menschen, obwohl auch zu seiner Zeit (1723 bis 1790) Gier eine der hervorstechenden Eigenschaften der Feudalherrscher und der Bürgerlichen war. Im 20. Jahrhundert, Ende der 60er Jahre, als die technische Entwicklung bereits absehbar war, wurde die Wirtschaftstheorie von Adam Smith, verfeinert (??) durch Theoretiker wie Friedmann (USA) und von Hayek (Österreich, Deutschland), zur beherrschenden Wirtschaftstheorie. Sie wird von den Leuten gelehrt, die sich Wissenschaftler nennen. Aber Wissenschaft erfordert eigentlich, dass jede Theorie nur solange gültig ist, bis es empirische Gegenbeweise gibt. Für Wirtschaftswissenschaftler scheint dieser Grundsatz allerdings nicht zu gelten. Sie bilden oder formen den studentischen Nachwuchs im Sinne dieser Theorie.

Auffallend ist, dass "Gebildete" gerne mit Sätzen, gesprochen von Philosophen der Vergangenheit, ihren Bildungsgrad unterstreichen. Ich habe da eine sehr pragmatische Einstellung. Philosophen wie Sokrates, Platon, Aristoteles, Thales von Milet, Konfuzius, Jesaja, Jeremias, aber auch Philosophen der jüngeren Vergangenheit wie Schopenhauer, Kleist oder Kant sind schon lange tot. Sie haben sicher kluge Dinge ausgesprochen. Aber ihre Philosophie bezog sich auf ihre Zeit, das zu ihrer Zeit vorherrschende System und ihre Kultur. Ist Bildung also die Okkupation der Gedanken vergangener Größen? Ist Bildung das Vollstopfen der Hirnwindungen mit Weisheiten der Vergangenheit, die eigene Gedanken nicht mehr zulassen? Muss man bei Gebildeten fragen: "Bei wem lassen Sie denken?"

Gebildete machen immer so einen wichtigen und selbstzufriedenen Eindruck, wenn sie vor möglichst breitem Publikum äußern: "Platon hat einmal gesagt ..." oder " ich sage es mal mit den Worten Schopenhauers ... " Ist Bildung das Vollstopfen der Hirne junger Menschen mit dem Wissen und den Gedanken vergangener Zeiten, dass kein Platz mehr für die Würze eigener Gedanken und Ideen bleibt? Natürlich meine ich nicht die technischen Aspekte der einzelnen Studiengänge. angehende Mediziner lernen die derzeit bekannten Erkenntnisse der Anatomie, Physiologie und Psychologie, die Grundlagen der Methodik für die einzelnen Behandlungsmöglichkeiten etc. Gleiches gilt für Chemiker, Physiker, Ingenieure. Doch wie oft haben die gelehrten Erkenntnisse Platz machen müssen, weil sie sich als falsch erwiesen, auf nahezu allen Wissensgebieten?

Natürlich kann nicht jeder Studieren, ja nicht einmal die Hochschule bis zum Abitur besuchen. In den Augen der Gebildeten sind sie ungebildet. Sind sie nicht eher unverbildet? Haben sie nicht im Gegenteil sogar den Vorteil, dass sie nicht mit fremden Gedanken voll gestopft wurden und aus diesem Grunde ihren höchsteigenen Gedanken vertrauen? Ist es nicht ein Manko der Bildung, dass man den eigenen Gedanken nicht mehr traut, weil sie im Gegensatz zu allem stehen, was sie gelehrt wurde und was Stand des allgemeinen Wissens ist? Haben nicht alle einen schweren Stand, wenn sie den Mut beweisen, ihre kontroversen Gedanken, Erfahrungen oder Experimente an die Öffentlichkeit zu bringen? Sie werden oft verlacht, verhöhnt oder als Spinner dargestellt. Trotzdem gab es immer wieder Einzelne, die nicht aufgaben, sondern für ihre Ideen kämpften, bis sie sich durchgesetzt haben oder endgültig scheiterten.

Dieser nachweisliche Effekt aller Wissenschaften, dabei der ebenso nachweisliche massive Widerstand aus den jeweils eigenen Reihen ist eigentlich der Beweis, dass man die Sprüche vergangener Weiser gerne wiederholt, aber den Grundsatz wissenschaftlichen Handelns, alle Erkenntnisse ohne Ausnahme in Frage zu stellen und jedem anderen und neuen Gedankengang nachzugehen, nicht mehr befolgt. Die heutige Wissenschaft versucht, den Stand der Erkenntnis zu zementieren. Weiterentwicklung bestehender Erkenntnisse? Ja, vielleicht. Neue Erkenntnisse, evtl. konträr zu bereits bestehendem Wissen? Nein!! Besonders ausgeprägt ist dieses Verhalten im Bereich der Wirtschaftswissenschaften. Da gibt es schon Einige, die gegen das jetzige System Sturm laufen, aber bei den Entscheidungsträgern nicht gehört werden. Die Prediger des Neoliberalismus, Bertelsmann, Wirtschaftsweise, Ifo-Institut München, INSM mit dem Wirtschaftsinstitut in Köln, Straubhaar, Deutsche Bank (eigentlich alle Banken) und viele andere sind die Missionare dieses Wirtschaftssystems und finden auch Gehör bei den (offiziellen) Entscheidungsträgern. (Nicht ganz uneigennützig). Aber aus diesen Reihen sind auch die Lehrstühle der Unis besetzt und pflastern ihre Theorien in die Köpfe des Nachwuchses, dabei jede andere Theorie verteufelnd. Wirtschaftswissenschaft verdient den Namen nicht mehr. Sie ist zu einer Glaubenslehre verkommen.

In einer Welt der totalen Anpassung ist es verpönt, vom Pfade abzuweichen. Man mag zwar Sokrates, Platon, Aristoteles, Archimedes usw. zitieren können, aber wichtiger wäre, dem Weg von Größen wie da Vinci, Keppler, Galileo, Kopernikus, Michelangelo, Newton, Leibniz usw. zu folgen, die trotz aller Widerstände der damals vom Klerus beherrschten Welt ihre eigenen Gedanken und Ideen verfolgten, Gedanken und Ideen, auf denen sehr viel des heutigen Wissens basiert. Wissenschaft sollte ein Abenteuer sein. Das Abenteuer, Neues zu entdecken und Bestehendes zu hinterfragen, statt auf ausgetretenen und zubetonierten Pfaden zu wandeln.

Man braucht nicht zwangsweise ein Abitur und/oder ein Studium. Man braucht nur den Willen und die Fähigkeit, eigene Gedanken zu entwickeln und zu verfolgen. Was nutzt ein jahrelanges Studium, wenn man dabei das Denken verlernt oder nicht mehr zu praktizieren wagt? Wenn man beginnt, seinen eigenen Gedanken nicht mehr zu vertrauen, weil es der vorherrschenden Meinung widerspricht? Nicht was man ist oder studiert hat, ist entscheidend, sondern welche Fähigkeiten man hat und was man daraus macht. Für den Anfang würde es schon reichen, Leute mit Fähigkeiten und dem Willen, sich und ihre eigenen Gedanken nicht unterbuttern zu lassen, in den politischen Ämtern zu haben. Dann wären dort Unternehmensberater, Lobbyisten und Konzernmitarbeiter nicht mehr die eigentlichen Entscheidungsträger.