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Erstelldatum: 28.10.2006

Totenruhe
oder die Bigotterie von Politik und Presse

Schändung der Totenruhe schein die Schlagzeile der Woche zu sein. Ausgangspunkt, wie könnte es anders sein, ist die BILD. Es ist ein taktloses Verhalten, dass diese Soldaten in Afghanistan an den Tag legten. Aber mehr nicht. Und sich gelegentlich taktlos aufzuführen, ist ein Vorrecht der Jugend, die sich zuerst einmal ein eigenes Bild über das bilden muss, was taktvoll und was taktlos ist.

Was ist passiert. Junge Soldaten haben sich mit einem Berg Knochen von Menschen ablichten lassen, die sie irgendwo im Boden Afghanistans ausgebuddelt haben. Schon geht das Geschrei über die gestörte "Totenruhe" los. Für mich ist das Heuchelei pur, die Toten sind tot, sie merken nichts mehr davon. Wenn ich es richtig verstanden habe, weiß man nicht einmal genau, wessen Knochen für diese Fotos herhalten mussten. Vermutet wird, dass es Russen sind, die beim Kampf in Afghanistan dort ihr Leben ließen. Verscharrt, nicht bestattet.

Ich halte das für Bigotterie übelsten Ausmaßes. In allen Teilen der Welt buddeln Archäologen in der Erde, um versunkene Kulturen wieder ans Licht zu bringen, mehr über die Vergangenheit zu erfahren. Man denke dabei an die Pyramiden in Ägypten. Was ist mit diesen Toten? Die damalige Kultur hat sie mit riesigen Schutzwällen umgeben, um ihre Totenruhe zu sichern. Es hat nichts genutzt. Archäologen buddeln sie aus, wickeln sie aus den Bandagen, untersuchen die Knochen mit modernsten Mitteln und niemand macht sich Gedanken, ob er damit die Totenruhe stört. Im Gegenteil, jeder Archäologe, der einen Knochenfund macht, wird gefeiert und mit den Knochen abgelichtet. Jetzt wird nicht die Totenruhe gestört, sondern mit einem sensationellen Fund die Vergangenheit wieder lebendig. Ist die Totenruhe abhängig von einer Zeitschiene?

Vor nicht allzu langer Zeit lief die Ausstellung Körperwelten. Was war mit der Ausstellung bzw. Zurschaustellung dieser Toten? Ach ja, das war ja Kunst. Eine Kunst, mit welcher der Künstler gut verdient hat und wenn Geld im Spiel ist, hat die Totenruhe ihre Bedeutung verloren.

Im Laufe der Jahrtausende hat jede Kultur ihre eigenen Bestattungsriten gehabt. Aber der Totenkult war immer etwas für die Lebenden, nicht für die Toten. Jedes Land und zwar ausnahmslos jedes Land hat in seinem Boden irgendwo Massengräber, wo Leichen einfach ohne irgendwelche rituellen Maßnahmen verscharrt wurden und jedes Land hat Menschen oder hat sie zumindest gehabt, die solche Massengräber geschaufelt haben. Aus der jüngsten Geschichte seien da nur Deutschland, der Irak, Afghanistan, Jugoslawien und einige südamerikanische Länder erwähnt. Aber es scheint nicht so wichtig, wer für die Entstehung solcher Massengräber die Verantwortung trägt. Wichtiger ist scheinbar, dass man nicht daran erinnert.

Vor kurzer Zeit wurde der Einsatz von Phosphorbomben im Libanon durch Israel zugegeben. Damit wurde kein Medienrummel erzeugt. Scheinbar ist es den Menschen heute nicht so wichtig, wie und mit welchen Mitteln Menschen abgeschlachtet werden. Wichtig ist nur, dass sich hinterher nicht ein paar junge Leute aus Geltungssucht mit den Knochen der Abgeschlachteten ablichten lassen. Nein, was diese Soldaten machten, war nicht schön und war taktlos, ist aber keinesfalls den Rummel wert, der darum gemacht wird. Ich denke, jeder hat, wie es so schön heißt, "eine Leiche im Keller liegen", also in seiner Jugend (oder auch später) etwas getan, für das er sich später schämt. Wer ohne Schuld, der werfe den ersten Stein.