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Erstelldatum: 09.09.2007

Betriebsausflug

Die Presse hat darüber berichtet, dass das Tochterunternehmen der Stadt Essen, EABG (Essener Arbeits- und Beschäftigungsgesellschaft), von einem geplanten Betriebsausflug die dort beschäftigten Ein Euro Jobber ausgeschlossen hat. Der Spiegel berichtete, dass nur die 160 Personen starke Stammbelegschaft zu diesem Ausflug eingeladen wurde, nicht aber die 500 Ein Euro Jobber. Sie mussten an diesem Tag entweder unbezahlten Urlaub nehmen oder die Zeit nacharbeiten. Der Geschäftsführer der EABG, Ulrich Lorch, hatte dazu eine ein wenig seltsam anmutende Begründung:

    "Das sind auf gar keinen Fall Mitarbeiter" und "Wenn zum Beispiel ein Bildungsträger einen Betriebsausflug mache, würden schließlich auch keine Schüler mitfahren"
. Weiter berichtet der Spiegel, dass einer der Betroffenen, der sich weigerte, einen Urlaubsantrag zu unterschreiben, von einem Gewerkemeister als "Spinner und Pisser" bezeichnet wurde. Der Mann hat Strafanzeige wegen Beleidigung gestellt, befürchtet aber nun Repressalien (wohl nicht zu Unrecht).

So weit, so gut. Die Presse hat darüber berichtet und damit bewiesen, dass sie soziale Angelegenheiten nicht aus den Augen verliert. "Hat sie???" Wie kann es sein, dass niemand in der Presse die Frage stellt, wie es sein kann, dass eine Unternehmung der Stadt, in welcher die Arbeitslosen in den Gewerken der Tischlerei, im Maler- und Lackierergewerk oder im Garten- und Landschaftsbaubetrieb des Unternehmens eingesetzt werden, eine Stammbelegschaft von 160 Mitarbeitern und 500 ("in Worten: Fünfhundert") Ein Euro Jobber beschäftigt? Sind Arbeiten in der Tischlerei, im Maler- und Lackierergewerk oder im Garten- und Landschaftsbaubetrieb wirklich "zusätzlich?" Oder saniert sich hier ein Unternehmen, indem es sich für reguläre Arbeiten Zwangsverpflichtete zuweisen lässt und dabei für jeden Zwangsverpflichteten 500 kassiert, von denen es maximal 130 an Ausgaben verbuchen muss? Hätte nicht vielleicht eine tiefer gehende Recherche eines wirklich an sozialen Belangen interessierten Presseorgans dann zutage gefördert, dass die EABG nicht das einzige Unternehmen der Stadt Essen in dieser Art ist? Beispielsweise die Arbeit & Bildung Essen GmbH (ABEG), deren Geschäftsführer auch Ulrich Lorch heißt? Oder das Berufsförderungszentrum Essen eV (BFZ), dessen Vorstandsvorsitzender wieder Ulrich Lorch heißt? Was ist mit der GEP-Essen und dem Vorstandsvorsitzenden Ulrich Lorch? Oder der PerTransfer Essen GmbH , mit, wie könnte es anders sein, Ulrich Lorch als Geschäftsführer? Sanieren sich hier die Kommune und mit ihrer Unterstützung dieser viel beschäftigte Ulrich Lorch auf Kosten von Zwangsarbeitern? Wie viele reguläre Jobs werden auf diese Art vernichtet?

Im Falle der EABG ist die Zahl der Beschäftigten bekannt. 160 Verwaltungsmitarbeiter und 500 Ein Euro Jobber. 500 Ein Euro Jobber spülen monatlich 1,850.000 netto an Steuergeldern in die Kasse der EABG. Wie viel davon in die Taschen des Herrn Ulrich Lorch fließt, kann ich natürlich nicht sagen, nehme aber stark an, dass es mehr als 347 plus Geld für die Wohnung plus 130 für die Arbeit bei der EABG sind.

Investigativer Journalismus bedeutet nach meinem Verständnis, einmal zu recherchieren, wie viele solcher Unternehmungen von den Kommunen betrieben werden und wie hoch die Summe an Steuergeldern ist, die damit zur Sanierung der Kommunen verwendet wird und dabei jede Menge regulärer Arbeitsplätze vernichtet. Investigativer Journalismus würde aus meiner Sicht bedeuten, die Leser aufzuklären, dass die angeblich zur Wiedereingliederung in den ersten Arbeitsmarkt vergebenen Arbeitsgelegenheiten (Ein Euro Jobs) eben nicht zur Wiedereingliederung führen, sondern nur der Ausbeutung dienen, der Ausbeutung von Arbeitslosen durch die Kommunen und Einrichtungen, die sich karikativ und meist auch christlich nennen, sich aber ausnahmslos an dieser Ausbeutung beteiligen.

Monatlich verkündet die BA ihre statistischen Auswertungen und vermeldet ständig einen Rückgang der Arbeitslosenzahlen. Wo ist das Presseorgan, das einmal von der BA eine Statistik anfordert, wie viele Empfänger von ALG II wieder in sozialversicherungspflichtige Jobs eingegliedert wurden und wie viele dieser Jobs auch so bezahlt werden, dass man davon leben kann? Würde die Presse dieser Frage einmal nachgehen, würde die Bevölkerung erfahren, dass die frohe Botschaft der Regierung und der BA über den Rückgang der Arbeitslosigkeit auf Täuschung beruht, weil man Arbeitslose durch die erpresserische Gesetzgebung in Jobs presst, die nicht ausreichen, von dem damit erzielten Einkommen den Lebensunterhalt zu bestreiten. Während die BA einen Rückgang der Arbeitslosigkeit verkündet und die Regierung diese Aussagen mit entsprechenden Statements begleitet, nimmt die Zahl der ALG II-Empfänger kontinuierlich zu. So wurden im August 7.253.587 Empfänger von Arbeitslosengeld II lt. BA-Statistik (Mappe 71) gemeldet, gegenüber 7.012.757 im Juli, das sind 240.830 Empfänger von ALG II mehr als im Juli. Und im Juni wurden 7.002.434 ALG II-Empfänger vermeldet, was den Zahlen im August nach eine Zunahme von 251.153 bedeutet. Die Zahl der geringfügig Beschäftigten hat um 64.200 (Juni gegenüber Mai) zugenommen. Solchen Widersprüchen zwischen offiziellen Verlautbarungen und realen Daten nachzugehen, das verstehe ich als investigativen Journalismus.