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Meine Beiträge

In den letzten Tagen erreichte mich die Kritik eines Lesers, dass er den Eindruck hätte, dass ich allmählich das Vertrauen zu den Menschen verliere. Diese Kritik ist gleichermaßen berechtigt wie unberechtigt. Das hängt damit zusammen, dass ich zwei von unterschiedlichen Gruppierungen aufgestellte Kernthesen nicht akzeptiere.

These 1
Der Mensch ist die Krone der Schöpfung

These 2
Der Mensch ist ein Herdentier

These 1 stimmt schon deshalb nicht, weil sich das Wirken der Menschheit insgesamt zerstörerisch auf seinen "Wirtskörper", die Erde, auswirkt. Legt man die von Biologen über Parasiten aufgestellte Definition zugrunde, ist der Mensch kosmisch gesehen ein Parasit, weil er die Ressourcen der Erde ausbeutet, zerstört und vernichtet, ohne der Natur etwas zurück zu geben. Die Menschheit lebt nicht mehr in Einklang mit der Natur, sondern in einem diametralen Gegensatz. Diese Erkenntnis haben einige andere Menschen auch und versuchen bereits seit langer Zeit, dagegen zu steuern, was aber, bedingt durch die mit der Zerstörung verbundenen Kapitalinteressen, ein zweckloses Unterfangen ist.

These 2 wird von Kritikern über das sozilogische Verhalten der Menschen aufgestellt, die davon ausgehen, dass ein Leithammel (oder das Leittier eines beliebigen anderen Herdentiers) anführt und hinter dem alle herlaufen. Diese These halte ich insofern für falsch, weil Menschen individuelle Eigenschaften haben, insofern also eher als Rudel bezeichnet werden müssten. Doch da setzt die Problematik ein. Wir sind wie eine Herde in Korräle (Nationalstaaten) eingepfercht. Diese Korräle sind nochmals in kleinere Einheiten gegliedert (Länder, Kommunen und Gemeinden). Über den Wahlmechanismus werden die Leithammel und Unterleithammel festgelegt und da wir uns von der Natur weit entfernt haben, sind das weder die Intelligentesten noch die Stärksten, sondern allenfalls die Machtgierigsten. Das ist es, was uns wirklich von den Tieren unterscheidet, weil diese Machtgier nicht kennen.

Dieses Missverhältnis, dass ein der Rudelspezies angehörendes Wesen nach den Regeln einer Herdenhierarchie geführt wird, ist ausschlaggebend für die Spannungen in der Gesellschaft. Das Revierverhalten von Rudeln ist weitaus ausgeprägter als das von Herden. Diesem Rudelverhalten tragen wir mit unseren Kriegen nach wie vor Rechnung (sonst wäre Bush alleine gegen Hussein angetreten und wir hätten alle nur zugeschaut). Aber innerhalb der Korräle wird von uns verlangt, uns wie Herdentiere zu verhalten. Da sich aber in Rudeln mehr Spezies mit den Eigenschaften eines Alphatieres heranbilden, kommt es innerhalb des Korrals immer wieder zu Spannungen.

Doch genug dieser (ich gebe es ja zu) etwas abwegigen Betrachtung. Oben genannte Kritik wurde, da nicht näher erläutert, vermutlich durch einen eher selbstkritischen Beitrag ausgelöst. Normalerweise ist man in meinen Beiträgen daran gewöhnt, dass ich auf die herrschende Klasse einprügele. Aber von Zeit zu Zeit muss auch mal ein Nasenstüber in die eigene Richtung gehen, denn wir alle machen viel mehr Politik, als uns bewusst ist oder wir uns selbst eingestehen wollen. Dabei reagieren wir meist nach dem Motto: Fehler machen nur die anderen und wir sind nur die Opfer.

Ab und zu muss man dann mal daran erinnern, dass wir denkende und handelnde Wesen sein sollten, dieser Aufgabe aber nicht gerecht werden. In meinem Logo steht der Satz:
Als der Herr dem Menschen den Verstand gegeben hat, hat er vergessen, eine Gebrauchsanweisung beizulegen.

Diesen Satz meine ich nicht ironisch, sondern wirklich ernst. Wir haben uns angewöhnt, rein rituell zu handeln und nennen das Gewohnheit. Dieser Vorwurf trifft auf alle zu, ohne Ausnahme. Aber wir leben heute in einer Zeit, in der es angebracht ist, öfter mal den Verstand einzuschalten und neben Kritik nach außen auch ab und zu mal ein wenig selbstkritisch zu sein, dabei ein behandeltes Thema nicht nur von einer Seite, sondern von allen Seiten zu betrachten. Dann wird es nämlich schwieriger, weil unterschiedliche Positionen aufeinander treffen können, die eine Entscheidung erheblich erschweren. Anhand eines Beispiels möchte ich das erläutern.

Von verschiedenen Seiten bekam ich das hier verlinkte Schreiben zugespielt, über die Erschleichung von 70 Millionen durch die Fa. Müller Milch, die in Sachsen eine neue Milchproduktionsstätte aufgebaut und damit 158 Arbeitsplätze geschaffen hat. Dafür hat sie an anderen Stellen Werke geschlossen und insgesamt 175 Leute auf die Straße gesetzt hat. Insgesamt wurde so vom Land Sachsen und von der EU die Arbeitsplatzvernichtung von 17 Leuten mit 70 Millionen subventioniert. Aber das ist ja nicht alles. Zusätzlich hat der Herr Müller mit Sicherheit die 175 abgebauten Stellen und die Schließung der Werke als Verlust abgeschrieben, sich also auch diese unsoziale Maßnahme von uns allen finanzieren lassen. Wenn sie das zuvor verlinkte Schreiben gelesen haben, dann haben Sie auch den Aufruf zum Boykott gelesen. Hier wird es spannend.

  1. Der reine Gewohnheitsmensch:
    Na und? das ist doch heute mit allem so

    wird er entgegnen und erst gar nicht weiter über den Vorgang nachdenken.
    Er hat seine Erfahrungswerte und auf die greift er zurück, gleichgültig, ob es angebracht ist oder nicht. Liebe alte Gewohnheit.

  2. Der kritisch angehauchte Gewohnheitsmensch: Ja, lasst uns die Fa. Müller Milch boykottieren, damit er merkt, das kann man mit uns nicht mehr machen.
    Auch er hat bestimmte Erfahrungswerte und greift auf sie zurück. Der Zorn über diesen Vorgang verhindert, dass er weiter darüber nachdenkt. Liebe alte Gewohnheit.

  3. Der sozial Angehauchte, bzw. der, der mal über mögliche Konsequenzen nachgedacht hat: Kein Boykott, denn damit werden weitere Arbeitsplätze gefährdet.
    Entweder sind das Leute, die auf soziale Erfahrungswerte zurückgreifen oder Leute, die sich mal Gedanken über mögliche Folgen gemacht haben.

Bevor Sie weiterlesen, denken Sie mal nach. Welche Reaktion finden Sie richtiger?


Jetzt möchten Sie natürlich wissen, wie ich entscheiden würde bzw. für mich entschieden habe. Manche einer wird auch leicht verärgert denken: Was glaubt dieser Neunmal-Kluge eigentlich, wer oder was er ist?. Natürlich habe diese Leute recht. Ich setze mich hin, tippe Ratschläge in den Computer, fertig. Na ja, fast, denn ich tippe nicht nur Ratschläge ein, sondern auch meine (subjektive) Meinung. Zurück zur Frage, wie ich mich entschieden habe. Nun ich bin für den Boykott und erläutere anschließend, warum. Allerdings hat mein Boykott keinerlei Auswirkung, weil ich (bewusst) noch nie Produkte der Fa. Müller-Milch gekauft oder verzehrt habe. Natürlich kann ich nicht ausschließen, dass auch ich Produkte aus diesem Hause kaufe oder verzehre, wenn sie unter einem anderen Label verkauft werden.

Doch zurück zum Gebrauch des Verstandes.
Fall 1. Natürlich hat der Gewohnheitsmensch recht. Solche Taktiken sind heut üblich und gang und gäbe. Aber dabei darf man es nicht belassen. Weil wir uns nie gegen diese Praktiken gewehrt haben, sind sie heute so verbreitet. Es muss also etwas geschehen.

Fall 2. Hier ist es schon ein wenig komplizierter, denn ich habe es mir in der obigen Beschreibung wirklich zu einfach gemacht. Die Bereitschaft zum Boykott wird bei einigen wohl ausschließlich aus der Empörung heraus und dem Willen, dass nicht hinzunehmen, entstehen. Bei anderen wird es ein überlegter Akt sein. Die Empörung über das Vorgehen, danach die Überlegung, was ist die Konsequenz eines Boykotts, dann die Entscheidung: Auch wenn dadurch Arbeitsplätze verloren gehen, es muss was geschehen.

Fall 3 Hier ist jemand, der nicht bereit ist, einen Boykott durchzuführen, weil er nicht Mitschuld tragen will, dass die Folge, der Verlust von Arbeitsplätzen, durch sein Verhalten mit verschuldet wird.

Wer hat nun recht? Der Resignierende, der von dem Standpunkt ausgeht, dass wir ohnehin nichts machen können? Der Boykotteur, der den Verlust weiterer Arbeitsplätze in Kauf nimmt, weil er der Meinung ist, dass man das nicht hinnehmen kann und etwas tun muss? Oder der, der sagt, mit diesem Verhalten mache ich doch alles nur noch schlimmer?

Hier beginnt meine subjektive Sicht, die mir wohl auch den Tadel eingebracht hat.

  1. Wer soll etwas gegen diese Praktiken unternehmen, wenn nicht wir? Die Politik?
  2. Was erwarten wir von einem Menschen, in diesem Fall Herrn Müller? Soll er die Gelegenheit, kräftig abzusahnen, aus ethisch-moralischen Gründen ungenutzt verstreichen lassen?
  3. Wie unterscheiden wir uns eigentlich von Herrn Müller?
  4. Welcher Unterschied besteht grundsätzlich zwischen den Praktiken des Kapitals und unserem Verhalten?

Wir steuern mit unserem Kaufverhalten den Prozess des Marktes, nicht der Anbieter, sondern wir, die Kunden. Der Anbieter versucht, der Nachfrage nach Produkten gerecht zu werden. Au0erdem versucht er, die Konkurrenz mittels Werbung und über die Preise auszustechen. Folglich kann nur unser Kaufverhalten Änderungen bewirken. Boykottieren wir ein Produkt oder eine Produktmarke, ist das mit dem Verlust von Marktanteilen für den Anbieter verbunden, wird also direkt zu einem finanziellen Verlust für den Anbieter. Er hat dass Verbraucherverhalten falsch eingeschätzt, als muss er seine Strategie ändern. Dabei wird er feststellen, dass es leichter ist, durch eine falsche Maßnahme Vertrauen zu verlieren, als durch eine Korrektur seines Verhaltens dieses Vertrauen zurück zu gewinnen. Bildlich gesprochen hat er sich die Finger verbrannt und es wird dauern, bis die Brandwunde wieder verheilt ist. In jedem Fall wird es für ihn eine Lehre sein, dass man dem Verbraucher nicht alles zumuten kann und er wird in Zukunft weitaus vorsichtiger werden. Die Politik hat nur geringen Einfluss. Die gezahlte Subvention soll für strukturschwache Gebiete einen Anreiz bieten, dass sich Unternehmen dort niederlassen. Im Prinzip ja gar nicht schlecht. Gesetze decken aber nie das gesamte Spektrum der Möglichkeiten ab. Bei der Subventionsvergabe wurde wohl vergessen, die Subvention von einer echten Neugründung abhängig zu machen.

Was hat Herr Müller gemacht? Er hat einen Vorteil für sich gesehen und den genutzt. Sein Vorgehen mag moralisch verwerflich sein, ist aber ökonomisch für ihn von Vorteil und es ist legal. Er hat eine Lücke im Subventionsgesetz gesehen und genutzt. Er hat etwas getan, was wir alle tun, seinen Vorteil genutzt. Er macht das im großen Stil, wir machen es im Kleinen.

Der Unterschied zwischen Herrn Müller und uns besteht eigentlich nur in der Höhe des Bankkontos und der Professionalität, mit der er vorgeht. Er hat ein Schnäppchen gemacht und da ist es ihm völlig gleichgültig, ob sich das für andere negativ auswirkt. Wir handeln da nicht anders. Es ist genau dieser Punkt, der die Arbeitslosigkeit verursacht. Ein Unternehmer, der durch die Entlassung von Personal seine Produkte billiger auf den Markt wirft, kann sich darauf verlassen, dass uns gleichgültig ist, dass die Preissenkung mit Arbeitslosigkeit bezahlt wird. Er bietet Schnäppchen an und wir greifen zu, weil wir möglicherweise ein paar Cent sparen. Ein noch krasseres Beispiel. In einem Lokal zahlen wir mit einem 20-Euroschein. Der Kellner oder die Kellnerin irrt sich und gibt auf 50 Euro raus. Wie viele gibt es, die das Geld einstecken und ganz schnell gehen, ohne sich den Kopf darüber zu zerbrechen, dass wir damit der Bedienung einen Verlust von 30 Euro zugefügt haben. Ich weiß, das tun nicht alle, aber selbst einer ist einer zu viel. Wir handeln nicht anders als Herr Müller. Wir bekommen eine Gelegenheit und nutzen sie. In dem Moment denken wir über Moral und Ethik nicht groß nach. Wäre es anders, wären Aldi, Tschibo, Penny, Lidl, Tengelmann oder Herr Müller nicht so groß geworden, wie sie es sind.

Der grundsätzliche Unterschied zwischen uns und dem Kapital besteht darin, dass das Kapital Geld ausgibt, um abzusahnen und wir sparen, um Geld auszugeben. Herr Müller hat zunächst mal Geld ausgegeben, indem er in Sachsen ein Werk gekauft und saniert hat. Er ist in Vorleistung getreten, dafür die anderen Werke zu schließen. Aber das war berechenbar. Die Kosten für die Schließung holt er über Verlustabschreibungen fast vollständig wieder herein. Für die Einstellung der Mitarbeiter in Sachsen bekommt er die Subvention von 70 Millionen und bekommt Arbeitskräfte, die billiger sind, als die in den geschlossenen Werken. Seine Investition macht sich bezahlt. Er kassiert.

Wir gehen in die Billigmärkte und kaufen dort, Schuhe aus China, billigen Ramsch aus anderen Billiglohnländern, billige Lebensmittel beim Discounter oder im Supermarkt. Weil es billiger ist, verzichten wir auf Beratung und Service, auf Frische und Qualität, Hauptsache billig. Geiz ist eben geil. Dafür müssen wir dann höhere Beiträge in die Sozialkassen zahlen, Müssen die steigende Zahl Arbeitsloser mit unterhalten oder werden evtl. sogar selbst davon betroffen. Werden wir als Folge unseres eigenen Handelns arbeitslos. nutzt uns das Ersparte nichts, denn den größten Teil müssen wir zunächst verbrauchen, bevor wie staatliche Leistungen bekommen.

In manchen großen Supermarktketten bekommen wir Kundenkarten und für den Kauf Punkte gut geschrieben, für die wir dann Prämien bekommen, die wir im Grunde nicht brauchen. Aber weil die Prämien umsonst zu sein scheinen, greifen wir zu. Dass wir damit Informationen über uns aus der Hand geben, stört uns nicht, schließlich haben wir nichts zu verbergen, oder? Doch ganz umsonst sind die Prämien nicht. Sie geben Auskunft über unser Verbraucherverhalten und die Angebote werden auf unser Verhalten zugeschnitten. Werbung erfolgt nun viel gezielter, weil man weiß, was uns anmacht. Wir, eigentlich Rudeltiere, werden immer weiter zum Herdenvieh transmutiert, verlieren unsere Individualität, werden absolut berechenbar. Schuld sind minimale Vorteile, wir glauben zumindest, es wären Vorteile. Aber egal ob Preisvorteil oder Prämie, wir schneiden uns stets ins eigene Fleisch. Das Kapital nützt diese Schwäche zum eigenen Vorteil und deren Vorteile sind zunächst real.

Man könnte den Eindruck haben, das Kapital sei intelligenter, doch das ist falsch, denn die kapitalistische Strategie hat nur eine gewisse Zeit Vorteile. Mit der Entlassung von Personal wird Kaufkraft vernichtet. Es dauert etwas länger, aber im Binnenmarkt merken es viele Unternehmen schon heute. Um Waren billiger herstellen zu können, will man die Löhne drücken. Doch was bringt das wirklich? Die Gewinne werden nur unwesentlich größer, wenn überhaupt. Die Unternehmen, die heute riesige Gewinne einfahren, sind fast ausschließlich global agierende Unternehmen. Doch auch dort wird es enger. Also weicht man auf die Finanzmärkte aus. Der Finanzmarkt ist aber nicht sensibel, wie viele meinen, sondern einfach eine instabile Blase. Platzt sie, und sie wird platzen, werden viele ihr zusammengerafftes Vermögen wieder verlieren.

Ich komme auf den Anfang zurück, auf den Spruch in meinem Logo. Wir haben einen Verstand, aber wir setzen ihn zu selten ein. Unser Verhalten wird ritualisiert und wir lassen es zu. Wir hätten die Macht, aber wir nutzen sie nicht, denn dann müssten wir Gewohnheiten ändern, evtl. Unbequemlichkeiten in Kauf nehmen. Schließlich haben wir ja gewählt, damit uns Politiker den Weg ebnen. Wir haben Wissenschaftler, die uns das Denken abnehmen sollen. Unternehmer haben Rücksicht auf uns zu nehmen. Doch hier liegt unser größter Fehler. Wir vergessen, Politikern, Wissenschaftlern und Unternehmern ist das Hemd, genau wie bei uns, näher als der Rock.

Alle Ungerechtigkeiten, die es in der Menschheitsgeschichte gegeben hat, haben die gleiche Ursache. Sie wurden von einer Mehrheit akzeptiert und hatten deshalb Bestand. Die einen länger, die anderen weniger lang. Die Akzeptanz beruht auf dem System des Vorteils. Schon wer kleine Vorteile von einem System hat, wird es akzeptieren.

Siehst Du, lieber Detti, deshalb schimpfe ich nicht nur auf die Politik, die Wissenschaft oder das Kapital, sondern gelegentlich auch auf uns. Wir geben den genannten Kräften die Steilvorlagen, damit sie die Tore für uns schießen und begreifen zu spät, dass es Eigentore sind.