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Erstelldatum: 20.05.2007

Baum der Erkenntnis

Ein alter Beitrag, aber von seiner Aktualität hat er nichts verloren. Ich wurde auf den Beitrag angesprochen, hebe "mein Werk" selbst noch einmal gelesen und finde auch Sie könnten es noch einmal zur Auffrischung lesen (falls sie es überhaupt schon gelesen haben).

Wer kennt sie nicht, die Geschichte von der Vertreibung aus dem Paradies? Mitten im Garten Eden stand ein Baum, der Baum der Erkenntnis. Verbotenerweise hat Eva vom Baum der Erkenntnis genascht und in typisch sexuellem Vorspiel auch Adam beißen lassen und dafür hat Gott den Mietvertrag für das Paradies gekündigt.

So wird es gepredigt und stets kommt von der Kanzel dann der Satz:
"Die Wege des Herrn sind unergründlich und wunderbar."

Ein wenig düpiert mich dieser Satz schon. Wenn die Wege unergründlich sind, woher weiß ich dann, dass sie wunderbar sind? Ich bin wohl nicht der Einzige, der diese ketzerische Frage stellt, denn in den drei Religionen gibt es offenbar Leute, die diese Wege ausforschen möchten. Wir kennen sie unter der Berufsbezeichnung Bibelforscher. Allerdings glaube ich (ich bin schließlich ein Ketzer), dass diese Leute mehr wie eine Einschienenbahn funktionieren und deshalb nicht wirklich fündig werden.

Ich sehe die Geschichte ein wenig anders (na ja, eigentlich ist die Geschichte für mich nur ein Märchen, aber ich möchte den Faden weiterspinnen). Gott hat Adam und Eva geschaffen, nach seinem Ebenbild, wie uns die Bibel lehrt. Auch das macht mich stutzig. Wenn wir nach seinem Ebenbild erschaffen wurde, muss es neben ihm noch Weitere gegeben haben, denn er hat uns zweigeschlechtlich gebaut. So weit mit meinen Überlegungen gekommen, frage ich mich dann, warum er uns, zumindest Adam, aus Lehm gemacht hat und nicht auf die durchaus vergnügliche Art, die wir heute betreiben? Warum hat er für die Erschaffung von Eva Adam eine Rippe geklaut, War er vielleicht ein Freak von gentechnischen Experimenten? Nein, ich sehe das alles ein wenig anders.

Die Geschichte von der Vertreibung aus dem Paradies sehe ich auch ein wenig anders. Gott hat uns als Tiere geschaffen, wie Millionen andere Arten und weil er sich Tieren verständlich machen konnte, hat er uns gesagt:
"Seht dort den Baum. Es ist der Baum der Erkenntnis. Seine Früchte sind bitter. Trotzdem müsst ihr eine Frucht essen, wenn ihr, die ihr im Verhältnis zu meinen anderen Geschöpfen langsam und schwach seid, überleben wollt. Die Frucht wird euren Verstand schärfen und ihr werdet euch selbst und die Wunder der Welt erkennen. Ihr werdet in Einklang mit der Natur, mit allen Pflanzen und Tieren leben, meine Schöpfung achten und in meinem Sinne hegen und pflegen. Auch wenn die Frucht bitter schmeckt, müsst ihr sie ganz essen und dafür ein langes, glückliches Leben im Bewusstsein eures Seins und dem des Kosmos erhalten."

Sprachs und ging seinen anderen Geschäften nach, schließlich hatte er nicht nur ein unbedeutendes Sonnensystem erschaffen, sondern ganze Galaxien und ganze Universen.

Eva oder vielleicht auch Adam pflückten daraufhin eine der Früchte und bissen zaghaft hinein. Schließlich hatte Gott gesagt, die Früchte seien bitter. Die Wahrheit war, die Früchte schmeckten scheußlich (tut das die Erkenntnis nicht immer?) und sie spuckten angewidert das Fruchtfleisch aus. Nur ein wenig vom Saft der Frucht schluckten sie und schärften ihren Verstand so weit, dass sie sich mit Tricks und List gegen die viel stärkeren anderen Geschöpfe des Herrn behaupten und überleben konnten. Aber die Erkenntnis blieb ihnen versagt und damit auch der Sinn ihres Daseins. Sie wurden nicht aus dem Paradies vertrieben, sondern lebten darin und tun es immer noch. Aber weil sie die Frucht nicht ganz gegessen hatten, reichte ihr Verstand nicht aus, das zu erkennen und in Einklang mit den sie umgebenden Wundern zu leben.

Nachdem ich nun diesen Teil der Bibel umgeschrieben habe, mache ich einen Sprung in die Zeit vor ca. 2.000 Jahren. Damals wurde ein Mann ans Kreuz genagelt (man erkennt, dass der Mensch das Tier in sich nicht überwunden hat). Dem Glauben der Christen nach war es der Sohn Gottes und als ihn einer der Römer mit seinem Speer kitzelte, soll er gesagt haben:
"Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun."

Den Bibelforschern zufolge war es ein Seufzer wegen des Mordes an ihm. Aber ich werde wieder stutzig. Laut Bibel haben die Menschen nichts Schlimmes getan, denn es war doch Gott, der diesen Weg für seinen Sohn gewählt hatte, damit er mit seinem Opfertod die Sünden von den Menschen nähme. Wenn er also diese Worte gesprochen hat, hatten sie vielleicht einen anderen Sinn? Hat er nicht zuvor gepredigt und Wunder bewirkt, ohne wirklich verstanden zu werden? Ist nicht wahrscheinlicher, dass er zu Lebzeiten erkannte, dass die Menschen nicht wirklich lernfähig waren und deshalb in der Stunde seines Schicksals mit diesen Worten um Gnade für die Lernunfähigen warb? Ist es nicht auch heute noch so, dass wir nicht wissen, was wir tun, trotz Geschichtsschreibung unfähig sind, aus der Geschichte zu lernen, unfähig, uns und unser Verhalten zu ändern?

Nun könnten Sie vielleicht glauben, ich wolle die Kirche auf meine Interpretation des Buches der Bücher aufmerksam machen, der Hl. Kirche zeigen, dass ich einen "Missing Link" ihres Buches gefunden hätte, aber dem ist nicht so. Wer sich in den vergangenen 1.600 Jahren mit dem Glauben befasst hat (von wenigen Ausnahmen abgesehen), hat damit einen sicheren Weg zu einem mehr oder weniger beschaulichen und bequemen Leben mit einem vollen Bauch und oft malträtierter Leber gefunden. Vorbedingung war, die Massen dumm zu halten und (bis Luther) sexuell sich eher der Homosexualität und Masturbation zuzuwenden. In diesem Kontext hat eine Veränderung keinen Platz und meine Interpretation ist reine Ketzerei. Im Mittelalter hätte ich dafür gebrannt, heute kann man mich allenfalls beschimpfen.

Es ist genug der Einleitung. Religion ist ein Politikum und deshalb habe ich es als Einleitung in diesen Beitrag eingebunden. Direkt oder indirekt werde ich oft mit der Frage konfrontiert, wie das heute bestehende System geändert werden könnte. Im Vertrauen auf die Menschen behaupte ich: "Gar nicht, oder wenn, dann nur blutig."

Natürlich gäbe es einen anderen Weg, aber vor diesem Weg hat der Mensch wohl mehr Angst, als vor Kriegen, Unterdrückung und Sklaverei. Dieser andere Weg würde heißen: "Denken Sie politisch." Ich sage bewusst nicht, handeln Sie politisch, denn das tun wir alle. Aber wie sagte Jesus? "Herr vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun." Das sagt alles. Sie handeln politisch, ohne es zu wissen. Die Politik der Regierungen setzt nur um, was sie unbewusst politisch gefordert haben. Sie glauben mir nicht? Ein paar Beispiele werden Sie vielleicht überzeugen (das glaube ich nicht wirklich).

Sie kennen den Spruch von Saturn: "Geiz ist geil." Dieser Spruch ist nur die in Worte gefasste Einstellung der Menschen, die schon lange vor der Gründung von Saturn bestand. In den 50er und 60er Jahren des letzten Jahrhunderts haben die Menschen erneut die Basis für diesen Spruch geschaffen. Sie haben entschieden, dass Arbeitslosigkeit nichts Schlimmes ist, ohne dass es ihnen bewusst wurde. Es begann mit dem Auftauchen der Supermärkte. Es war bequemer und billiger, dort zu kaufen, als bei Tante Emma, im Gemüseladen, beim Fleischer, beim Bäcker. Man strömte in die Supermärkte, weil die von den Zulieferern wegen der Abnahme größerer mengen bessere Konditionen bekamen und deshalb die Preise niedriger ansetzen konnten und zusätzlich das gesamte Spektrum an Lebensmitteln anboten. Damit haben sie politisch entschieden, dass es keine Koexistenz zwischen Supermärkten und Tante Emma Läden gab und somit eine Menge Leute plötzlich ohne ihren Job waren. Das fiel damals noch nicht so auf, denn der Aufbau nach dem Krieg war noch nicht abgeschlossen. Sie haben unbewusst eine weitere politische Entscheidung gefällt, die Tierhaltung betreffend. Sie wollten jetzt täglich Fleisch auf ihrem Teller, aber es musste billig sein. Ihr Wunsch war einem Teil der Landwirte Befehl und so entstand eine Landwirtschaftliche Industrie der Nutztierhaltung, die Tiere nicht mehr als Geschöpfe betrachtete, sondern als reine Industrieproduktion. Weil für Sie Aussehen wichtiger war als Geschmack, bekamen Sie von einem großen Teil der Landwirtschaft Obst und Gemüse, dass zwar besser aussah, auch keine Spuren mehr davon hatte, dass sich auch andere Bewohner der Erde für das Obst und Gemüse interessierten, aber der Geschmack war wegen der Überzüchtung schlechter als vorher und mit viel Gift wurden die anderen Interessenten davon abgehalten, dem Äußeren Schaden zuzufügen.

Als erste Textilimporte aus Asien in Deutschland auftauchten, haben Sie den Grundstein für die Globalisierung gelegt. Nicht nur das, es war ihnen egal, unter welchen Bedingungen diese billigen Textilien produziert wurden. Kinderarbeit und Ausbeutung haben sie verbal stets empört abgelehnt, ohne allerdings ihr Kaufverhalten zu ändern. Als Beispiel sei Adidas angeführt, nur eine von vielen Marken. Adidas hat den größten Teil seiner Produktion in die Länder verlegt, wo die Ausbeutung der Menschen dort viel einfacher ist. Wird im Fernsehen ein Bericht gezeigt, der die Methoden der Produktion von Adidas in den asiatischen Ländern zeigt, tun sie empört. Am nächsten Morgen ziehen Sie dann ihre Adidas Turnschuhe an, ihren Adidas Jogginganzug, ihr Adidas T-Shirt und gehen joggen. Die Empörung von gestern ist vergessen und wenn sie neue Turnschuhe benötigen, werden sie wieder auf die Marke mit den drei weißen Streifen zurückgreifen, die Bedingungen der Herstellung ignorierend. Sie sind es, der entscheidet, dass Adidas mit seinen Ausbeutungsmethoden fort fährt. Würden sie das Unternehmen durch den Verzicht des Kaufes dieser Marke (oder der anderen wie Reebok, Puma etc.) für seine ausbeuterischen Methoden strafen, gäbe es die Ausbeutung schon lange nicht mehr. Mit den Produkten in der Elektro- und Autoindustrie ist das nicht anders.

Indem Sie Kaffee von Tchibo, Eduscho, Jakobs und anderen Billiganbietern kaufen, treffen sie die politische Entscheidung, dass die Kleinbauern in Südamerika und Afrika nicht überlebensfähig mit ihren Produkten sind, weil sie keine fairen Preise bekommen und deshalb an die Großgrundbesitzer verkaufen müssen, um mit Glück als Fronarbeiter dann bei diesen Großgrundbesitzern arbeiten dürfen, zu Bedingungen, die schlimmer sind als Ein Euro Jobs.

Sie kaufen PCs, Wäsche, Porzellan, Fahrräder und vieles mehr bei Aldi, Lidl, Tchibo usw. und vernichten auch damit wieder Arbeitsplätze hier im Land und leisten der Ausbeutung in Drittweltländern Vorschub. Nokia will trotz guter Gewinne Stellen abbauen. Sie wissen das, dennoch kaufen Sie sich ein Nokia Handy. Die oft geäußerte Empörung über bestimmte Vorgehensweisen ist nur eine scheinheilige verbale Äußerung. Man kann es nicht anders bezeichnen.

Die Politik hat diese, "Ihre" Wünsche erkannt und die Maßnahmen für die Globalisierung getroffen. Damit Ihr geiler Geiz befriedigt werden kann, wurden die Zollschranken gesenkt, Konzerne fusionierten und wurden zu Wanderern mit ihren Produktionsstätten zwischen den Ländern mit den besten Möglichkeiten zur Ausbeutung. Die Länder der Dritten Welt müssen arm bleiben, weil sonst das Ausbeutungsschema nicht mehr funktionieren würde. Weil die Politik aber weiß, dass Sie dabei ein gelegentliches Unbehagen verspüren, hat man die Entwicklungshilfe erfunden. Genau genommen ist Entwicklungshilfe keine Hilfe für die Bevölkerungen der Dritten Welt, sondern Schmiergeld für die dortigen Regierungen und Subvention für die ausbeutenden multilateralen Konzerne, um die für bessere Ausbeutungsbedingungen erforderliche Infrastruktur zu schaffen. Wir alle bestimmen den Lauf der Welt, niemand anders. Wir machen Milliardäre, wir machen Politiker, wir machen uns und andere arbeitslos. Politik und Regierung reagieren nur auf unser Verhalten. Politiker sind aus meiner Sicht notorische Lügner. Aber sind wir das bei näherer Betrachtung nicht alle? Wir finden immer Ausflüchte für uns selbst, wenn Handeln von uns verlangt wird. Aber das hilft nicht. Die Welt ist, wie sie ist, weil wir das so wollen. Weil wir uns nicht die Mühe machen, unser Verhalten auf mögliche Konsequenzen hin zu überdenken oder auf erkannte Schweinereien entsprechend zu reagieren. Geiz ist geil liegt uns im Blut. Es liegt ausschließlich in unserer Hand, die Verhältnisse zu ändern, aber wir leben nach dem Prinzip: "Wasch mir den Pelz, aber mach ihn nicht nass." Politik und Wirtschaft setzen lediglich unsere Wünsche um, zu ihrem Vorteil und unserem Nachteil.

Es gibt ein so genanntes Schwarzbuch der Markenfirmen (ich habe es mir beim Ullstein-Verlag bestellt). Der Autor hat lange Zeit die Methoden recherchiert, mit denen viele Markenfirmen arbeiten, wie ihre Ausbeutungsmethoden sind, wie sie die Umwelt zerstören. Sie finden dort McDonald, DaimlerChrysler, Reebok, H&M, Esso (ExxonMobile), Shell, Hypo-Vereinsbank, Schering, WalMart, Beyer, Deutsche Bank, Samsung, Triumph und viele weitere Marken. Wenn ich das Buch habe, werde ich Näheres berichten, aber vor allem mein Kaufverhalten darauf ausrichten, denn ich finde Geiz schon lange nicht mehr geil und bin auch nicht so saublöd, die saubilligen Produkte zu kaufen. Das bedeutet für mich Einschränkung, doch das nehme ich in Kauf.

Wir können noch immer die Frucht vom Baum der Erkenntnis essen. Sie ist inzwischen noch viel bitterer geworden als damals im Garten Eden. Überwinden wir uns nicht, sollten wir uns nicht beklagen, über Ungerechtigkeit, über Ausbeutung, über das Fehlverhalten anderer. Es war letztendlich unsere Entscheidung und fangen wir mit Veränderung nicht bei uns selbst an, können wir das auch von keinem anderen verlangen. Die Frucht vom Baum der Erkenntnis ist bitter, aber das einzige Heilmittel. Alles andere ist nur das Pfuschen an Symptomen, aber das kennen wir ja bereits aus der Medizin. Es verschafft nur kurzfristige Linderung.