Navigation aus    Navigation an
Erstelldatum: 06.12.2006

Armut

Ein Schock geht durch Deutschland. Mehr als 10 % der Bevölkerung ist von Armut bedroht. Nein, keine Sorge, noch sind sie nicht arm, halt nur bedroht.

Was wären wir ohne unsere Statistiker, die ihr ganzes Leben opfern, im uns mit Zahlen zu versorgen. Ein solcher statistischer Prozess ist sehr aufwendig. Um diese Zahlen zu ermitteln, muss man komplizierte Prozesse veranstalten. Erst muss man pro Haushalt von jedem Haushaltsmitglied die Einkommen aufnehmen, also Löhne und Gehälter (was ist da eigentlich der Unterschied?), Einkommen aus Vermögen und Immobilien, ausgenommen Sozialtransfers. Das muss dann nach einem Schlüssel auf die Haushaltsmitglieder verteilt werden, weil ja Singles oder Paare ohne Kinder prozentual mehr Wohnraum benötigen, als eine Familie mit zwei Kindern. Hat man dann aus diesen Zahlen den Durchschnitt pro Kopf ermittelt, danach errechnet man davon einen Mittelwert. Familien oder Personen, die von diesen Mittelwert weniger über als 60 % als Einkommen verfügen, drohen in die Armut abzurutschen. Wenn sie weniger als 40 % des Mittelwertes als Einkommen haben, sind sie arm.

So haben die Eurokraten beschlossen, dass ermittelt wird, wer arm ist und wer nicht. Sozialtransfers wirken da dämpfend, meint zumindest das statistische Bundesamt. "Ohne soziale Transferleistungen wie Arbeitslosengeld, Sozialhilfe, Wohngeld oder Kindergeld wäre fast ein Viertel (24 Prozent) der Bevölkerung armutsgefährdet", schreibt das Bundesamt. Das trifft besonders Alleinerziehende und Familien mit Kindern. "Bei ihnen werde durch Sozialtransfers die Armutsgefährdungsquote jeweils fast halbiert. So seien Alleinerziehende vor Sozialtransfers zu 56 Prozent armutsgefährdet, nach Sozialtransfers nur noch zu 30 Prozent." Also, liebe Armutsgefährdete, am Tag, an dem Ihr Eure Transferleistung bekommt, seid Ihr nicht armutsgefährdet, die anderen 29 bzw. 30 Tage schon. Oder habe ich das falsch verstanden?

Wir werden also vom statistischen Bundesamt mit Zahlen versorgt. Die haben nur einen Nachteil, sie sind nichts wert. Es sind Zahlen aus 2004, also vor Hartz IV, vor den zusätzlichen Belastungen durch die erste Krankheitsreform, vor den Nullrunden von Rentnern mit gleichzeitiger Erhöhung der Belastungen, vor der Kürzung der Laufzeiten von ALG I, vor dem rapiden Anstieg der Preise für Energie, aus einer Zeit, als Sozialhilfeempfänger noch Sonderbedarfe erstattet bekamen.

Die Welt, Fokus, die FAZ, Bild, Stern, Spiegel und viele andere bringen diese Aussagen der Statistiker in einem Ton, in dem ein Hauch von Entsetzen mitschwingt. Es sind die gleichen Blätter, in denen man noch vor kurzer Zeit lesen konnte, dass sich die Arbeitslosen in einer sozialen Hängematte ausruhen, die Transferleistungen viel zu hoch sind, um einen Anreiz zur Aufnahme einer Arbeit zu bieten.
Politiker werden viel darüber reden, dass man dieser Entwicklung begegnen müsse, bevor die Gefährdeten endgültig in die Armut abrutschen und gleichzeitig mit einem Seufzer der Erleichterung darüber schwadronieren, dass ja zum Glück ein Aufschwung zu verzeichnen ist und sich die Situation auf dem Arbeitsmarkt allmählich bessere. Wobei aus Sicht unserer Politiker der Arbeitsmarkt ja auch nur eine statistische Größe ist. Wenn sie 100.000 Arbeitslose in die Zwangsjacke von Ein Euro Jobs stecken, hat man die ja in den Arbeitsmarkt integriert, das beweist die Statistik. Wenn die privaten Vermittler jemanden für 2 Wochen in eine Gelegenheitsarbeit stecken und dafür gleich 2 Prämien einsacken, dann beweist die Statistik, dass diese Leute zumindest 2 Monate nicht arbeitslos waren. Wenn man die oder den Alleinerziehende(n), weil sie oder er keinen "Abstellplatz" für das oder die Kind(er) nachweisen kann, nach SGB III in den Transferbezug übernimmt, dann beweist die Statistik, dass sie nicht arbeitslos sind. Wenn die ARGE den arbeitslos gewordenen 50jährigen dazu überredet, in die 58er Regelung zu wechseln, weil er ohnehin nicht mehr vermittelt werden kann und damit ein wenig weniger Druck auf ihn ausgeübt würde, dann ist er statistisch nicht arbeitslos, weil er zum Kreis des SGB III zählt. Wenn es gelingt, möglichst viele Arbeitslose in Niedriglohnjobs zu zwängen, Jobs, deren Bezahlung noch unter der Regelleistung von Hartz IV liegt und deshalb aufgestockt werden muss, dann sind sie immerhin nicht arbeitslos. Sie sehen, wenn Sie keinen Job haben und dringend einen suchen, bedeutet das noch lange nicht, dass Sie arbeitslos sind. Wer arbeitslos ist, bestimmt die Statistik, nicht der fehlende Job.

Wenn dann mit fast dreijähriger Verzögerung der nächste Armutsbericht des statistischen Bundesamtes kommt, beruhend auf den Zahlen von 2006, dann ist die nächste Bundestagswahl wieder vorbei, die Leute haben sich an die Mehrkosten durch die Erhöhung der Mehrwertsteuer gewöhnt, vielleicht auch daran, dass die Zahl der Besucher von Suppenküchen zugenommen hat, dass mehr Menschen als je zuvor die Müllberge nach Verwertbarem durchsuchen und bis dahin hat man auch neue Gründe gefunden, warum die Betroffenen einfach zu faul sind, zu arbeiten und auch schuld an den wieder leeren Kassen des Finanzministers sind. An fehlenden Arbeitsplätzen kann das dann nicht liegen, denn die Industrie hat bis dahin sicherlich die Zahl der 400-Euro Jobs verdoppelt. Nun ja, dass die Industrie dabei die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Jobs halbiert hat, ist ein vernachlässigbarer Nebeneffekt.

Und wer weiß, bis dahin haben die Eurokraten vielleicht eine neue statistischen Methode entwickelt, nach der jemand, der 40 % des mittleren Einkommens zum Leben hat, von Armut auch nur bedroht ist. Außerdem ist das mittlere Einkommen bis dahin sicherlich um weitere Prozente gesunken, weil die Reallöhne und die Renten weiter sinken. Also keine Sorge und vor allem keine Beschwerden. In Bangladesch sind die Leute ja noch ärmer dran. Außerdem will Angela ja mit Polen und Frankreich eine Armee aufbauen. Da gibt es viele Jobs für die Jungen. Wer weiß, vielleicht ziehen ja die Amerikaner aus dem Irak ab und die deutsch/polnisch/französische Armee rückt dafür im Irak ein. Vielleicht werden ja die Häfen zu Tiefseehäfen auch nur ausgebaut, damit die Kriegsmarine der Bundeswehr mehr verschiedene Stützpunkte hat.

Seit zwei Jahren wird bereits festgestellt, dass sich Kinderarmut dramatisch verstärkt. Dass damit eine Verarmung des zugehörigen Elternhauses verbunden ist, weiß außer Presse, Politik und statistischem Bundesamt eigentlich jeder. Die Politik erklärt achselzuckend dazu; "Die falschen Leute kriegen Kinder!" Mit Hartz IV wird nicht nur die Kinderarmut ansteigen, auch das Bildungsniveau wird sinken, weil diesen Kindern jeder auffindbare Stein in den Weg gelegt wird, den die Politik findet. Sie können sich keinerlei Extras erlauben und werden damit vermutlich auch in den Schulklassen ausgegrenzt. Dann werden die Zeitungen über Gewalt an den Schulen berichten, nicht aber darüber, dass diese Gewalt eine Folge des Systems ist. Es ist vor allem der Staat, der mit seiner Politik die Psyche der Kinder zerstört.