Ausbeutung pur?

August 2004:
Die Wirtschaft fühlt sich durch die Unfallversicherung für ihre MitarbeiterInnen überfordert. Dazu konnte man in den Zeitungen lesen:

Der DIHK (Deutscher Industrie- und HandelsKammertag) will für die Versicherung der ca. 42 Millionen ArbeitnehmerInnen die bisher nur von den Arbeitgebern getragene Unfallversicherung nicht mehr zahlen. Dabei geht es um die von den Berufsgenossenschaften (35) verwaltete Unfallversicherung für Unfälle von Arbeitnehmern, die auf dem Weg zur Arbeit oder auf dem Weg von der Arbeit nach Hause passieren. Dafür zahlten (lt. DIHK) die Arbeitgeber im Jahre 2003 ca. 9 Milliarden ein. Der BDA (Bundesverband Deutscher Arbeitgeberverbände) schließt sich diesen Forderungen natürlich begeistert an. Natürlich hat der DIHK auch einen Sozialexperten (Achim Dercks), nach dessen Meinung wäre die Wegeunfallversicherung rein Arbeitnehmersache und sollte zur Zwangsversicherung der Arbeitnehmer werden. Eigentlich wollen sie aber die gesamte Unfallversicherung nicht mehr zahlen. "Zu teuer, zu bürokratisch" lässt "Experte" Dercks verlauten. Auch die Erwerbsminderungsquote, der Indikator, bei welchem Grad der Unfallschäden der Betroffene lebenslang Rente beziehen kann, soll deutlich heraufgesetzt werden.

Interessant wäre, in welchem Verhältnis die Versicherungsprämien zum Umsatz und Gewinn stehen. Ich denke, dass man sich da im Promille-Bereich bewegt. Aber die Gelegenheit ist günstig. Wann werden Arbeitgeber jemals wieder einen Kanzler haben, der so in ihrem Sinne handelt? Soviel Glück hatten sie nicht einmal bei Kohl und Waigl. Wenn Arbeitgeberpräsident Hundt zu seinem Freund Gerd Schröder geht, ihn mit seinem Basset-Blick anschaut, dann wird Gerd dahinschmelzen und nachgeben.

Ja, ja, Arbeitgeber lieben die Umstellung auf amerikanische Verhältnisse. Die Wegwerfmentalität auch auf den Menschen ausdehnen, jedes Quäntchen Arbeitskraft ausschöpfen und dann weg damit, auf die Müllhalde Hartz IV, noch die Reste für 50 Cent bis 1 rausquetschen, dann ab unter die Brücken. Verantwortungslosigkeit und Gier scheinen als Triebfedern auf der Arbeitgeberseite immer stärker durchzubrechen. Glücklicherweise gibt es Ausnahmen.

Aber wenn schon amerikanische Verhältnisse, warum dann nicht richtig? Warum werden dann nicht auch Regressansprüche wie in den USA abgewickelt, bis in den mehrstelligen Millionenbereich, statt wie bei uns mit (wenn man Glück hat) ein paar Tausender? Arbeitsunfall? Aus Verschulden des Arbeitgebers? Verurteilung zu 10, 20, 50, 100 Millionen Schadenersatz, würde Ihnen das nicht auch gefallen, meine Herren Verbandspräsidenten?

Nein, das möchten die Herrschaften natürlich nicht. Sie möchten die Welt wieder in die rechten Bahnen rücken (ob da der Begriff rechte Politik herkommt?), Arbeitnehmer zu Billigstlöhnen bei maximaler Arbeitszeit ausquetschen und dann weg damit. Soziale Verantwortung? Für wen, für den Pöbel?

Nur eines ist den Herrschaften noch nicht aufgefallen: In den Zeiten, in denen sie ausnahmsweise oder gezwungenermaßen mal Verantwortung auch für den Arbeitnehmer übernahmen, sind sie schneller reich und reicher als je zuvor geworden. Denn ihr Reichtum basiert nur auf einem Umstand, der Schaffenskraft und der Freude an der Arbeit der Arbeitnehmer. Arbeit kann billiger werden, aber im gleichen Umfang wird die Leistung schwinden, denn Leistung resultiert auf Freude an dem, was man tut und auf der Anerkennung, die man erhält.

Die neoliberale Welle, auf die die Arbeitgeberseite so begeistert aufspringt, basiert auf dem Gedanken der Ausbeutung. Man wird nicht lange Freude daran haben, denn Innovation basiert auf Zufriedenheit und Anerkennung. Und diese Innovation leisten Arbeitnehmer. Ihnen, meine Herren und Damen Arbeitgeber und Vorstände, die Sie derzeit Ihre Freunde Schröder und Clement um ständige "Erleichterungen" angehen, fehlen dafür die Voraussetzungen: Können und Intelligenz!