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Erstelldatum: 27.07.2006

Arbeit

Ich erinnere mich an meine Schulzeit und an einfache Rechenaufgaben. Mal sehen, ob ich das noch drauf habe.

Aufgabe:

    10 Arbeiter in einem Produktionsbetrieb stellen in 8 Stunden täglicher Arbeit 300 Werkstücke her. Da wird eine von einem Arbeiter bediente Maschine angeschafft, die bei 8 Stunden täglicher Laufleistung 400 Werkstücke herstellt.
    Wie viele Werkstücke werden nun täglich in dem Unternehmen hergestellt?
Kennen Sie die Antwort?

Wenn Sie diese Frage mit ja beantworten, sind Sie ein guter Staatsbürger, der rechnen kann. Wenn Sie die Frage mit nein beantworten, sind Sie ein kritischer Staatsbürger, der denken kann.

Sie meinen, dass sei eine Provokation? Ich hoffe es. Bedenken Sie, die Aufgabe ist absolut nicht lösbar, weil entscheidende Kriterien fehlen. Sie wissen nicht, welcher Art das Werkstück ist. Das ist aber wichtig, denn die Frage, ob eine weitere Verarbeitung erfolgen muss, spielt eine wesentliche Rolle. Sie wissen nicht, ob das Werkstück bereits ein Endprodukt oder nur der Teil eines Endprodukts ist. Weiterhin stellt sich die Frage, wie gut eingeführt das Endprodukt ist und ob der Markt eine Erhöhung der Produktion verträgt.

Jetzt könnten Sie natürlich zu dem Ergebnis kommen, dass 10 Arbeiter dann 4.000 Werkstücke herstellen. Doch das ist definitiv falsch, denn es gibt nur eine Maschine. Somit würde die rein mathematische Lösung 670 Stück lauten, 300 / 10 * 9 = 270 plus 400 = 670.

Aber Mathematik spielt bei der heutigen Wirtschaftsphilosophie nur eine untergeordnete Rolle. Wahrscheinlicher ist, dass die anderen 9 Mitarbeiter entlassen werden. Gibt der Markt es her, dass mehr Endprodukte zu verkaufen sind, kann es natürlich sein, dass der Unternehmer die Maschine im Zwei- oder Dreischichtbetrieb laufen und somit 800 oder 1.200 Werkstücke herstellen lässt. Ist eine Nachbearbeitung erforderlich, müsste auch das dortige Personal aufgestockt werden und könnte aus den restlichen 7 Arbeitern (oder einem Teil davon) bestehen, die zuvor die Werkstücke manuell herstellten und nicht für die Bedienung der Maschine herangezogen werden. Ist das Werkstück nur Bestandteil eines Endproduktes, stellt sich nicht nur die Frage, ob der Markt eine höhere Produktion aufnehmen kann, sondern auch die Frage, ob die Produktion der übrigen Bestandteile des Endprodukts gesteigert werden kann und wenn ja, welche Personalkapazitäten dafür erforderlich sind.

Sie sehen, die ihnen offerierten Angaben bei der Aufgabenstellung sind unvollständig, weshalb die Aufgabe nicht lösbar ist Im günstigsten Falle kann es dazu kommen, dass der Unternehmer sogar Personal einstellen muss, wenn er die Kapazität der Maschine im 24-Std. Betrieb voll ausschöpft und dafür bei der möglichen Weiterverarbeitung und/oder bei der Erstellung weiterer Bestandteile des Endprodukts die Personalkapazität aufstockt. Im ungünstigsten Fall verlieren 9 Arbeiter ihren Job und der 10. Arbeiter arbeitet nur noch 6 St. am Tag (Teilzeitjob), weil nicht mehr als 300 Werkstücke täglich benötigt werden.

Und die Moral der Geschichte? Sie zeigt, dass es so etwas wie Moral in den Chefetagen bei vielen Unternehmen und bei den Politikern nicht gibt. Die machen nämlich die entlassenen Mitarbeiter noch dafür verantwortlich, dass sie auf der Straße stehen.

Viele Menschen, die Arbeit haben oder solche, die nie arbeitslos waren und nun in Rente sind nehmen nur zu gerne den Vorwurf von Politik und Wirtschaft auf: "Wer wirklich arbeiten will, der findet auch Arbeit." Da mag was dran sein, denn keiner dieser Sprücheklopfer hat ja von bezahlter Arbeit gesprochen, geschweige denn von gerecht bezahlter Arbeit. Würde ich heute zu Angela Merkel oder Franz Müntefering gehen und anbieten, unentgeltlich für sie zu arbeiten, würden Sie wohl ja sagen. Na ja, vielleicht auch nicht, denn die Sicherheitsüberprüfung würde sicherlich ergeben, dass ich ein zu großes Mundwerk habe und deshalb ungeeignet bin. Aber jemand, der diese Überprüfung übersteht, hätte dann wieder Arbeit. Dass er kein Geld hat, um seine Kosten abzudecken und seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, ist doch eine Nebensächlichkeit.

In den Produktionsbetrieben stehen heute Maschinen, wo früher Arbeiter standen. In den Verwaltungen stehen Computer, wo früher Buchhalter, Schreibkräfte und was weiß ich noch saßen. Software-Programme ermöglichen mit Menügesteuerten Oberflächen die Eingaben von Zahlen für die Buchhaltung, errechnen daraus die Bilanz, erstellen gleichzeitig die Betriebsabrechnung und liefern zusätzlich Statistiken über die Gewinn- und Verlustrechnung, ermitteln die Überweisungsdaten für die Steuer, für die Zulieferbetrieb usw.. Graphische Rechner und Plotter erstellen Zeichnungen in wenigen Minuten, für die man früher Tage brauchte.

Das sind nur wenige Beispiele aus der Vielzahl der Ersatzleistungen von Maschinen, die menschliche Arbeitsgänge mehr und mehr ersetzen. Es ist nicht die Schuld der Maschinen. Eher die Schuld der Ingenieure und Erfinder, die diese Wunderwerke der Technik schufen. Aber auch die haben wohl eher daran gedacht, welcher Erleichterung sie den Menschen mit ihrer Technik verschaffen und nicht bedacht, dass das Ergebnis ihrer Arbeit im Verteilalgorithmus ausschließlich den Besitzenden zugute kommt.

Das alles ist nicht auf Deutschland beschränkt, es ist weltweit so. Die noch bestehenden Arbeitsanforderungen nun durch eine neue Verteilung so zu ordnen, dass dennoch alle Arbeit haben, ist nicht im Interesse der Besitzenden, denn es schmälert die Profite. Der Witz dabei ist, dass sich die Leutchen die Profite selber schmälern. Wenn schon Wahnsinn, dann muss er auch Methode haben. Dazu hat man etwas seit Jahrtausenden Vorhandenes zum Götzen erhoben: "Den Markt". Der Markt, im Prinzip nur der Umschlagplatz für Waren, wird nun zum verselbständigten Götzen, der die Regeln selbst bestimmt und eigene Gesetze kreiert. Eigentlich sind die Gesetze so alt, wie der Markt selbst, allerdings von den Menschen geschaffen. Jetzt, nach der neoliberalen Philosophie wurde ein Gesetz abgeschafft: "Die Nachfrage". Heute heißt die Losung: "Mehr und billiger produzieren."

Massenangebote und ein stetiger Verdrängungswettbewerb beherrschen heute die Szene. Überproduktionen, mit geringen Gewinnspannen auf den Markt geworfen, prägen die Industrie- und Gewerbewirtschaft. Sinkt die Nachfrage durch die Übersättigung des Marktes, bedeutet das fast täglich das Aus für Unternehmen. Sie werden von Größeren geschluckt, oder treiben, oft hoch verschuldet, in die Pleite. Dieses System hat viele Verlierer und wenige Gewinner. Gewinner sind in jedem Fall die Banken, die den Geldhahn nach Belieben auf- und zudrehen. Gewinner sind die Multinationalen Konzerne, die Kleinere in diese Verdrängungswettbewerb locken und kaputt machen, um sie dann zu schlucken. So bekommen sie eine Monopolstellung und ist die erst erreicht, diktieren Sie die Preise. Auch Fusionen dienen lediglich dem Ziel, der Monopolstellung einen Schritt näher zu kommen.

Nach einer erfolgten Fusion tritt ein Vorstandsmitglied (oder auch darunter) auf einer Betriebsversammlung an, hält eine kurze Ansprache, in der er die neuen Mitarbeiter herzlich begrüßt, ihnen die Vorteile der Fusion und die aus der Fusion erfolgenden Synergie-Effekte lobt, ihnen erklärt, dass man nun am Markt besser Platziert sei usw. und in den meisten Fällen nickt der Betriebsrat eifrig, hält vielleicht selbst eine kleine Ansprache, meist verbunden mit einer kleinen Warnung an die Konzernspitze, die sich zwar gut anhört, aber selten mehr als eine Sprechblase ist.
Alles Tinnef. Mit den Synergie-Effekten macht er ihnen klar, dass man versuchen wird, bei Abteilungen der beiden Unternehmen mit gleicher Aufgabenstellung zumindest die Hälfte der neu hinzugekommenen Mitarbeiter wieder zu entlassen. Die Firma ist am Markt nun schlechter positioniert. Zwar kommen die Aufträge der fusionierten Unternehmen zusammen, aber in der Regel springen dabei einige Kunden ab, sobald es der Vertrag zulässt. Meist wird eine neue Struktur aufgesetzt und dabei oftmals ein Zweig verselbständigt, also als eigene Firma ausgegliedert. nach ein zwei Jahren besinnt man sich dann aufs Kerngeschäft und stößt das ausgegliederte Unternehmen wieder ab oder schließt es wegen Unrentablität. Die Folge aller Fusionen ist ein Abbau von Arbeitsplätzen, im besten Fall nur durch Fluktuation.

Es ist nicht neu, was ich hier erzähle. Jeder, der in großen Aktiengesellschaften arbeitet, hat das schon erlebt. Trotzdem lassen einige von ihnen den Spruch los: "Wer arbeiten will, der findet auch Arbeit." Der Wirtschaftteil einer Zeitung wartet mit einer besonderen Variante auf. Ein Beispiel: Ein großer Konzern kauft einige kleinere Unternehmen auf. Ein Teil des Personals wird übernommen, ein anderer Teil steht auf der Straße. In der Wirtschaftspresse hört sich das dann so an: "Fa. XYZ expandiert und der Personalstand nimmt weiter zu." Obwohl durch den Zukauf Leute auf die Straße gesetzt wurden, die gekauften Unternehmen aufgehört haben zu existieren, verkauft die Presse das, als wären in dem Konzern neue Arbeitsplätze entstanden. So wird Aufschwung auch verkauft.

Kleine und mittlere Unternehmen glauben oft nur, von der Politik der Regierung und vom freien Markt zu profitieren. Spätestens dann, wenn ein großer Auftragsgeber verloren geht, müssen sie den Irrtum erkennen. Oft ist es dann zu spät, wie die Zahl der Pleiten beweist. Statt sich mit den Sprüchen der Politik über die fehlende Motivation und über die Faulheit der Arbeitslosen zu identifizieren, müssten sie sich mit den Arbeitslosen solidarisieren, egal ob Unternehmer oder Arbeitnehmer. Unternehmer müssen versuchen, sich im brutalen Wettstreit um Marktanteile zu behaupten. Ein Markt, von dem Politik, Wissenschaft und Konzerne, die Priester des Götzen liberalisierter Markt, behaupten, er sei frei. Aber das ist er nicht. Die Priester bestimmen die Regeln und behaupten, der Götze täte das selbst. Der Markt ist geblieben, was er immer war, ein Umschlagplatz für Waren, bar jeglicher Eigendynamik. Die Dynamik des Marktes hängt immer von den handelnden Personen ab, nie vom Markt selbst. Mehrproduktion heißt nicht zwangsläufig mehr Marktanteile. Es kann auch bedeuten, dass man auf den Produkten sitzen bleibt und somit Verluste einfährt.

Arbeit macht nicht frei. Sie ist ein notwendiges Übel, das verrichtet werden muss. Die Technik und der Fortschritt ermöglichen die Reduzierung des Anteils der Arbeit, die verrichtet werden muss. Aber diese Reduzierung wird uns vorenthalten. Es waren weder die Geldsäcke noch die Politiker und auch nicht so genannte Wirtschaftswissenschaftler, die diese Technik entwickelten und im Laufe der Zeit immer mehr verfeinert haben. In einem nicht unerheblichen Maße haben ganz normale Arbeitnehmer ihren Anteil daran. Technik sollte eigentlich der Weg zum goldenen Zeitalter sein, aber den Weg versperrt eine riesige Mauer, die Gier der Besitzenden, bewacht von den Schergen aus Politik und Wissenschaft. Dabei ist nicht einmal der Besitz das Ausschlaggebende, sondern die damit verbundene Macht. Die Gesellschaft ist reich wie nie zuvor aber die Verteilung dieses Reichtums hat wieder den gleichen Stand wie im Mittelalter.

Diese Macht gilt es zu brechen. Das geht nicht mit Gewalt, sondern nur durch Solidarität und durch Konsumverzicht. Wie jede Medizin hat auch diese Nebenwirkungen. Im ersten Gang würde es den Abbau weiterer Arbeitsplätze bedeuten. Ich will es an ein paar Beispielen festmachen. Überlegen Sie zunächst, wo man ansetzen sollte. Da ist der Mediensektor. Verlage wie Bertelsmann und Springer sind dominierend in ihrer Einflussnahme auf die Politik. Bertelsmann liegt dabei noch weit vor dem Springer-Konzern, denn ohne die Bertelsmann-Stiftung läuft heute in der Politik nichts mehr, weder in Europa noch in Deutschland. Ein kleiner Dämpfer wäre hier mal angebracht. Würde also ein solidarisiertes Volk auf einen Schlag die Mitgliedschaft im Buchclub kündigen, keine Programme mehr von RTL-Sendern (RTL, RTL II, Super-RTL, VOX, n-tv) konsumieren, die Produkte des zu Bertelsmann gehörenden Verlages Gruner und Jahr (Stern), Random House (weltgrößter Buchverlag), BMG (Musikverlag) in jedweder Form boykottieren, was würde wohl von der Macht von Bertelsmann, zumindest hierzulande noch bleiben?

Mit Hör Zu, der Welt, Bild, Hamburger Morgenpost, B.Z. und Berliner Morgenpost ist der Axel Springer-Verlag wohl der größte Meinungsmacher und meist auch (mit Bild) der Vorreiter für Hetzkampagnen. Würden auf einen Schlag alle den Kauf dieser Produkte einstellen, wäre das mehr als ein empfindlicher Schlag. Sicher, Friede Springer würde keine arme Frau (wenn sie sich früh genug von ihren etwas über 50 % der Aktien trennt), aber die Welt und vor allem Deutschland würde in Aufruhr geraten.

Würden die Konten bei Banken wie der Deutschen Bank aufgelöst, Versicherungen bei der Allianz gekündigt, Produkte von Müller-Milch im Regal stehen bleiben und über Internetseiten massenhaft der Grund von diesen Aktionen kommuniziert mit der Drohung der Ausweitung, falls nicht endlich der neoliberale Ausverkauf beendet wird und durch generelle Neuorientierung des Faktors Arbeit erfolgt, wie glauben Sie wohl, wird die Reaktion sein.

Gewiss, Arbeitsplätze bei den angesprochenen Unternehmen würden wegbrechen, aber vermutlich würden andere Konzernlenker es sich noch einmal überlegen, ob sie den beabsichtigten Stellenabbau wirklich betreiben. Aktienkurse würden einbrechen und sicherlich die Kleinaktionäre hart treffen, aber noch härter die Großaktionäre. Es wäre eine Revolution, dabei völlig legal und gewaltfrei. Außerdem wäre sie leicht praktizierbar. Wer braucht denn wirklich die uniformierten Nachrichten dieser Blätter? Die Bank- und Versicherungsgeschäfte können auch andere Unternehmen abwickeln und dabei vermutlich viel freundlicher werden, um nicht auch in die Schusslinie zu kommen. Und wer braucht schon den gesendeten Müll dieser Sender? Ich meine ohnehin, dass das Fernsehen eine der negativsten Entwicklungen überhaupt gewesen ist und komme bereits seit fast zwei Jahren ohne Fernsehen hervorragend zurecht.

Einstein soll einmal gesagt haben, alles ist relativ. Das gilt auch für die Macht. Nimmt man den Mächtigen den Zauberstab, mit denen sie die Welt nach ihren Wünschen dirigieren, dann nimmt man ihnen die Macht. Und dieser Zauberstab ist wirklich trivial, er besteht nur aus Besitz. Ich weiß, das ist eine Utopie. Aber ist nicht schon so manche Utopie des vergangenen Jahrhunderts inzwischen sogar übertroffen worden?