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Arbeit und Würde
ein Artikel in der Sueddeutschen vom 03.06. 2006
und mein Schreiben an die Sueddeutsche

Gert Flegelskamp
Rhönstr. 17
63071 Offenbach

Guten Tag.

Zum Artikel Arbeit und Würde vom 03.06. 2006. von Sybille Haas

Die Dame, der wir diesen erhellenden Artikel verdanken, würde ich als verantwortlicher Chefredakteur entlassen, damit sie vernachlässigte Recherchen durch eigenes Erleben nachholen kann.

Es ist eine beliebte Sache, Arbeit mit Würde in Verbindung zu setzen. Nun darüber zu fabulieren, ab welcher Bezahlung den wohl die Würde einsetzen mag, ist eine erheiternde Variante.

Die Schlussfolgerungen von Sybille Haas und die gemachten Aussagen sind aber schlicht und einfach das Papier nicht wert, auf dem sie geschrieben sind. Fangen wir mit der Würde an. Es sind ca. 8 bis 10 Millionen Menschen in diesem Land, die zwar ihre Arbeit verloren haben, nicht aber ihre Würde.

Würde hat man, oder auch nicht und es spielt dabei keine Rolle, ob arm oder reich, ob arbeitslos oder Zeitungsschreiber, Konzernchef oder Politiker. Ich stelle Frau Haas mal einige Fragen:

  • Ist der Namensgeber von Hartz IV ein Mann von Würde?
  • Ist ein Konzernchef wie Schrempp (ehemals Chef von DaimlerChrysler) ein Mann von Würde, wenn er die Arbeitnehmer zu verlängerter Arbeitszeit ohne finanziellen Ausgleich erpresst, indem er mit Stellenabbau droht und nach erfolgreicher Erpressung dann trotzdem ein Entlassungsprogramm startet, das jetzt von Zetsche verwirklicht wird?
  • Ist ein Konzernchef, der zuerst Tausende Mitarbeiter entlässt und sich dann anschließend seine Bezüge (selbst) verdoppelt und verdreifacht ein Mann mit Würde?
  • Ist ein Mann wie Ackermann, der jede Gelegenheit zur Selbstbereicherung nutzt (Vodafon), der trotz ständig steigender Gewinne Menschen zu Tausenden auf die Straße setzt, ein Mann von Würde?
  • Sind Männer wie Werner Müller oder Tacke, die ihr politisches Amt dazu nutzten, einen Deal einzufädeln und erfolgreich abzuschließen (RAG und SteAG), um anschließend sofort das politische Amt mit dem Vorstandsvorsitz dieser Konzerne zu vertauschen, Männer mit Würde?
  • Sind Leute wie Schröder, Clement, Müntefering, Schmidt, Merkel, Kauder, Stoiber, Koch und wie sie alle heißen, die hemmungslos mit den übelsten Sprüchen über 10 % der Bevölkerung stigmatisieren, mit Naziparolen argumentieren, Menschen mit Würde, nur weil sie ein politisches Amt haben? Dürfen diese Menschen mit riesigen Versprechungen agieren, die sie nicht einhalten und von denen sie vorher wussten, dass sie sie nicht einhalten, dann aber im Anschluss ihre Opfer zu Tätern machen, sich als Menschen mit Würde betrachten?

Man könnte diese Beispiele beliebig fortführen und auch auf eine ganze Menge Reporter ausweiten. Und nun die Gegenfrage: Ist ein Mensch, der aufgrund der Entlassungsorgien der großen Konzerne wie Deutsche Bank, Telekom, Post, Siemens, DaimlerChryler und weiterer seinen Job verloren hat, oft in einem Unternehmen, für das er Jahrzehnte tätig war, nun ohne Würde, weil er keine Arbeit mehr hat?

Nun zu dem Beispiel mit dem Computerschrott. Hat Frau Haas nicht gewusst, dass ein Unternehmen, wenn es nicht in einem Unternehmerverband organisiert ist, auch nicht der Tarifbindung unterliegt, was ihre Argumentation ad absurdum führt? Hat Frau Haas mal versucht, in einer beliebigen Stadt auf einer belebten Straße einen Schuhputzstand aufzustellen und mal auszuprobieren, ob die Menschen überhaupt diesen Service in Anspruch nehmen wollen, wie er in den USA und etlichen anderen Ländern üblich ist? Hat Frau Haas mal eine Bewerbung an eine der großen Handelsketten geschickt und sich um eine Stelle als Tütenpackerin beworben? Wohl kaum, denn sonst wüsste sie, dass solche Dienste in Deutschland nicht in Anspruch genommen werden, weder von den Handelsunternehmen (eintüten) noch von den Passanten (Schuhe putzen).

Was Frau Haas offensichtlich auch nicht weiß, ist der Umstand, dass viele Länder einen Mindestlohn haben und damit sehr gute Erfahrungen machten. Ihre Aussage bzgl. der Exportorientierten Unternehmen mit dem Anspruch auf Billiglöhner stimmt auch nicht ganz, denn der Deutsche Export funktioniert in der Hauptsache mit hochwertigen Industriegütern, die von gut bezahlten Mitarbeitern hergestellt werden.

Der Anspruch, für seine Arbeit eine Entlohnung zu bekommen, von der man leben kann, hat nichts mit Anspruchsdenken zu tun, sondern sollte als selbstverständliche Voraussetzug für jede Art von Arbeit dienen. Die Frage stellt sich, was Frau Haas als zumutbare Arbeit ansieht. Etwa Ein Euro Jobs? Dann sollte sie wissen, Ein Euro Jobs sind keine Arbeit, sondern verfassungswidrige und unbezahlte Arbeitsgelegenheiten mit einem pauschalierten Ausgleich für die beim Zwangsarbeiter anfallenden Aufwendungen. Vielleicht sollte Frau Haas darüber berichten, dass die Profiteure dieser Arbeitsgelegenheiten nicht die Arbeitslosen sind, sondern diejenigen Unternehmen, die für die Beschäftigung eines Ein Euro Jobbers bis zu viermal so viel Geld bekommen, wie sie dem Arbeitslosen zahlen müssen und dabei noch die eigentliche Arbeit umsonst verrichtet bekommen.

Aber das ist nicht modern, darüber zu berichten. Da schreibt eine Zeitung wie die Sueddeutsche auf der einen Seite von den Unternehmen und ihren Ankündigungen, wie viele Leute sie entlassen will und in einer anderen Seite oder Spalte fällt man dann über die faulen und unqualifizierten Arbeitslosen her, im vollen Bewusstsein, dass beides unrichtig ist. Natürlich gibt es Faule und es gibt Unqualifizierte, aber über 50 % der Arbeitslosen hat bereits Jahrzehnte qualifizierte Arbeit verrichtet und würde gerne arbeiten, ließe man sie nur. Bewerben sie sich dann auf Stellen, die eine geringere Qualifikation erfordern, als sie haben, werden sie als überqualifiziert abgelehnt.

Selbst die Arbeitsagentur berichtet, dass der Missbrauch weitaus niedriger ist, als von der Politik und der Presse so gerne angeführt.

Man sollte sich mal Gedanken darüber machen, ob es prozentual nicht mehr faule und unqualifizierte Reporter gibt, die schreiben, ohne sich ernsthaft mit einem Thema auseinanderzusetzen. Und natürlich sollte man mal darüber nachdenken, ob Presseorgane, die solche stigmatisierenden Berichte veröffentlichen oder unredigiert Artikel von Presseagenturen oder z. B. der INSM übernehmen, nicht ebenfalls den Stempel "UNQUALIFIZIERT" bekommen sollten.

MfG
Gert Flegelskamp