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An Frau
Dr. Angelika Bucerius

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Planung / Wahlkämpfe
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Betr.: Ihr Schreiben (Mail) vom 14.10.2004

Sehr geehrte Frau Dr. Brucerius

jetzt bin ich natürlich vollkommen beruhigt. Ich habe doch tatsächlich geglaubt, die CDU wolle die Kohl-Politik, animiert durch den Steilpass unserer Sozialdemolierenden Partei Deutschland, in verstärkter Gangart fortsetzen.

Jetzt bin ich natürlich völlig beruhigt. Ich habe das ja alles nur falsch verstanden. Ich hatte schon immer den Eindruck, dass bei Frau Merkel, wenn Sie am Rednerpult im Parlament steht, irgend etwas über dem Kopf schwebt. Jetzt weiß ich es, es ist der Heiligenschein!

Nun ja, so ganz verstanden habe ich das immer noch nicht, aber sicherlich klären Sie mich auf. Sie schreiben, ich setze soziale Einschnitte mit Reformen gleich. Dessen bin ich mir nicht bewusst, weil ich bereits seit 20 Jahren verzweifelt nach Reformen Ausschau halte. Bisher habe ich aber immer nur einen Verteilungsprozess gesehen und zwar von unten nach oben. Jetzt werden Sie mir sicherlich vorhalten, das sei ein Naturgesetz, schließlich flössen ja auch die Bäche und Flüsse zum Meer und nicht umgekehrt. Tja, und hier setzt meine Einfalt vollends ein, ich bin der Meinung, wir könnten doch unser Hirn mal vernünftig nutzen und da neue Ideen entwickeln, oder?

Nur, jetzt habe ich mühsam den Brief zu Ende gelesen (wir sind ja nur dumme kleine Bürger, die sich jeden Buchstaben mühsam erarbeiten müssen), doch da stand nur was von Reformen, nicht aber, welche?

Oder wollen Sie mir weismachen, dass die alte Leier vom flexibilisierten Arbeitsmarkt nach christdemokratischem (halt, Fairness muss sein: Christdemolierendem) Ansatz eine Reform sei? Wollen Sie allen Ernstes behaupten, unbezahlte Mehrarbeit, generell längere Arbeitszeiten, Aushebelung des Kündigungschutzes und Lohndumping schaffen neue Arbeitsplätze?

Wenn Sie mir solchen Schwachsinn erzählen wollen und dabei auch noch die Dreistigkeit besitzen, das als beste Sozialpolitik zu bezeichnen, dann sage ich Ihnen, die schlimmsten Pisa-Schäden sind im Parlament zu finden, denn rechnen kann dort scheinbar niemand mehr.

Wir hatten in den letzten 20 Jahren ein durchschnittliches Wirtschaftswachstum von 2% und dabei einen kontinuierlichen Stellenabbau (auch und vor allem in der Kohl-Ära) von ca. 1 Million vernichteten Arbeitsplätzen alle 10 Jahre. Die Produktivität ist in dieser Zeit stärker gewachsen, Gewinne und Geldvermögen auch, während im Lohngefüge netto schon lange eine Stagnation, ja sogar ein Negativwachstum zu verzeichen ist.

Alle von Politik, Wirtschaft und opportunistischer Wissenschaft vorgestellten Vergleiche in den letzten Jahren waren auf Meinungsmache getrimmte Märchen: Sie haben doch einen Doktortitel? Dann haben Sie wohl Mathematik beim Studium abgewählt? Nehmen wir nur mal die Forderung nach der 40 Stundenwoche ohne Lohnausgleich, das bedeutet:
  1. Jeder abhängig Beschäftigte arbeitet im Schnitt 2,5 Stunden mehr pro Woche.
  2. 2,5 Stunden mal 38 Millionen Beschäftigte macht 15,2 Millionen zusätzliche Arbeitsstunden in der Woche
  3. 15,2 Millionen mal 46 Arbeitswochen ergibt: 699,2 Millionen zusätzliche Arbeitsstunden
  4. 699,2 Millionen Arbeitsstunden mal 8 die Stunde macht 4.593.600.000,00 als Geschenk der Arbeitnehmer an die Arbeitgeber
  5. Neue Arbeitsplätze = minus 380.000, denn die Mehrleistung an Arbeit kann nicht in Produktivität umgesetzt werden, weil wegen mangelnder Nachfrage eine Mehrproduktion nicht verkaufbar ist
  6. CDU/CSU reicht das noch nicht. Nach Ihrem Konzept soll noch mehr gearbeitet werden.

Scheinbar hat die CDU das Konzept von Ludwig Erhard nicht verstanden oder inzwischen vergessen: Wachstum ist grundsätzlich an Konsum gekettet.

Wer dem Konsumenten Geld abnimmt, schwächt den Markt und die Mehrzahl der Konsumenten sind die Bürger dieses Landes, die nicht verstehen, warum ihnen die Politik das Geld, die Arbeit und die Zukunft stiehlt, um den Wenigen, die mehr haben, als sie je verbrauchen könnten, Geschenke zu machen. Haben Sie mal überlegt, dass der Ärmere der Aldi-Brüder mit "nur 12,6 Milliarden" (wohlverstanden, das ist nur das sichtbare Vermögen, die kleinen diversen Notgroschen mal nich betrachtet). Wollte er sein Vermögen in 40 Jahren aufbrauchen und bekäme in dieser Zeit auch keine Zinsen, jeden Tag ca. 863.000 ausgeben müsste? Jeden Tag, 40 Jahre lang? Haben Sie mal überlegt, dass Aldi seit ca. 40 Jahren existiert und somit im Schnitt die gleiche Summe netto täglich eingenommen haben muss, um zu diesem Vermögen zu gelangen? Und Jetzt soll er noch zusätzliche Geschenke in Form von Arbeitszeit und Steuernachlässen bekommen. während man gleichzeitig für die Ärmsten in der Bevölkerung den Frondienst wieder einführt?

Auch wenn Sie es nicht glauben, der Staat sind nicht Sie, sondern das Volk. Es hat bis jetzt geschlafen und Sie werkeln lassen. Aber allmählich wird es wach und fordert sein Recht. Es ist das Volk, das die Reichen reich macht, es ist das Volk, das Politiker in die Parlamente wählt.

Betrachtet man mal die Vorhaben der CDU/CSU, dann stellt man fest:

Wahlbar ist keine der etablierten Parteien mehr, die heute noch den Bundestag bevölkern. Die Parteien verlassen sich noch darauf, dass sie durch die 5%-Hürde geschützt ihre volksverachtende Politik weiterführen können. Leider forcieren sie dabei auch eine stärkere Berbreitung von Gedankengut, dass eigentlich kein Mensch mehr brauchen kann (Siehe Sachsen und Brandenburg)

Ein Thema wissen Politiker immer gut zu ignorieren, So zum Beispiel den bereits geplanten Stellenabbau:

Zum Schluss kann ich nur noch feststellen, was ich bei Frau Merkel immer gesehen habe, war wohl doch kein Heiligenschein, sondern eher ein Scheinheiligenschein.

  • Gert Flegelskamp