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Erstelldatum: 01.07.2006

Abrissbirne

Ende der 80ger Jahre konnte ich vom Fenster meines Büros beobachten, wie der Gebäudekomplex meines Unternehmens abgerissen wurde. Mein Unternehmen bedeutet nicht, dass das Unternehmen mein Eigentum gewesen wäre. Es war meine Firma, weil ich dort tätig war und mich mit dem Unternehmen identifizierte. Eigentlich nur noch unsere Schwester, weil unsere Abteilung als eigenständiges Unternehmen ausgegliedert worden war, aber das spielte keine Rolle. Es war nach wie vor meine Firma. Die Mitarbeiter waren aus dem Gebäudekomplex inzwischen in einen hypermodernen neu errichteten Bürokomplex umgezogen. Unser Gebäude auf der anderen Straßenseite war erst ein paar Jahre alt und noch nicht betroffen.

Nun konnte ich das Abrissunternehmen beobachten, welches die in vielen Jahren allmählich entstandenen Gebäude dem Erdboden gleich machten. Bei den neueren Bauten ging das schnell. Ein Kran ließ die schwere Abrissbirne gegen die oberen Stockwerke krachen, zwei- drei Mal und schon brachen die Wände. Doch gegenüber von meinem Büro standen die ältesten Gebäude des Unternehmens, die, die bereits 2 Weltkriege überstanden hatten. Sie waren nicht so hoch wie die später erbauten Häuser, aber sie brachten die Männer des Abrissunternehmens zur Verzweiflung. Zwar bröckelte der Putz, gelegentlich wurde auch ein Riss in der Mauer erkennbar, aber das war es auch. Die Mauern wollten und wollten nicht wanken. Schließlich rückte ein Trupp mit Presslufthämmern und Schweißgeräten an. Sie stemmte von innen die Wände auf, durchtrennten mit Schweißbrennern die massiven Drahtgeflechte und ganz allmählich gelang es, auch diesen Gebäudekomplex nieder zu reißen.

Warum ich Ihnen das erzähle? Weil in Deutschland das gleiche passiert. Mit einem Unterschied. Der Abriss meines Unternehmens wurde von Profis durchgeführt. Der Abriss Deutschlands wird von Dilettanten vollzogen. Die Profis haben die Gebäude von oben nach unten abgerissen, wohl wissend, dass man die Fundamente erst am Schluss zerstören darf, weil ansonsten nicht abwägbare Risiken entstehen. Das Abrissunternehmen große Koalition geht anders vor. Es siedelt die im Gebäudekomplex Deutschland lebenden und arbeitenden Menschen nicht erst in den neuen Bürokomplex Europa um, sondern geht von dem Standpunkt aus, man könne ja zunächst erst einmal die Fundamente abreißen. Wie gesagt, kein Fachpersonal, sondern zum größten Teil Leute, die wegen der Bezahlung aus Amtsstuben in das Abrissunternehmen große Koalition wechselten.

Zunächst haben sie begonnen das Fundament des Gebäudes Arbeitsmarkt zu zerschlagen, während eine zweite Abrissbirne das Haus Rente zerstören wollte. Die unteren Etagen wurden dann auch schnell zerstört. Im Gebäude Arbeitsmarkt waren die untersten Etage schnell leergefegt und die Menschen konnten nur noch von der Straße aus zusehen, wie die Abrissbirne immer mehr Räume des Arbeitsmarktes zerschlug. In den höheren Etagen spürt man zunächst nur die Erschütterungen, aber man weiß ja, dass zunächst nur das Fundament zerschlagen werden soll und kümmert sich nicht weiter darum. Ähnlich ist es bei dem Gebäude Rente. Aber da Teile der Gebäude an die Firma Binnenmarkt vermietet sind, wurden auch dort schon erhebliche Zerstörungen angerichtet, doch das stört die Dilettanten bei der Arbeit nicht.

Aber in den Gebäuden ist auch die Firma Krankenversicherung angesiedelt und da machen sich, obwohl der totale Abriss erst für später vorgesehen, die Schäden sehr stark bemerkbar. Man kann davon ausgehen, dass irgendwann die Gebäude unkontrolliert zusammen stürzen und auch die oberen Etagen in die Tiefe reißen, die Etagen, wo die Manager sitzen, die das Abrissunternehmen große Koalition immer wieder auffordern, doch schneller zu arbeiten und nicht verstehen, dass die Fundamente dieser ehemals sehr solide gebauten Gebäude länger für den Abriss brauchen.

Hier möchte ich den Vergleich beenden und konkret werden. Jeder hat mitbekommen, dass derzeit wieder an eine Gesundheitsreform gebastelt wird. Aber das ist ja nicht so wichtig, schließlich haben wir ja Weltmeisterschaft, dazu noch im Fußball. Endlich mal etwas, wofür es sich lohnt, auf die Straße zu gehen. Und man war ja so lieb. Überall an markanten Plätzen hat man große Leinwände aufgestellt, damit man auch in groß sehen kann, wie sich Millionäre gegenseitig in die Hacken treten oder sich sonst wie ein Bein stellen. Was interessiert die Föderalismusreform, die Gesundheitsreform, wenn man die Begeisterung sieht, mit der sich Köhler und Merkel zum Fußball äußern. Wenigstens habe die die VIP-Freikarten nicht verfallen lassen, nicht einmal Angela im Bonbonfarbenen stramm sitzenden Jäckchen (der, der sie in Sachen Kleidung berät, kann sie scheinbar auch nicht leiden).

Aber bald ist das Spektakel vorbei und dann wird offenbar, dass Gesundheit wohl in Zukunft wieder nur was für Reiche ist. Dann haben wir wieder die guten alten Zeiten wie vor über 100 Jahren. Wenn dann plötzlich besorgte Verbandspräsidenten, Politiker und Wirtschaftsinstitute vermelden, dass der Aufschwung wieder verpufft, wen störts? Hauptsache ist doch, dass die deutsche Mannschaft so weit gekommen ist.

Seit vielen Jahren zerstört die Politik, wirklich gut unterstützt von der Wirtschaft, den Verbandspräsidenten, der Presse und den Wirtschaftsinstituten, dazu noch von ein paar Think Tanks (nach dem Motto: Lass denken, wir machen Deine Fehler) die Fundamente dieses Landes. Diese Fundamente sind der Arbeitsmarkt, getragen von Menschen, die mit Fleiß, Tatkraft und Engagement ein zerstörtes Land wieder aufbauten, dem Markenzeichen "Made in Germany" wieder Weltgeltung verschafften und in Punkto fachlicher Qualifikation zu den Besten der Welt gehören (auch heute noch). Es waren wohl diese sprichwörtlichen Tugenden der Deutschen, die nach dem Krieg verhinderten, dass die Alliierten aus Deutschland wieder einen Agrarstaat machten.

Ein weiteres Fundament waren die 3 Säulen der Sozialsysteme Rente, Krankenversicherung und Arbeitslosenversicherung. Hier zeigen sich die Folgen der Zerschlagung des Arbeitsmarktes und der Trend zum Lohndumping. Zunächst hat Kohl nach der Wiedervereinigung die Abrissbirne gegen das Rentensystem gerichtet. Die GRV betreffend haben die Arbeitnehmer und die Rentner die Wiedervereinigung alleine getragen. Alle, die nicht in die GRV einzahlten, blieben von diesen Kosten verschont. Danach begannen die indirekten Rentenkürzungen. Schröder hat dann die Abrissbirne erneut gegen das Rentensystem geschwungen mit Nullrunden, volle PV und weiteren Einschnitten, einschließlich dem Nachhaltigkeitsfaktor.

Beides hat immense Einflüsse auf die GKV. Die schnell steigende Arbeitslosigkeit, die sinkenden Renten und Löhne, die Ausweitung des Niedriglohnsektors lassen die Beiträge in die GKV beständig sinken. Die Gesundheitsreform 2004, so wurde versprochen, sollte Abhilfe schaffen. Aber der einzige Weg, Abhilfe zu schaffen, wäre es gewesen, wenn man die Pharmakonzerne an die Leine genommen hätte. Die Pharmaindustrie hat hemmungslos zugeschlagen. Deutschland ist wohl das teuerste Land in Bezug auf Medikamentenpreise. Merkel sagt, Forschung ist teuer. Aber sie sagt nicht, was die Pharmaindustrie eigentlich an neuen und wirklich innovativen Mitteln für die Gesundheit herausgebracht hat. Aber es passt ins Bild, das die Pharmaindustrie wieder Werbung macht, was alles durch ihre Forschung möglich ist. Da ist die dankbare krebskranke Frau, deren Brustkrebs geheilt wurde, dank der Forschung der Pharmaindustrie, der Mann, der fast ertrunken wäre, würden ihn die Männer in Regenmänteln nicht im letzten Moment in das Gummiboot ziehen.

Schauen wir doch mal genauer hin. Fakt ist, dass Krebs vor allem durch neue Untersuchungsmethoden (Vorsorgeuntersuchungen) häufiger als früher im Frühstadium erkennbar wird und eine Heilung vor allem durch operative Entfernung erfolgt. Dabei hilft oft auch die heutige minimal-invasive Operationstechnik (MIC = Knopflochchirurgie). Eine anschließende Chemotherapie erfolgt nicht immer. Wenn doch, weiß man, dass der Körper sehr stark davon belastet wird und je älter der Mensch, desto stärker die Belastung. Natürlich wurde die Chemotherapie in den letzten 50 Jahren verbessert. Es gibt Experten (solche, die nicht im Dienst der Pharmaindustrie stehen), die behaupten, die meisten neuen Präparate seinen altbekannte Präparate in neuer Verpackung. Tatsache ist, dass es nicht viel an neuen Heilmitteln gibt. Aber Heilmittel sind auch nicht unbedingt gefragt, denn die Pharmaindustrie verdient am kranken Menschen, nicht am Gesunden.

Die Szene mit dem Gummiboot und der Regenkleidung verdeutlicht eigentlich etwas anderes. Ja, die Pharmaindustrie forscht, aber die besten Ergebnisse werden auf Gebieten erreicht, die Gewinn versprechende Marktanteile beinhalten, im Bereich der Kunststoffe oder im biotechnischen Bereich, weniger im Heilmittelbereich. Die Frage stellt sich, warum die Krankenkassen über überteuerte Medikamente die Forschung der Pharmaindustrie auf anderen Gebieten zahlen sollen.

Nach wie vor gelingt es der Pharmalobby, die Ausgabe einer Positivliste zu verhindern. Argumentiert wird, dass es Jahre dauern würde, die Wirkungsweise und Indikationen der Präparate untereinander zu vergleichen und so den Ärzten Anhaltspunkte für billigere Medikamentation zu geben. Aber das ist einfach unwahr, schließlich sind wir ein Bürokratenstaat. Jedes zugelassene Medikament, auch Generika, hat eine Zulassungsnummer und eine damit verbundene Akte, die alle für die Zulassung relevanten Details enthält. Würde bereits bei der Zulassung ein Datenabgleich erfolgen, könnten etlichen neuen Präparaten die Zulassung verweigert werden, weil es bereits Medikamente mit gleicher Indikation, aber wesentlich billiger gibt.

Die Pharmaindustrie klagt, dass die Generika-Produzenten ihre Produkte kopieren und viel billiger vertreiben (oft zu einem Drittel des Preises der Originale), ohne selbst Forschung zu betreiben. Die Generika-Hersteller kontern, dass die Pharmakonzerne ihre Forschungskosten auf die Produkte aufschlagen, die Preise aber beibehalten, selbst wenn sich die Forschungskosten längst amortisiert haben und auch noch, wenn der Patentschutz abgelaufen ist, der es den Generika-Herstellern erlaubt, die Produkte herzustellen, zu realen Preisen. Allerdings sollte nicht vergessen werden, dass auch Generika in Deutschland teilweise wesentlich teurer ist, als die gleichen Produkte im Ausland.
Die Pharmaindustrie gibt ein Riesenetat für PR-Kampagnen aus. Auch dafür, Ärzten ihre Produkte schmackhaft zu machen, damit diese sie auch verschreiben. Eine Präsentation auf den Kanaren, ein Event auf den Bahamas, ein Kongress auf den Malediven, was tut man nicht alles für die Gesundheit deutscher Patienten.

Halten wir fest. In allen Bereichen gilt die Marktregel von Angebot und Nachfrage, außer bei den Pharmakonzernen. Die Mehrkosten im Gesundheitswesen wandern zum größten Teil in Profite oder auch in Fusionen, welche die Machtkonzentration der Pharmariesen noch weiter stärken. Stattdessen wird die Abrissbirne weiter gegen die Fundamente des Staates geschwungen, ohne Rücksicht auf die Opfer.

Aber das ist nicht wichtig. Wichtig ist, ob wir Fußballweltmeister oder Vizeweltmeister werden, schließlich steigt damit auch die Ablöse der Akteure auf dem grünen Rasen, Beckenbauer kann noch mehr aus Werbeverträgen herausholen und die FIFA wird zur Monopolgesellschaft des Fußballgeschehens, früher mal Sport genannt. Dafür lohnt es sich schon, auf die Straße zu gehen, oder?