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Erstelldatum: 26.07.2007

Psychologie, Wachstum und Reformfähigkeit

Unter diesem Titel kommt eine vom Bundesfinanzministerium (BMF) beim ZEW Mannheim in Zusammenarbeit mit der Universität Salzburg und der Ludwig-Maximilian-Universität München in Auftrag gegebene Studie zu erstaunlichen Erkenntnissen. Der Forschungsbericht und der im Anhang befindliche Beitrag wurden von Friedrich Heinemann, Peter Westerheide (ZEW Mannheim), Michael Förg (LMU München) und Eva Jonas (Universität Salzburg) erarbeitet.

Grund für den Auftrag ist wohl der Zwiespalt, in welchem sich die Politiker befinden. Sie haben Probleme mit den Reformen, weil sie nicht verstehen, warum die Wähler die Reformen nicht akzeptieren. Schließlich sind die Reformen doch nur die Umsetzung von Ratschlägen, die sie von Experten bekommen haben, Ratschläge, die verlangen, nehmt denen dort unten und gebt es denen dort oben, dann leben demnächst alle gut. Schlimm vielleicht, dass die Tippsen (männlich oder weiblich), die die Ratschläge der Experten zu Papier brachten, ein Wörtchen vergessen haben, denn es hätte heißen müssen: "dann geht es demnächst o b e n  allen gut"

Gert Flegelskamp
Rhönstr. 17
63071 Offenbach
22.07.2007
Mail: gert@flegel-g.de


An die
Damen und Herren
des Deutschen Bundestages

Betr.: Die im Auftrag des BMF erstellte Studie "Psychologie, Wachstum und Reformfähigkeit".


Sehr geehrte Damen und Herren,

inwieweit Sie sich mit dieser Studie bereits beschäftigt haben, weiß ich natürlich nicht. Trotzdem möchte ich ein paar Anmerkungen machen, obwohl ich nicht zur Gattung des Homo oeconomicus gehöre, sondern noch zur veralteten und offenbar zum Aussterben verurteilten Gattung des Homo sapiens sapiens. Ich erwähne das, weil die Studie intensiv die wissenschaftlichen Erkenntnisse der „Rational-choice“-Ansätze einbezieht und damit der Logik folgend auch die Grundeinsichten der Behavioural Economics. Behavioural Economics und Behavioral finance (zwar nicht erwähnt, aber untrennbar verbunden) sind Theoreme, so wie die Wirtschaftstheorien eines Adam Smith, Keynes, Friedmann, van Hayek und etlicher anderer. Theoreme, die Verhaltensmuster zu erklären versuchen und dabei die Individualität des Homo sapiens sapiens in eine Schublade stecken wollen. Sicherlich ist das teilweise möglich, hat aber den Nachteil, dass die Schublade nicht mehr stimmt, wenn sich das Verhalten ändert. Außerdem ist das bei Befragungen verwendete multiple choice Verfahren ausgesprochen fehleranfällig und den Experimenten in Form von Rollenspielen mangelt es häufig am Bezug zur Realität.

Multiple choice hat den großen Nachteil, dass der Befragte nur auf die vorformalisierten Fragen des Fragenden eingehen kann, die seine objektive Ansicht oftmals nicht beinhalten. Deshalb sind viele dieser Antworten reine Gefälligkeitsantworten, die keinen Bezug zu der Antwort haben, die bei realer Kommunikation erfolgen würde. Ähnlich ist es bei den Experimenten, denen eine abstrakte Aufgabenstellung zugrunde liegt, die zwar durchaus zu erstaunlichen Ergebnisse führen kann, aber wegen der vorgegebenen Zieldefinition oft zu völlig anderen Reaktionen der Probanten führen, weil diese sich darauf konzentrieren, das gesteckte Ziel zu erreichen. Der Drang zur Zielerreichung hat nicht selten zur Folge, dass eine Veränderung im Verhalten des Probanten erfolgt, weil er weiß, dass es sich um ein theoretisches Spiel handelt und er somit von seinem normalen Verhalten abweichen kann, ohne hierdurch Einschränkungen befürchten zu müssen.

Die Ergebnisse solcher Tests werden dann als der Weisheit letzter Schluss dargestellt, obwohl sie der Wirklichkeit nicht standhalten. Hier liegt aus meiner Sicht auch die Schwäche aller Expertenmodelle. Sie beziehen sich ausschließlich auf Theoreme und verlieren die Wirklichkeit dabei völlig aus dem Blickfeld. Trotzdem sind einige der Aussagen dieser Studie aus meiner Sicht nicht falsch. So ist der Hinweis auf die Frage des Vertrauens ein durchaus wichtiger Aspekt. Nach meiner Kenntnis wurde die Studie in Auftrag gegeben, um zu ergründen, warum die Akzeptanz der Reformen bei den Wählern derart schwach ist. Zwischen den letzten beiden Sätzen besteht ein kausaler Zusammenhang. Das Vertrauen eines großen Teils der Wähler, insbesondere des Teils, der in der Studie als "Reformverlierer" benannt wird, in die Politiker und damit in die Politik ist nicht nur im Schwinden begriffen, sondern gänzlich erloschen. In der Studie heißt es:
    Zusätzlich zu diesen Einflussgrößen der Reformfähigkeit eines Landes wurde in dieser Studie der Fokus auf eine bislang vernachlässigte mögliche Reformdeterminante gerichtet: das Vertrauen. Dem Vertrauen in Menschen und Institutionen wird inzwischen in der Literatur zu den Bestimmungsgründen und der wirtschaftlichen Relevanz von Sozialkapital eine große Aufmerksamkeit geschenkt. Insofern liegt es nahe, seine Rolle auch im Kontext von Reformprozessen zu beleuchten.
    Dabei wird hier sowohl das Vertrauen in den Mitmenschen allgemein als auch das Vertrauen zu gesellschaftlichen Akteuren (Parlament, Gewerkschaften, Unternehmen) sowie zu Presse und Rechtssystem berücksichtigt.

Wo soll das Vertrauen in die letztgenannten Akteure herkommen? Fragen an Parlamentarier werden gar nicht, plakativ oder ausweichend beantwortet. Viele dieser Antworten werden mit dem Tina-Ausspruch abgeschlossen Auch detaillierte Fragenstellungen werden mit Textbausteinen beantwortet, die oft in keinem Zusammenhang zu der Fragestellung stehen. Der in der Studie ebenfalls angeschnittene Effekt der Demographie bei der Rentenreform vernachlässigt wie stets die Realität. Solange es mehr als 10 Millionen Arbeitslose gibt, ist nicht der Alterungsprozess maßgebend für die Schwierigkeiten der Sozialkassen, sondern die fehlenden oder zu niedrigen Beiträge der Menschen, die keine Arbeit haben oder für Löhne arbeiten, die ihnen nicht einmal das Existenzminimum sichern. Bei der Arbeitsmarktreform wirkt sich der Vertrauensschwund noch weitaus stärker aus, weil diese Reform von allen Akteuren (Politik, Experten, Unternehmerverbände, Presse) noch mit pauschalen Verdächtigungen und mit immer stärkeren Repressalien begleitet wurde. Aber nicht nur diese Gruppe gehört zu den Reformverlierern. Auch die Gruppe der Arbeitnehmer ist hier zu einem großen Teil einzuordnen. Die Senkung der Reallöhne ist inzwischen über einen derart langen Zeitraum erfolgt, dass die Aussicht, einmal zu den Reformgewinnern zu gehören, gleich Null ist. Wenn dann zusätzlich die mit den Reformen gemachten Versprechungen in der Wirklichkeit konterkariert werden, werden nur noch die realen Gewinner eine Akzeptanz für diese Reformen entwickeln und das sind fast ausschließlich die so genannten "oberen Zehntausend". Zusätzlich werden politische Vorhaben durchgesetzt, für die von vorneherein keinerlei Akzeptanz in der Bevölkerung vorhanden ist. Zu nennen wäre da die EU-Verfassung. Die EU ist kein Staat, folglich ist eine Verfassung irrelevant. Weiterhin wäre hier die die Militarisierung zu nennen oder der Anbau von Biotechnik, für die mehr als Zwei-Drittel der Bevölkerung ihre Zustimmung verweigern würden, würden sie nur gefragt. Bekannt gewordene Korruptionsfälle und auch die Frage der Nebentätigkeiten haben weiteren Einfluss auf den Vertrauensschwund. Lesen Sie den Artikel der GEW 5.000 arbeitslose Junglehrer müssen Arbeitslosengeld II beantragen und überdenken Sie dann die Lippenbekenntnisse der Regierung zum Thema Bildung.

Vertrauen in die Unternehmen zu entwickeln, ist mit zusätzlichen Erschwernissen verbunden. Diese Aussage kann man allerdings nicht generell treffen, ausgenommen bei den international agierenden Konzernen. Aber gerade bei den Konzernen wird das Verständnis der Wirtschaft für den Begriff des "Homo oeconomicus" deutlich. Aus einer viel zu großen Vielfalt dieser "rationalen Ökonomen" möchte ich einige wenige Beispiele herausgreifen.

  • Adidas: Das rein auf Profit ausgerichtete Management lagert nicht nur Arbeitsplätze aus, sondern macht sich der Ausbeutung und der Kinderarbeit schuldig und ignoriert sexuelle Belästigungen und weitere Missstände der Zulieferbetriebe.
  • ALDI: Ausbeutung in der Rohstoffgewinnung, Verletzung von Gewerkschaftsrechten, Umweltzerstörung
  • Deutsche Bank: Kreditvergabe für skrupellose Projekte und Spekulationsgeschäfte auf Kosten hochverschuldeter Länder der Dritten Welt.
  • Exxon Mobil Corporation (Esso) Finanzierung von Bürgerkrieg und Waffenhandel, Zerstörung der Lebensgrundlagen in Ölfördergebieten, Lobbying gegen Klimaschutzmaßnahmen
  • Mercedes Benz: Handel mit Atomwaffen und Antipersonenminen, Kooperation mit Militärregimen und Umweltzerstörung.
  • Monsanto: "Diebstahl per Patent", illegale Verwendung von genetisch veränderten Canola-Ölsamen, Verunreinigung von natürlichen Pflanzensorten mit gentechnisch veränderten, Verharmlosung von Risiken bei Wachstumshormonen für Kühe
  • Nestlé S.A.: International geächtete Vermarktungsmethoden bei Babynahrung, Ausbeutung und Kindersklaverei durch Rohstofflieferanten
  • HVB-Group: Finanzierung von Projekten mit gravierenden Folgen für Menschen, Umwelt und Schuldenländer.
  • Bayer: Finanzierung unethischer Medikamentenversuche, Importe von Rohstoffen aus Kriegsgebieten, Behinderung eines Entwicklungslandes bei der Herstellung und Vermarktung lebenswichtiger Medikamente, Vertrieb gefährlicher Pflanzengifte, Ausbeutung und Kinderarbeit bei den Rohstofflieferanten.
  • Sanofi aventis: Finanzierung unethischer Medikamentenversuche, Verdacht auf Bestechung von Ärzten, Verdacht auf Steuerhinterziehung, Behinderung eines Entwicklungslandes bei der Herstellung und Vermarktung lebenswichtiger Medikamente.
Diese Vorwürfe wurden im neuesten Bericht des Schwarzbuches Markenfirmen erhoben und detailliert beschrieben. Auf der Internetseite http://www.markenfirmen.com/ können Sie selbst nachlesen.

Ein kurzer Abschnitt aus einem Pressebericht:
    Die Mercedes-Gruppe profitierte im zweiten Quartal von Kürzungen bei der Belegschaft und geringeren Kosten für Qualitätsmängel. Der Gewinn vor Steuern und Zinsen kletterte in den Monaten April bis Juni um 74 Prozent auf 1,2 Milliarden Euro - trotz eines Absatzrückgangs und des starken Euro. Der Umsatz stagnierte bei 12,5 Milliarden Euro, was eine operative Rekordrendite von 9,5 Prozent möglich machte - die höchste seit dem Jahr 1987. Im Vorjahr lag die Rendite bei 5,5 Prozent.

Das ist die Art des Homo oeconomicus, die besonders ins Auge sticht. Die zusätzliche Konzentrierung der Konzerne mit gleichzeitiger Machtanhäufung, der sich die Politik schon lange beugt und die Ausnutzung von Monopolstrukturen oder Kartellen für Preise bar jeglicher Nähe zu den Erzeugerkosten zeigt, wie die Regulierungsmechanismen des Marktes wirklich funktionieren und widerlegen damit alle Theoreme, auch die von Nobelpreisträgern. Ein freier Markt ohne Kontrolle ist ein entfesselter Markt und die Brutstätte des Raubtierkapitalismus. Sie sollten beginnen, die Divergenz zwischen Theorie und dem realen Geschehen zu erkennen.

Experten und diese Art psychologischer Theoretiker, die noch nie einen Betrieb von innen gesehen haben, außer vielleicht im Rahmen einer Besichtigung, maßen sich an, den Menschen die Welt zu erklären, die sie nur in der Theorie kennen. Sie vergraben sich in Bücher, interpretieren die Worte ihrer Vorgänger nach eigenem Gusto. Sie sind die Kleriker der Moderne, für die die Welt nach wie vor eine Scheibe ist. Sie schreiben über Ökonomie auf der Basis von rein theoretischen Zahlenkolonnen und Statistiken, Statistiken, die wie die der Bundesagentur für Arbeit so frisiert werden, dass sie ins Konzept passen. Sie diskutieren über die Selbstregulierung des Marktes und übersehen die Folgen, bewusst oder unbewusst. Sie sind wie Züge, die nur in eine Richtung fahren und noch nicht bemerkt haben, dass sie längst entgleist sind.

Die Schlussfolgerung der Studie spricht von der ökonomischen Vorteilhaftigkeit der Reformen, vergisst aber zu benennen, für wen die Reformen von Vorteil sind. Wenn sie dabei für die erforderliche Akzeptanz Fairness fordert, dann ist das zwar richtig, aber wo ist diese Fairness geblieben? Gehören Selbstbereicherung von Konzernvorständen und Insidergeschäfte in den Bereich der Fairness? Gehören die politischen Winkelzüge, mit denen Bevölkerungsgruppen gegeneinander aufgebracht werden, in den Bereich der Fairness? Ist es fair, die Armut im Lande zu forcieren, immer mehr Kinder in die Armut zu treiben, sie quasi vom Bildungsangebot abzuschneiden und gleichzeitig ellenlange Vorträge über die Wichtigkeit von Bildung zu halten? Ist es fair, immer mehr Hartz IV-Empfänger in den Suizid zu treiben und gleichzeitig jede ernsthafte Überprüfung der Transferleistungen nach den wirklich erforderlichen Bedarfen für ein Leben in Würde zu verweigern?

Gäbe es Fairness seitens der Akteure von Politik, Presse, den Experten und Unternehmen, gäbe es auch Vertrauen in die Politik, in die Unternehmen, zu den Pressemeldungen und zur Kompetenz der Experten. Wird die Politik in der jetzigen Form weiter geführt, wird der Vertrauensschwund fortschreiten. Durch reine PR-Kampagnen werden Sie das Vertrauen der Wähler nicht zurückgewinnen, erst recht nicht durch die Fortsetzung des Umverteilungsprozesses von unten nach oben.

Mit freundlichen Grüßen
Gert Flegelskamp