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Erstelldatum: 14.02.2009

Wirtschaftstheorie in der Krise

So lautet der Titel eines Gastbeitrages von Freimut Kahrs auf den Seiten von Egon W. Kreutzer.

Mit der Aussage des Autoren Herrn Kahrs in seiner Einschätzung der Wirtschaftswissenschaft bin ich nicht ganz einverstanden. Obwohl das Einfache oft das Beste ist, kann ich das in diesem Fall nicht so akzeptieren.

Da ist zunächst die einfache Erkenntnis, dass die Wirtschaftswissenschaft versagt hat. Ist das wirklich so? Oder muss man dabei nicht auch die im Hintergrund agierenden Machtfaktoren betrachten, die nur die Ökonomen zu Wort kommen lassen, die die eingeschlagene, um nicht zu sagen vorgeschriebene Marschroute einhalten.

Es gibt etliche Wirtschaftswissenschaftler, die am eingeschlagenen Weg herbe Kritik äußerten, aber sie finden weder in der Presse noch in der Politik Gehör.
Der letzte Satz in dem Beitrag von Kahrs ist ein Schlüsselsatz. Er sagt:

  • Die Aufgabe der Wirtschaftswissenschaft sollte es sein, Regeln zu entwerfen, um die komplexen Risiken der modernen Gesellschaft auf ein berechenbares Maß zu reduzieren und den Wirtschaftsteilnehmern somit eine verlässliche langfristige Planung zu ermöglichen.

Hier wird eine Wirtschaftsproblem unterschlagen, dass aus meiner Sicht von entscheidender Bedeutung ist: Die Art des Unternehmens. Es sind vor allem die Aktienunternehmen, die von ihrer Konstitution her auf kurzfristige und möglichst hohe Gewinne ausgerichtet sind und die an langfristiger Planung nur wenig Interesse zeigen. Der Aktionär, zum großen Teil Banken und das Großkapital, sind auf hohe Gewinnausschüttung fixiert. Die auf relativ kurze Zeiten befristeten Verträge der Vorstände und die Vermischung von Vorständen mit Aufsichtsratsposten in anderen Konzernen verdienen ihre horrenden Einkommen nicht durch langfristige Planung, sondern mit den kurzfristig ausgelegten Erfolgen, selbst wenn das auf Dauer schädlich ist. An diesen Zielen richtet sich auch die Politik aus. So hat Eichel mit seinem Antrittsgeschenk an die Wirtschaft bzgl. der Veräußerung von Unternehmensteilen nicht nur den Zukauf von einerseits gewinnträchtigen Unternehmen und andererseits dem Abstoßen von momentan nicht rentablen Unternehmensteilen begünstigt und damit den Ausgleich in der Konzernstruktur unterbunden. Außerdem hat er damit den Equity und Hedge-Fonds alle Türen geöffnet.

Das Problem beginnt bereits mit der Politik. Solange die Menschen die Politik durch Vertreter entscheiden lassen, die sie, und das auch nur indirekt, in Abständen von ein paar Jahren einmal wählen dürfen, ohne allerdings die geringste Möglichkeit des zwischenzeitlichen Eingriffs, bildet sich im Laufe der Zeit eine Gruppierung heraus, deren eigenes Elitebewusstsein eine immer stärkere Absonderung von den wirklichen Bedürfnissen der Masse zur Konsequenz hat. Dabei kann man aus meiner Sicht wirklich nicht von Eliten sprechen, denn der Erfolg stellt sich vor allem durch opportunes Verhalten gegenüber den führenden Parteifunktionären ein. Wenn dann noch die verschiedenen Parteien sich mehr oder weniger heimlich zu einer Art Familienverbund zusammenschließen, ist die Politik wieder auf fast dem gleichen Level, der in der Vergangenheit den Adel und die Monarchie auszeichnete.

Ich bezeichne die Verbrüderung der Politik (Parteien) mit der Hochfinanz als den einzigen und wahren Faschismus. Dieser Faschismus hat mit dem Ende des Nazi-Regimes nicht aufgehört zu existieren. Die heilige Kuh "Wachstum" konnte nur aufgrund des immensen Nachholbedarfs nach dem Krieg derart in die Köpfe der Masse gehämmert werden, begann aber bereits in den 60er Jahren zu bröckeln.

Nichts wächst ewig, auch und vor allem die Wirtschaft nicht. Wachsen können nur Neugeborene für einen gewissen Zeitraum. In der Wirtschaft ist das Neugeborene die Innovation. Die Weiterentwicklung der Technik, dazu die neuen Themenfelder Computer und Telekommunikation waren Felder, mit denen neben der Erschließung neuer Märkte der Gau nach hinten verschoben werden konnte. Aber mit der Entlassung von Arbeitnehmern, nicht selten ohne Zwang sondern lediglich der Profitmaximierung dienend, hat man gleichzeitig das unbedingt erforderliche Gegenstück der Wirtschaft entsorg: Den Konsumenten!

Die Globalisierung diente nur einem Zweck: Auf alternativen Märkten Mitwettbewerber zu verdrängen. Dafür hat man das Lohngefüge reduziert und damit wieder den Konsum im Binnenmarkt ausgedünnt. Das mit dem Export gleichzeitig ein Export von Arbeitslosigkeit verbunden ist, davon berichtet weder die Presse noch die Politik. Man sonnt sich im Gefühl des Exportweltmeisters, obwohl die Logik klar den Weg weist, dass der Export in einer Krise das Erste ist, was einbrechen muss.

Inzwischen kann man sagen, dass es keine alternativen Märkte mehr gibt. Wir haben sie wie die Heuschrecken abgegrast, immer unter dem Schirm der Wachstumsorientierung. Aber die Märkte sind gesättigt und vor allem die Automobilherstelle bekommen nun zu spüren, dass sie ihr Blatt erheblich überreizt haben.. Schaut man auf die letzten Jahre zurück, dann findet man keine Innovation mehr. Dort gibt es ein echtes demographisches Problem. Es wird nichts Neues mehr geboren und mit der minimalen technischen Verbesserung von Produkten, die schon jeder hat, kann man kein Wachstum erreichen. Zu viele können es sich ohnehin nicht leisten, regelmäßig das neueste Produkt zu kaufen.

Wir haben die Mentalität der Amerikaner übernommen und uns zur Wegwerfgesellschaft entwickelt. Ein praktisches Beispiel aus eigener Anschauung. Vor über einem Jahr ist meine Kaffemaschine kaputt gegangen. Das Wasser lief nicht mehr in die Kanne, sondern auf den Tisch. Klarer Fall, eine neue Dichtung muss her. Aber es war nicht die Dichtung, sondern ein winziger Schließmechanismus, der sich nur dann öffnete, wenn wieder Wasser in die Steigleitung gepumpt werden musste. Aber diese Teil kann man nicht austauschen, also musste eine neue Kaffemaschine her. Ich hatte noch eine Zweite, aber die hat vor wenigen Tagen auch ihren Geist aufgegeben. Sie Pumpt kein Wasser mehr hoch. Vermutlich ist die Leitung so verkalkt, dass nichts mehr durchgeht. Aber diese Leitung auszutauschen, ist teurer, als eine neue Kaffemaschine. Warum? Weil die Teile so gebaut werden, dass Reparaturen nicht mehr lohnen. Das war früher anders und diese Reparaturwerkstätten haben viele Menschen ernährt. Außerdem war es für die knappen Ressourcen dieses Planeten mit Sicherheit besser. Die Kaffeemaschine ist nur ein Beispiel im Kleinen. Bei unseren Autos ist das nicht anders. Wenn man früher ein Rücklicht- oder Scheinwerferglas kaputtgefahren hatte, hat man es ausgetauscht. Heute muss man dafür u. U. die gesamte Stoßstange ersetzen.

Die Frage für mich lautet dementsprechend, was für eine Art Wirtschaft brauchen wir eigentlich? Die riesigen multinationalen Konzerne, die mit Maschinen die Arbeit des Menschen auf ein Minimum reduziert haben, oder kleine und flexible Produktions- und Reparaturbetriebe, die ungleich mehr Personal brauchen und sich nicht darauf beschränken, Konkurrenz zu verdrängen und scheinbare Steigerungen des Profits zur erwirtschaften, obwohl die Steigerung allenfalls durch den Zukauf eines anderen Unternehmens bewirkt wurde und dabei weitere Arbeitsplätze vernichtet wurden.

Was die Wirtschaftswissenschaft betrifft, muss ich die Wirtschaftswissenschaftler in Schutz nehmen. Es mag sein, dass ich mich täusche, aber ich glaube, auch Wirtschaftswissenschaftler hatten Mathematik in der Schule und einigen traue ich sogar zu, dass sie rechnen können. Ja, mehr noch, ich trauer ihnen vereinzelt sogar zu, Exponentialrechnung nicht nur gelernt, sondern sogar verstanden zu haben. Ich denke, auch für Wirtschaftswissenschaftler gilt: Wes Brot ich ess, des Lied ich sing. Sie wussten alle, dass dieses System an die Wand fährt. Aber diejenigen unter ihnen, die in Presse und Politik zu Wort kommen, wissen auch, wer Ihnen ihre horrenden Honorare und vielfach auch die Beamtentarife zahlt. Wegen der Art ihrer Prognosen bekamen sie regelmäßig Aufträge aus der Wirtschaft, sozusagen bezahlte Fehldiagnosen. Praktisches Beispiel ist Rürup, der eine 50-Jahresprognose über die Renten abgeliefert hat. Damit bekam die private Versicherungswirtschaft Auftrieb und heute arbeitet er ganz für sie. Wen interessiert schon, dass Rürup mit seinen Kollegen (Wirtschaftsweise) jedes Jahr Konjunkturprognosen abgegeben hat, die nie mit der Wirklichkeit übereinstimmten. Dafür gibt es schließlich das Instrument der Korrektur.

Ja, es fehlen verlässliche Regeln. Aber das ist gewollt und keine versehentlich falsche Politik, sondern berechnendes Kalkül. Es ist schließlich nicht das erste Mal, dass der Kapitalismus an die Wand fährt und vermutlich auch nicht das letzte Mal. Gewinner und Verlierer stehen dabei schon im Vorfeld fest. Die Hochfinanz und ihre willigen Diener gewinnen, die Masse verliert. Der Schlüsselbegriff kommt aus den USA: Vom Tellerwäscher zum Millionär! Einer hat es geschafft und Millionen andere träumen davon, es auch zu schaffen. Ein langanhaltender Traum, der sich nur äußerst selten verwirklichen wird.

Das kapitalistische System und vor allem der längst von der Produktion abgekoppelte Finanzmarkt erinnern stark an eine malaysische Affenfalle. Die funktioniert so. Man steckt eine Nuss oder einen anderen Leckerbissen in einen Krug mit einem engen Hals. Der Affe greift in den Krug und umfasst die Nuss (oder den anderen Leckerbissen). Doch jetzt bekommt er die Hand nicht mehr aus dem Krug, obwohl das eigentlich ganz einfach wäre. Er müsste nur loslassen. Aber das tut er nicht. Die Nuss ist sein und er hält sie krampfhaft fest. Solange, bis der Jäger kommt. Der greift sich den Affen und kurze Zeit später landet er in Einzelteilen auf einem Fleischmarkt. Die Nuss, die, wie er glaubte, sein war, hat er nie zu Gesicht bekommen. Ähnlich geht es der Masse Mensch in den einzelnen Staaten. Ihre Nuss ist die Aussicht auf den Gewinn durch den Kapitalismus, aber nur wenige bekommen die Nuss je zu Gesicht. Sie landen statt auf dem Fleischmarkt auf dem Arbeitsmarkt. Bei uns wäre das Hartz IV. Die Jäger? Das ist die Hochfinanz, bzw. ihre Diener in Politik und vor allem in der Finanz- und Wirtschaftswissenschaft.