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Erstelldatum: 30.11.2010

Wikileaks

Wikileaks stellt erneut Dokumente ins Internet. Dieses Mal handelt es sich um die Korrespondenz von US-Diplomaten. Nur ein Teil dieser Dokumente unterliegt der Geheimhaltungsstufe und keines der Stufe "Streng geheim".

Mich amüsiert diese Sache. Ich denke, unsere Presse wird schon nicht allzu viel verraten. Sie wird ein paar triviale Informationen veröffentlichen, bis sich die Aufregung gelegt hat und dann wieder schweigen. Natürlich könnte man selbst auf Wikileaks gehen, aber welchen Sinn hätte das? Man müsste amerikanisches Englisch perfekt beherrschen, denn manche Wortkombinationen sind in Kenntnis der amerikanischen Umgangssprache aussagefähig. Und man muss zwischen den Zeilen lesen können, denn ein großer Teil der Dokumente stammt von Diplomaten, also nicht vom eher kleinen Beamten im auswärtigen Dienst, die sich einer verklausulierten Sprache bedienen.

Und wer sich über die 2,5 Millionen wundert, die auf die Datenbank zugreifen konnten, sollte sich mal darüber klar werden, dass auf dieses interne Netz der gesamte auswärtige Dienst der USA Zugriff hat. Und natürlich hat nicht jeder Zugriff auf alle Daten, sondern immer nur auf den eigenen Verantwortungsbereich. Kompletten Zugriff haben nur eine Handvoll Leute. Um an die Daten zu kommen, muss man also entweder ganz oben in der Hierarchie stehen, ein begnadeter Hacker sein oder im richtigen Moment eine Sicherungskopie abgreifen und Letzteres ist am wahrscheinlichsten.

Rekapitulieren wir. Wikileaks hat massenhaft Dokumente über die militärischen Operationen ins Netz gestellt. Was hat die Presse daraus gemacht? Kurze Zeit hat sie berichtet und der Fokus war vor allem auf das Video gerichtet, in welchem die Reuters-Reporter erschossen wurden. Nicht verwunderlich, denn dieses Video war über YouTube längst allgemein zugänglich. Doch schon nach kurzer Zeit war die Berichterstattung der "kritischen" Presse über diese Dokumente tot, dabei wäre es Material für Monate durchgängiger Berichterstattung gewesen. Die Presse hatte die Möglichkeit, sich als kritische Presse zu erweisen, hat sie aber verspielt.

Jetzt sind es rund 250.000 Dokumente diplomatischer Korrespondenz. Offiziell habe ich in der deutschen Presse lediglich Trivialitäten gelesen, über Merkel, Westerwelle usw. die in der wohl einzigen freien Presse, dem Internet, bereits seit langer Zeit zu lesen sind und von Kabarettisten schon seit Jahren zum Ausdruck gebracht werden. Eigentlich wäre es Aufgabe der "kritischen" Presse, die wirklich relevanten Veröffentlichungen zu bringen und zu kommentieren. Doch ich fürchte, auch das bleibt wieder an den Bloggern hängen. Nur haben die nicht die Kapazitäten, die ganzen Dokumente analytisch auszuwerten und vermutlich auch oft nicht die erforderlichen Englischkenntnisse.

Die Presse sollte die Papiere eigentlich als Fundus ansehen und nutzen. Bedenken Sie, 60 Jahre hat es gebraucht, um die Verquickung des auswärtigen Amtes im und mit dem Nazi-Regime offen zu legen. Die Presse hätte diese Möglichkeit über 60 Jahre gehabt, aber sie hat geschwiegen, bis es offiziell zugegeben wurde. Heute, nach 60 Jahren, kann man darüber nur noch den Kopf schütteln, denn Auswirkungen auf die Verantwortlichen hat es keine mehr, außer vielleicht die gelegentliche Korrektur der geschichtlich aufbereiteten Vita. Aber die Dokumente auf Wikileaks zeigen den politischen Eliten, dass die Zukunft anders aussehen wird. Und auch die Presse sollte das begreifen, wenn sie weiterhin als Informationsbasis für die Allgemeinheit ihre Glaubwürdigkeit bewahren will. Doch noch macht es nicht den Eindruck, denn wenn man die Pressekommentare liest, fällt sie in das Jammern der politischen Mandatsträger ein. Daten, so scheint mir, haben aus Sicht der Politik UND der Presse den gleichen Weg zu nehmen, wie das Kapital, von unten nach oben. Der gläserne Bürger wird weitgehend akzeptiert, aber der gläserne Politiker oder Diplomat löst Entsetzen aus. Und ich fürchte, auch dieses Mal wird die Presse die echte Chance verspielen, die Dokumente als Quelle zu begreifen und entsprechend zu verwerten. Sie hat, so scheint mir, den Anspruch aufgegeben, sich als Informationsbasis für die Allgemeinheit zu beweisen und lieber die Funktion einer PR-Maschinerie oder, um es brutaler zu definieren, als Propaganda-Organ übernommen. Das ist aus meiner Sicht eine zusätzliche Transparenz, ein Nebeneffekt, auf den Wikileaks eigentlich gar nicht abgezielt hat.

Wie sehr die Politik Wikileaks fürchtet, geht aus den Vergewaltigungsvorwürfen gegen die Herausgeber hervor. Der Umstand, dass der Haftbefehl international ausgestellt wurde, beweist mir, dass es sich dabei um fingierte Vorwürfe handelt, denn seit wann werden Vergewaltigungsdelikte mit internationalem Haftbefehl verfolgt?