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Erstelldatum: 10.12.2010

WikiLeaks und die Auswirkungen

Eines ist sicher. WL hat eine Menge Aufregung verursacht. Während in den USA vor allem von republikanischer Seite die Aufregung so weit geht, dass die alte Wild-West-Tradition wieder aufzuleben scheint (nur ein toter Indianer - pardon - Assange ist ein guter…) und damit die eigene, angeblich so hoch gehaltene Verfassung verraten wird, hält es die englische Diplomatie eher für angebracht, abzuwiegeln.

Die eigentliche Frage ist dabei noch nicht beantwortet: Welche möglicherweise brisanten Dokumente sind noch enthalten, über die noch nicht berichtet wurde und vielleicht sogar nie berichtet werden wird, denn irgendwie scheint die Presse mehr damit beschäftigt zu sein, über Assange zu berichten und über die Folgen der von einigen Unternehmen der Finanzwirtschaft betriebenen und wirkungslosen Versuche, WL den Geldhahn abzudrehen, als über Inhalte dieser Dokumente zu berichten, Inhalte, die weniger trivial sind.

Gäbe es das noch, was man früher als "investigativen Journalismus" bezeichnet hat, dann müsste bei diesen Journalisten eine Stimmung sein, als wenn Weihnachten und Ostern auf einen Tag zusammen gefallen wäre, angesichts dieser Quelle ungefilterter Informationen. Aber eine weitgehend mit dem Strom schwimmende Presse beschränkt sich derzeit noch auf die eher triviale Berichterstattung. Jedoch nicht vollständig, denn einige brisantere Informationen sind bereits durchgesickert. So weiß der Stern unter dem Titel USA haben Deutschland massiv unter Druck gesetzt das zu berichten, was man bisher zwar ahnte, aber eben nicht wusste und was die "Demokratie-Gläubigen" bisher als Verschwörungstheorien abtaten. Überhaupt war ich erstaunt, im Stern durchaus kritische Kommentare über die politischen Reaktionen zu lesen. So z. B. der Kommentar von Manuela Pfohl: Politik muss wieder transparenter werden.

Der in der TAZ veröffentlichte Kommentar des britischen Ex-Diplomaten Mortimer geht das Thema von einer Seite an, die wohl im Interesse der Politik läge, aber ganz sicher so nicht eintreten wird, denn eines hat Mortimer offenbar nicht erkannt oder will es auch nicht sehen, es wird zukünftig schwieriger werden, Artikel über Regierungsverschwörungen als Verschwörungstheorien abzuwerten, denn, und dafür muss er nur mal die Leserkommentare in der Online-Presse lesen, ein Umschwung in der öffentlichen Meinung hat stattgefunden. Menschen, die bisher immer noch diesem Elite-Wahn verhaftet waren, müssen nun erkennen, dass diese Elite oftmals primitiver und vor allem verlogener ist, als man selbst. Wie im Märchen steht der "Kaiser" plötzlich ohne Kleider und WL ist das Kind, das ruft: "Der ist ja nackt!" Und die Menschen heben die Köpfe, sehen plötzlich die Hässlichkeit dieser nackten Gestalt. Vielleicht nicht jede hässliche Einzelheit, aber genug, um ihre eigene Einfalt in Bezug auf ihren Glauben an hierarchische Muster zu verlieren. Das ist der eigentliche Erfolg von Assange und alles, was nun gegen ihn unternommen wird, kann ihn nur zum Märtyrer machen. Denn das Schwedens Vergewaltigungsvorwurf eine Farce ist, wurde mit dem internationalen Haftbefehl bereits deutlich. Und wenn Schweden ein Auslieferungsgesuch der Amis erfüllt und Assange an die Amerikaner ausliefert, verliert es endgültig seinen Nimbus als Vorzeigeländle im hohen Norden. Die Amis wollen Assange, obwohl es keinen rechtlichen Anlass gibt. Nicht Assange hat die Datenquelle angezapft, sondern sie lediglich zur Verfügung gestellt. Und anders, als aufgeregt behauptet wird, gefährdet Assange damit keine Menschenleben, sondern rettet im Gegenteil u. U. welche.

Fast noch wichtiger als die eigentliche Reaktion der Presse ist die Reaktion der Leser, sofern die Presse die Kommentarfunktion freigeschaltet hat. Es war erstaunlich. Als ich den Spiegel-Bericht Mächtige spüren die Macht der Hacker-Ethik gelesen hatte, wollte ich anschließend die Forumsbeiträge lesen, 3 Seiten, nicht so viel. Aber ich kam mit dem Lesen nicht nach. Kaum hatte ich die dritte Seite gelesen, waren schon 2 neue Seiten Forumsbeiträge vorhanden. Bei Seite 15 habe ich dann aufgegeben, denn so schnell, wie die Beiträge eingestellt wurden, konnte ich sie nicht lesen. Natürlich gab es Beiträge, die Assange als Spion, als Verräter darstellten und die Hacker-Attacken gegen Pay-Pal oder Master-Card, um die es in diesem Bericht eigentlich ging, aufs schärfste verurteilten, aber die absolute Mehrheit sprach eine andere Sprache. Und so mancher war dabei, dessen Beitrag deutlich machte, dass er erkannt hatte, dass sein bisheriges Verständnis von Politik durch die bisher bekannt gewordenen Veröffentlichungen sich gewandelt hat. Es gibt bereits seit geraumer Zeit eine Gegenöffentlichkeit; das Internet. Aber eine Mehrheit hat diese Gegenöffentlichkeit bisher eher ignoriert, sich auf die Presse verlassen. Das, so denke ich, wird sich ändern, weil nun erkannt wird, dass so viele als Verschwörungstheorien abgetane Beiträge in dieser Gegenöffentlichkeit sich nun als echte Verschwörung herausstellen.

Dass Politiker und Diplomaten daraus eine Lehre ziehen, ist eher unwahrscheinlich, denn ihre Arroganz hat sich so verfestigt, wie das ehemals beim französischen Adel war, solange, bis er "kopflos" die Wirklichkeit nicht mehr erkennen konnte.