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Erstelldatum: 06.01.2008

Beamte sind die glücklichsten Deutschen

Das zumindest behauptet die WELT. Dieser Titel machte mich neugierig, denn mein Eindruck, ich hatte beruflich schon oft mit Beamten zu tun, war ein anderer. Gab es da etwa eine Trendwende? Natürlich beschränken sich meine Erfahrungen auf das Berufsleben. Doch das macht bekanntlich einen großen Teil des Lebens aus. Beamte arbeiten auf der Basis von Gesetzesvorgaben und Dienstverfügungen. Eigeninitiative wird in der Regel brutal abgewürgt, es sei denn, der Vorgesetzte kann damit glänzen. Die Folge ist viel Frust bei der Arbeit, das war zumindest mein Eindruck.

Doch nun muss ich mich fragen, ob ich das überhaupt beantworten kann. Also muss ich mich zunächst selbst einmal fragen: "Bin ich glücklich?" Meine Antwort ist für mich selbst überraschend. "Gelegentlich!" Viel öfter bin ich frustriert, geschockt, wütend, zufrieden, sauer und welche Bezeichnungen es für Gemütsbewegungen noch so geben kann.

Folglich kann ich mir entweder kein Urteil über diese Frage bilden oder ich muss der spezifischen Fragestellung nachgehen. Dabei ist der Bericht in der WELT allerdings nicht sonderlich hilfreich. Auch die Kommentare nicht, die wieder einmal zeigen, dass es eine der Lieblingsbeschäftigungen der Deutschen ist, Sachlichkeit außen vor zu lassen, wenn man sich doch auch so schön angiften kann. Bei diesem Bericht natürlich zwischen Beamten und Normalsterblichen. Vor allem Unkenntnis der jeweiligen Gruppen über die andere Gruppierung prägen die Kommentare, so war zumindest mein Eindruck.

Aber ich will ja nicht die Beziehungsebene zwischen Beamten und Nichtbeamten ergründen, sondern der Einschätzung der WELT, warum sie der Meinung ist, dass Beamte die glücklichsten Menschen sind. Inzwischen sollte jeder wissen, dass wir eine Umfragenation sind. Egal, um was es sich handelt, mit Umfragen wird bewiesen, was wir sind und warum wir es sind. So auch in diesem Fall. Ausgangspunkt war eine Umfrage der Bertelsmannstiftung, doch um was es dabei ging, war im Bericht eher verschwommen zu erkennen. Lediglich der Umstand, dass 1004 Leute vom Meinungsumfragen-Institut EMNID befragt worden waren. Wie berechenbar wir doch sein müssen, wenn die Befragung von 1004 Menschen ausreicht, daraus Schlüsse auf eine Bevölkerung von gut 82 Millionen zu ziehen. Folglich wollte ich es genau wissen. Was war gefragt worden, welche Antwortmöglichkeiten waren gegeben und wie sah die Bewertung aus. Diese Informationen konnte mir nur die Studie selbst geben und es war nicht schwer, fündig zu werden.

„Glück, Freude, Wohlbefinden – welche Rolle spielt das Lernen?“
Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage unter Erwachsenen in Deutschland

So der Titel der 28 Seiten langen Studie. Die Einleitung zeigt, dass die eigentliche Priorität der Studie bei der Frage des Lebenslangen Lernens zu suchen war und der Gemütszustand sich letztlich mehr auf den Ausbildungsgrad als auf die Frage des generellen Glücklichseins bezog. Mit Grafiken wurden dann die Antworten auf die jeweiligen Fragen unterlegt und hier wurde ich doch recht skeptisch. Betrachten wir deshalb zunächst einmal die Fragestellungen und zur Fragestellung die möglichen Antworten (am Beispiel der ersten beiden Fragestellungen). Dass hier, wie bei fast allen Umfragen das Multiple Choice-Verfahren angewendet wurde, versteht sich fast von selbst.

In der ersten Frage sollte man bewerten, wie glücklich man zurzeit ist, Dafür gab es eine Punktezahl von 1 bis 10, mit der ein Jeder sein Glücksempfinden einstufen konnte. Nun ja, schon die Fragestellung irritierte mich ein wenig. Das Ergebnis und die daraus gezogenen Bewertung jedoch noch erheblich mehr Doch schauen Sie sich die Glücksskala selbst an.

Konnten die Befragten zwischen Glück und Zufriedenheit eigentlich unterscheiden? Ist Glück nicht nur ein gelegentlicher Rauschzustand, der den Neurotransmitter Serotonin im Körper freisetzt und damit den vorübergehenden Glückszustand erzeugt? Ist das Erleben häufiger Glücksmomente nicht der Indikator für eine fortwährende Zufriedenheit? Insofern betrachte ich die Fragestellung bereits als falsch, denn sollten die Befragten zum Zeitpunkt der Befragung gerade ein solches Glücksempfinden als Folge eines guten Essens, eines gerade erfahrenen Gewinns oder eines erfolgreichen Geschlechtsverkehrs erlebt haben, dann waren sie gedopt und zu einer objektiven Beurteilung nicht fähig. Die Antwort ist nicht weniger überraschend, betrachten man die breite Skala der angeblich Glücklichen.

Auch die Bewertung sehe ich als unrichtig an. Die mit 5% mit der Skaleneinstufung 1 bis 3 als unglücklich Bewerteten ist entweder falsch, oder die gezeigte Skalierung ist unrichtig. Der Skalierung nach müsste der Prozentsatz bei ca. 10% liegen. Das habe ich bei dem in der Studie angegeben Verantwortlichen mal hinterfragt und bin auf die Antwort gespannt.

Die Antwort weist eher auf eine floskelhafte Beantwortung hin, ähnlich der Antwort auf die Frage: "Na, wie geht's?" bei einem Treffen mit Bekannten hin, wenn man höflich erwidert: "Danke, gut. Und selbst?" Wie oft kommt es vor, dass diese Antwort mit dem echten Befinden nicht übereinstimmt, man aber einen flüchtigen Bekannten oder gar Fremden mit seinem tatsächlichen Befinden nicht belästigen will oder auch der Meinung ist, dass ihn das nichts anginge. Eine Floskel eben, mehr nicht. Ich habe mir angewöhnt, auf die stereotype und nicht ernst gemeinte Frage mit der stereotypen Antwort "wenn es mir noch besser ginge, würde ich es nicht mehr aushalten" zu beantworten. Damit weiß der Frager, dass ich seine nicht ernst gemeinte Frage ganz sicher nicht ernst beantwortet habe.

Zurück zur Studie. Nach der "Glücksskala" kommen Fragen, die unter einem Oberbegriff stehend, bestimmte Einzelfragen stellen.

Bedeutung von Glück

Frage: Was bedeutet für Sie Glück? Ich lese Ihnen nun einige Aussagen dazu vor, und Sie sagen mir bitte jeweils, ob das auf Sie sehr zutrifft, eher zutrifft, eher nicht zutrifft, oder gar nicht zutrifft.
Glück ist, …

  1. Dass meine Angehörigen und ich gesund sind
87%
  1. Intaktes Elternhaus mit Liebe und Geborgenheit
74%
  1. Sich über die kleinen Dinge des Lebens freuen
69%
  1. Einen Arbeitsplatz haben
56%
  1. Sich an Erfolg/Leistung freuen können
42%
  1. Zeit für eigene Interessen haben
39%
  1. Sich keine Sorgen über Geld machen müssen
31%

Die möglichen Antworten finde ich recht diffus oder im Hartz IV-Jargon eine Frage des Ermessens, denn der Begriff "eher" lässt aus meiner Sicht eine große Spannbreite der Interpretation zu:
  1. sehr zutrifft
  2. eher zutrifft
  3. eher nicht zutrifft
  4. gar nicht zutrifft.

Frage 1 brachte aus meiner Sicht sogar ein mageres Ergebnis, denn die Gesundheit sollte eigentlich bei allen mit der Antwort 1 versehen werden. Manche Menschen haben aber die Angewohnheit, im Falle bedingungsloser Zustimmung trotzdem nicht den höchsten Wert zu vergeben, etwas, das bei Wertungsrichtern bei Tanzveranstaltungen und Eiskunstlauf schon oft beobachtet wurde. Vielleicht liegen die fehlenden 13% ja daran. Vielleicht waren auch einige Masochisten unter den Befragten.

Die Antworten zu Frage 2 wirft die Frage auf, was hat 26% der Befragten daran gehindert, hier die volle Zustimmung zu geben? Vielleicht die Einschätzung, dass ab einem bestimmten Alter das Elternhaus nicht mehr so wichtig ist? Schließlich gibt es ja Altenheime! Auch hier finde ich das Ergebnis ein wenig fragwürdig.

Bei Frage 3 kann ich die Antwort schon eher nachvollziehen, denn es gibt genügend Menschen in unserer Mitte, die den kleinen Dingen viel zu wenig Beachtung schenken, sie mit einem Achselzucken abtun. Ein Fehler aus meiner Sicht, denn die Fähigkeit, sich zu freuen, auch über Kleinigkeiten, halte ich für einen Garanten von Zufriedenheit, geistiger Frische und Stabilität.

Bei Frage 4 wäre die Zusammensetzung der Befragten hilfreich. Für wen ist ein Arbeitsplatz in der heutigen Zeit nicht so wichtig? Für unkündbare Beamte, die das als selbstverständlich betrachten? Für Leute mit Vermögen, die arbeiten nicht nötig haben? Für den Studierten, Anwalt, Arzt, Apotheker etc., dem sich als Selbständigen diese Frage nicht stellt? Für den normalen Arbeitnehmer ist aus meiner Sicht ein sicherer Arbeitsplatz unverzichtbar, um "Glück" zu empfinden. Kein Arbeitsplatz bedeutet für ihn negativen Stress, Einkommenseinbußen (ALG I), Vermögensaufgabe und Armut (ALG II), alles Faktoren, die das Glücklich sein nicht fördern. Andererseits, welchen Sinn hat eine Frage an jemanden, dem sich diese Frage nicht stellt?

Frage 5 ist schwer zu beurteilen. Hier kommen (für mich) die Beamten ins Spiel. Leistung und Lob dafür sind im Beamtenleben seltener vertreten. Als ich bei einer Schulung einen Beamten fragte, warum er sich so uninteressiert zeige, antworte er mir sinngemäß, dass er auf die Beförderung von der Gruppe A9 in A10 (gehobener Dienst) spekuliere. Zeige er Engagement, würde sein Chef ihn zu halten versuchen. Weil aber in der Abteilung kein Posten für die Gruppe A10 frei wäre oder in absehbarer Zeit auch nicht frei würde, wolle er "weggelobt" werden, wenn er sich in einer anderen Abteilung auf eine entsprechende Stelle bewerbe. Es sei üblich, dass ein Chef eine gute Beurteilung nicht schreibe, wenn er jemanden absolut halten wolle. Im Laufe einer über mehrere Jahre bestehenden Zusammenarbeit mit Beamten konnte ich feststellen, dass dieses Verhalten kein Einzelfall war. Ich konnte auch feststellen, dass andere, die sich engagierten, weil Ihnen die Arbeit in der EDV gefiel und sie bereits das Ende ihrer Laufbahngruppe erreicht hatten (mittlerer Dienst - A9 -), dafür keine Anerkennung seitens ihrer Vorgesetzten fanden.
Deshalb wäre für mich vorstellbar, dass Beamte dieser Frage nur eine untergeordnete Bedeutung zumessen, weil sie die Befriedigung einfach nicht kennen, die mit der Anerkennung einer guten Leistung verbunden ist.

Frage 6 ist immer mit der Voraussetzung verbunden, eigene Interessen zu haben.

Frage 7 ist eine Gretchenfrage, die nur selten wirklich ehrlich beantwortet wird. Die Gier im gesamten Spektrum der Bevölkerung beweist es, nur geben es die Wenigsten zu.

Die vorstehenden Fragen werden dann noch auf der Basis analysiert, wie die "Glücklichen" und wie die "Unglücklichen" antworteten. Anschließend kommt die Frage nach den Quellen für Glück und Wohlbefinden mit 15 Einzelfragen.

Ich kann Sie beruhigen. Ich habe nicht vor, die gesamte Studie auf diese Art zu kommentieren. Lesen Sie sie selbst, antworten sie selbst und stellen Sie so fest, ob Sie ein glücklicher Mensch sind. Nach den Quellen kommt der nächste Fragenkomplex mit Fragen zum Lebenslangen Lernen im Zusammenhang mit dem Glück und Wohlbefinden und zum Schluss Fragen nach der Meinung darüber, zu lernen, wie man lernt.

1004 Leute wurden befragt. Bei den letzten beiden Fragekomplexen wurde dann noch unterschieden zwischen Ost und West, verschiedner Ausbildung (Abitur/Uni, mittlerer Abschluss FH oder mittlere Reife, Schulabschluss mit abgeschlossener Berufsausbildung und ohne Abschluss) und nach verschiedenen Altersgruppen.

Diese Studie hat etliche Fragen bei mir aufgeworfen. Kann man mit der aus meiner Sicht einseitigen und teils trivialen Fragestellung, bei einem zwar gemixten Querschnitt durch die Bevölkerung aber mit nur insgesamt 1004 Befragten wirklich von einem repräsentativen Ergebnis sprechen? Deutet nicht schon die Art der Fragestellung darauf hin, dass ein bestimmtes Ergebnis erzielt werden soll, so wie die WELT es dann publiziert, wenn sie schreibt, die überwiegende Mehrheit der Deutschen sei glücklich? Ich jedenfalls empfinde die Fragestellung als zielgerichteten Komplex, wenn ich Fragen stelle, die eigentlich nur positiv beantwortet werden können oder teilweise nicht ehrlich beantwortet werden, weil eine ehrliche Antwort gegen eine innere Hemmschwelle stößt oder aber auch Selbsterkenntnis voraussetzt, die sicherlich nicht bei allen Befragten vorhanden ist. Geht es darum, ein Friede-Freude-Eierkuchen-Bild zu zeichnen, aufzuzeigen, dass Lebenslanges Lernen wichtig ist, aber die Wichtigkeit noch nicht von allen erkannt wurde? Das man das Lernen auch selber in die Hand nehmen muss, selber Kurse belegen muss, wenn man Erfolg haben will? Dass man lernen muss, wie man lernt (dabei hilft Bertelsmann mit seinen diversen Einrichtungen sicherlich gerne)?

Eine alte Binsenweisheit sagt: Bist Du alt wie eine Kuh, lernst Du immer noch dazu. So muss der Arbeitslose den schmerzlichen Lernprozess durchmachen, ständig diffamiert zu werden, den bisherigen Freundeskreis schrumpfen zu sehen, für jede, auch berechtigte Verweigerungshaltung, gleich einem Kriminellen bestraft zu werden oder in eine neue Beschäftigung gezwängt zu werden, deren Lohn zum Leben nicht reicht, nur, damit die BA Erfolge vermelden kann. Der Rentner muss erkennen, dass er zwar ein langes Arbeitsleben Beiträge zahlen musste, nun aber nicht nur eine geringe Rente bekommt, sondern zusätzlich auch noch der Diffamierung ausgesetzt wird, ein "gieriger Alter" zu sein, der die Jungen ausbeutet. Jeder Mensch weiß, dass Lernen nicht mit dem Schulabschluss aufhört. Aber am Arbeitsplatz kann es passieren, dass mit dem Einsatz einer neuen Technik, verbunden mit unzureichender Einweisung, eine Überforderung eintritt und nur die Besten eine Chance auf Weiterbeschäftigung haben. Doch nicht jeder kann der Beste sein.

Auch diese Studie ist in meinen Augen ein Beweis, dass Umfragen so erfolgen, dass das Ergebnis als manipulativ angesehen werden kann. Vermutlich wird bei dieser Art der Umfrage gleich vom Auftraggeber mitgeteilt, welches Ergebnis man denn gerne hätte. Freud hat gelehrt, wie man das bewerkstelligt. Eine fragwürdige Art der Beweisführung über die Einstellung zu den hier vermittelten Erkenntnissen. Und eine Verwechselung der Begriffe Glück mit Zufriedenheit und innerer Sicherheit.

Sicherlich würden mich die Befrager, falls sie diese Meinung lesen, fragen, ob ich nur glücklich bin, wenn ich mäkeln kann. Dann müsste ich tief in mich gehen und würde mich wohlmöglich dabei verlaufen. Ob ich die Frage je beantworten könnte?