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Erstelldatum: 21.11.2010

Terrorangst

Dreht Euch nicht herum, denn der Buhmann, der geht um! Ein Gespenst geht um in Deutschland! Akute Terrorgefahr! Deshalb, ihr Deutschen, seid wachsam, schaut Euch um. Und wenn Ihr einen Mann mit Bart und Kaftan seht, stürzt Euch auf ihn, hebt seinen Kaftan hoch und schaut nach, ob er darunter einen mit Sprengstoff gespickten Gürtel trägt.

Na ja, ich gebe zu, das ist ein wenig dick aufgetragen. Aber trotzdem, seid wachsam. Worauf ihr achten sollt? Nun, das weiß ich auch nicht, denn darüber haben Herr de Maiziére und der BKA-Chef nichts verlauten lassen. Aber der Terror in Deutschland ist akut. Das haben die Pakete aus dem Jemen bewiesen. Sie erinnern sich? Anfang Oktober ging das durch die Presse. Erstaunlich, dass ausgerechnet das Springer-Blatt WELT mit echten kritischen Fragen aufwartete. Inzwischen ist Springer natürlich längst wieder auf den Zug der Panikmache aufgesprungen. Vermutlich war es eine Unachtsamkeit des Chefredakteurs, dass dieser Artikel überhaupt erschienen ist.

Die nächste Terrormeldung kam dann fast unmittelbar im Anschluss mit den Briefen aus Griechenland, einer davon sogar an Angela Merkel. Nicht auszudenken, wenn sie nicht gerade mal wieder verreist gewesen wäre und den Brief bekommen und geöffnet hätte. Nun ja, das hätte vermutlich
  1. nur die Merkel-Anhänger erschreckt
  2. und ist ohnehin eine äußert naive Sicht, denn jeglicher Posteingang wird zuvor in einem speziell dazu eingerichteten Raum auf mögliche Gefahren hin untersucht, bevor die Post ausgehändigt wird.
Aber zumindest war es dieses Mal nicht Osama und seine Clique, die versuchten, unserer geliebten Landesmutter den Garaus zu machen.

Aus meiner Sicht hat dann die nächste Terrormeldung den Vogel abgeschossen; das Paket in Namibia. Auch hier kam kurze Zeit später erneut die Entwarnung. Es war keine Bombe, sondern nur ein Zünder, eine Attrappe, ein so genanntes Testpaket, um zu kontrollieren, ob die Sicherheitskontrolle an Flughäfen funktioniert. So weit, so gut. Aber der echte Hammer war dann die Nachricht in der Presse, von wem und woher das Paket stammt. Als Beispiel verweise ich hier auf den Bericht im Spiegel, betitelt:

    Terroralarm im Flugverkehr
    80-jährige Amerikanerin soll Bombenattrappe gebaut haben

Danach ist der Hersteller eine kleine amerikanische Sicherheitsfirma, Inhaber ein Larry Copello und nach dessen Angaben hat seine 80-jährige Schwiegermutter die Attrappe zusammen gebastelt. Autor des Artikels lt. Spiegel ist Marc Pitzke aus New York.

Weiter schreibt der Autor:

    Wem er den fraglichen Koffer verkaufte, konnte Copello nicht sagen, da er das Gerät nicht habe exakt identifizieren können. "Ich habe keine Ahnung, wie das Ding da gelandet ist, wo es jetzt auftauchte", sagte er SPIEGEL ONLINE. "Ich kann es nicht verstehen. Irgendjemand muss es deplatziert oder verloren haben."

Nun, gebildet scheint er ja gewesen zu sein, wenn er, für einen Amerikaner schon erstaunlich, im anschließenden Absatz den Begriff "Provenienz" statt Herkunft verwendete. Oder hat nur der Autor des Artikels diesen Begriff verwendet?

Interessant ist der letzte Absatz im Spiegel-Bericht:

    Privatkunden habe er "absolut keine", stellte Copello klar. Alle Kunden würden streng geprüft und müssten sich als Mitarbeiter eines berechtigten Amtes bei ihm ausweisen und eine "amtliche Bestellung" vorweisen. Verdächtige Kunden würde er sofort melden. Seine Firma betreibe auch keine Werbung: "Wir haben ja noch nicht mal eine Website."

Es hat einige Zeit gedauert, bis ich den Mund wieder zu bekommen habe. Man ist ja aus der Presse einiges gewohnt, aber solch "tiefgründigen" Schwachsinn habe ich zum ersten Male lesen dürfen. Es beginnt bereits mit der 80-jährigen Schwiegermutter, aber mit viel Phantasie kann man ja noch annehmen, dass die alte Dame im Betrieb des Schwiegersohns tätig war, weil ihr Rentenfonds pleite gegangen ist und sie ja leben musste.

Dass der Schwiegersohn sich erinnert, dass Schwiegermama das Gerät zusammengebastelt hat, aber nicht mehr zuordnen kann, wem er dieses Gerät verkaufte (nachdem er es alleine anhand von Fotos des FBI "identifizierte"), scheint schon eher ein Fall von partieller Amnesie zu sein, aber als geduldiger Deutscher, der ja weiß, dass unsere Presse nie etwas schreiben würde, was nicht zuvor gründlich recherchiert wurde und nach bestem Wissen und Gewissen der vollen Wahrheit entspricht, nehme ich auch diese Aussage als gegeben hin und denke gleichzeitig über einen Arztbesuch nach, weil sich im Bauch plötzlich so ein merkwürdiges Gefühl bemerkbar gemacht hat.

Aber vielleicht bin ich ja doch zu pingelig. Mich stört etwas und wenn ich darüber nachdenke, frage ich mich, angeregt durch den letzten Absatz im Bericht, wie ist das Ding bloß nach Windhuk gekommen? Denn offensichtlich muss ja die Flugabfertigung in den USA sehr schlampig gewesen sein, hat sie doch offensichtlich die Attrappe nicht erkannt. Sollte die Flugsicherung in Namibia besser als die in den USA sein?

Doch dann kam die Erleuchtung. Die Attrappe konnte ja nur an "berechtigte Personen" verkauft worden sein. Solche berechtigten Personen sind dann in der Regel auch mit einem Regierungsausweis und Immunität versehen, was eine Durchsuchung ihres Gepäcks nicht zulässt. Man nennt das Diplomatengepäck. Folglich muss eine "berechtigte Person" das Paket nach Windhuk gebracht haben. Das hat mich dann dazu gebracht, über eine Veränderung im politischen Miteinander der Staaten nachzudenken. Ich würde vorschlagen, das Gepäck eines jeden Diplomaten grundsätzlich zu durchsuchen, nicht nur in Stichproben, denn ein kleines Männchen in meinem Ohr flüstert mir zu, dass damit so manche weitere Straftat wie bspw. Devisen- und Rauschgiftschmuggel oder Steuerhinterziehung aufgedeckt werden könnte. Aber vielleicht sollte ich doch nicht auf mein kleines Männchen im Ohr hören, denn bei den Lottozahlen versagt es ja auch ständig.

Danach folgt dann im Spiegel die Anregung, im Forum über Flugsicherheit und Terrorismus zu diskutieren. Das, so scheint mir, stets eine geheime Umfrage in einer Demokratur zu sein, damit Politiker wissen, wie weit sie gehen können und wo die Grenze der Unterscheidungsfähigkeit in der Bevölkerung ist, absoluten Schwachsinn von "immerhin möglich" zu trennen.

Aber der Spiegel hat in diesem Leserforum offenbar alle "Terrorwarnungen" zusammengefasst. Damit gibt es inzwischen schon mehr als 2500 Beiträge und die zu durchforsten, war ich nun doch zu bequem. Also habe ich nur ein paar der ersten und ein paar der letzten Beiträge gelesen. Das hat wiederum meinen Glauben an die Deutschen und an die Wirksamkeit demokraturischer Prozesse gestärkt. Demokratur ist wirklich die fortschrittlichste Form der Diktatur. Warum, wie über China immer berichtet, die Leute mit Gewalt zu etwas zwingen, wenn die Kontrolle in der Bevölkerung untereinander doch viel besser funktioniert, als es Polizeigewalt je könnte? Kaum waren im Forum die ersten kritischen Beiträge erschienen, wurden schon die ersten Gegenpositionen laut. Und wir scheinen eine Unmenge von Experten in unserem Land zu haben, die uns ganz genau sagen können, warum wir so extrem durch Terrorismus gefährdet sind und welchen Schutz uns die Regierung und insbesondere der Maiziére, die Vorratsdatenspeicherung usw. bringen. Und natürlich war jeder, der die Ansicht äußerte, dass der ganze Terrorhype vielleicht ein wenig mit Inszenierungen aus dem politischen Lager zu haben könnten, ein Verschwörungstheoretiker. Aber in den von mir gelesenen Beiträgen habe ich nur einen Beitrag gefunden, der sich über die 80-jährige Schwiegermutter gewundert hat. Na ja, das sehe ich ja vielleicht auch zu eng. Ist Amerika nicht das Land der unbegrenzten Möglichkeiten?

Zumindest einer der "potentiellen Verschwörungstheoretiker" antwortete dann ganz einfach mit einer Reihe von Links, in denen die Presse, und nicht nur die linke Presse, über echten Staatsterrorismus berichteten, wie z. B. über Gladio, ein aus verschiedenen Geheimdiensten gebildetes Terror-Netzwerk der NATO, dem in Italien unter Einbindung der Mafia Terrorakte nachgewiesen wurden, z. B. der Anschlag auf den Bahnhof von Bologna mit einer Menge Toten und inszeniert von der CIA und dem MI6. Dass der BND eingebunden war, sowie der französische Geheimdienst, sollte da nicht mehr weiter verwundern. In den vorgenannten Pressemeldungen wurde auch die Wahrscheinlichkeit betont, dass der Anschlag auf das Oktoberfest am 26. 09. 1980 vermutlich unter Mitwirkung des BND erfolgte. Das der Anschlag auf die Jüdische Gemeinde am 9. November 1969 auch durch einen BND-Agenten, einen so genannten "Agent Provokateur" inszeniert wurde, weiß die Berliner Zeitung zu berichten. Dieser Agent tritt auch in anderen Fällen im Zusammenhang mit der RAF in Erscheinung. Sein Name: Peter Urbach (findet man auch bei Wikipedia). Ich stelle die Links hier einfach mal alle ein. Wollen uns da die Verfasser durch die Blume sagen: "Lasst Euch von den Terrormeldungen nicht veralbern, wir müssen die schreiben, aber die Wahrheit sieht anders aus. Hier könnt ihr mal lesen, wie die Wirklichkeit in der Vergangenheit aussah."

Berliner Zeitung
ZEIT
n-tv
Telepolis
n-tv/Panorama
TAZ

Lese ich dann, dass der BND-Agent die Bomben mit "korrodierten Zündern" geliefert hat, erinnert mich das an die Koffer-Bomber, von der Presse stets als brandgefährlich dargestellt und ihre Bomben sehr wirksam. Lediglich der Zünder hat nicht funktioniert. Und die Sauerlandgruppe war aus meiner Sicht weit entfernt davon, Terroristen zu sein. Dafür waren sie einfach zu dämlich, denn sie haben ihr angebliches Vorhaben stets lauthals verkündet. Das nährt natürlich den Verdacht, dass diese uns verkauften Terrorgruppen auch eine "BND-Führung" hatten, um politische Vorhaben in Bezug auf Überwachungstechniken und -Vorhaben zu verwirklichen. Demokratur eben.

Die Häufung der Terrorwarnungen und die wieder aufgeflammte Diskussion über die Vorratsdatenspeicherung und das Wissen, dass ja de Maiziére in der letzten Legislaturperiode im Kanzleramt für die Geheimdienste zuständig war, weckt in mir erhebliche Zweifel an Vorhaben der bösen Islamisten, schon deswegen, weil ich den Terrorismus in Afghanistan, Pakistan und dem Irak nicht als Terrorismus, sondern als Befreiungskampf Einheimischer und inzwischen als eine Art Bürgerkrieg verschiedener islamischer Religionsgruppen betrachte. Die Terroristen dort sind die westlichen Soldaten, die einer uns völlig fremden Kultur "westliche Wertvorstellungen" aufzwängen wollen. Auch wenn wir diese uns mitunter barbarisch erscheinenden Handlungen glauben verabscheuen zu müssen, ist das eine innere Angelegenheit und eine Jahrhunderte währende Praktik, die nur von innen heraus geändert werden kann. Und, nicht zu vergessen, der Westen hat genug eigenen Dreck am Stecken und eigentlich jeden Grund, zuerst vor der eigenen Tür zu kehren. Der Islam ist in seinen Schriften nicht brutaler als die Bibel, ist doch der Ursprung der Gleiche. Und weit verbreitet ist inzwischen auch die Meinung, dass die eigentliche Ursache für die westlichen Interventionen eine andere sind, als die vorgeschobenen Begründungen. Die Länder rund um den Golf haben eben Bodenschätze, welche die Begehrlichkeiten im Westen geweckt haben und eine Erfahrung beweist der Kapitalismus stets aufs Neue, hat jemand etwas was ein Stärkerer haben will, dann nimmt er es sich. Welchen Vorteil sollte es sonst haben, der Stärkere zu sein?

Wenn ich mich aus dem Haus begebe und eine Straße überquere, gehe ich das Risiko ein, dass mich ein unaufmerksamer Autofahrer überfährt. Als ich 2005 mit dem Motorrad an einer Ampel losgefahren bin und dann in ein Auto krachte, welches noch bei rot über die Ampel zu kommen versuchte (der Fahrer war ein junger Türke), dann war das kein terroristischer Anschlag, sondern ein junger Türke, der die schlechte Gewohnheit so mancher Deutschen übernommen hatte, also voll integriert war. Wenn ich an einer Baustelle vorbeigehe, kann mit ein Ziegelstein auf den Kopf fallen und es gibt tausend weitere Möglichkeiten, die mein Leben vorzeitig beenden könnten, sogar in Krankenhäusern soll es Fälle gegeben haben, in denen eine etwas stümperhafte Arbeit ein Leben vorzeitig beendete. Was beweist das? Das Leben kann tödlich sein und die meisten Arten sind weitaus wahrscheinlicher, als ein Terrorangriff. Mir ist meine Freiheit wesentlich lieber, als ein von Politikern und Geheimdiensten versprochener Schutz vor echten Attentätern, der nicht einzuhalten ist. Das haben die IRA oder die ETA in Irland und in Spanien immer wieder unter Beweis gestellt. Und sollte wirklich ein Attentäter mal neben mir zündeln, dann habe ich eben Pech gehabt, genau so viel Pech, als wenn ich zu einem verkehrten Zeitpunkt die Straße überquere. Die aktive Kriegspolitik dieser Regierung, die Lissabon-Strategie der NATO 3.0 und die permanent weiter verfolgten Anstrengungen der Politik, die Kontrolle über die Bürger zu bekommen, beinhalten in meinen Augen wesentlich mehr Gefahren für mein Leben UND meine Freiheit, als die nun auch von Merkel verkündeten Terrorgefahren.