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Erstelldatum: 03.09.2009

Schmierenjournalismus

Die Presse behauptet ja im Allgemeinen von sich, "unabhängig und überparteilich" zu sein. Inzwischen dürfte jedem klar sein, dass kein Presseorgan diesen Anspruch erfüllt. Das wird besonders in Wahlzeiten deutlich. Die Presse ist das Sprachorgan der "bürgerlichen Mitte", wobei ich mich immer wieder fragen muss, was denn die bürgerliche Mitte ist. Bis zum industriellen Zeitalter war das Bürgertum die Schicht mit Besitz/Eigentum und das Beamtentum zwischen der Oberschicht aus Adel und Klerus und der Unterschicht aus Bauern und Arbeitern. Dabei waren die Bauern früher nicht vergleichbar mit den Landwirten von heute. Sie standen in Abhängigkeit der Grundherrschaft, teils frei, teils in Leibeigenschaft. Grundherren waren der Adel und der Klerus.

Ich denke, daran hat sich nicht viel geändert, Besitz oder ein Posten als Beamter (vorzugsweise im gehobenen und höheren Dienst) ist nach wie vor ausschlaggebend für die Zugehörigkeit zur "bürgerlichen Mitte", nur die Landwirtschaft ist da teilweise ins Lager der Bürgerlichen gewechselt, weil mit dem Feudalismus auch die Grundherrschaft (größtenteils) abgeschafft wurde. Damit könnte auch die an Paranoia grenzende Angst des Bürgertums und der Oberschicht vor den Linken erklärt werden. So, wie früher die Kommunisten verteufelt wurden, wird heute die Linke verteufelt, denn man hat Angst, die Unterschicht werde den Bürgerlichen und der Oberschicht den Besitz streitig machen, eine Befürchtung, die man bei den etablierten Parteien einschließlich SPD und Grüne nun wahrlich nicht hegen muss. Das Schreckgespenst heißt dabei Sozialismus, ein Begriff, den offenbar niemand richtig verstanden hat und den die Bürgerlichen und die Oberschicht auch nicht verstehen wollen. Ich fände Sozialismus gar nicht so schlecht, könnte man ihn ohne Funktionäre etablieren, denn er ist nicht an der Idee gescheitert, sondern an den Funktionären. Doch das soll hier nicht das Thema sein.

Die Zeiten, in denen die Presse sich noch frei und unabhängig bezeichnen konnte, sind lange vorbei. Daran ändern auch scheinbar kritische Berichte über die Situation von Arbeitslosigkeit und Arbeitern etwas. Unabhängig waren früher einmal die kleinen Zeitungen, wenn sie von Redakteuren geführt wurden, die sich der Wahrheit und der Aufklärung verpflichtet fühlten. Das ist lange her, denn heute ist die Presse in den Händen weniger Familien und einzig auf Profit getrimmt. Nicht mehr die Leser sind ausschlaggebend, sondern die Anzeigenkundschaft, denn die bringen das große Geld.

Wie sehr Journalismus zum Schmierenjournalismus verkommen ist, beweist Focus-online mit einem Leitartikel unter dem Titel "Der gefährliche Pakt mit Teufel Oskar". Focus nimmt ja für sich in Anspruch, ein seriöses Nachrichtenmagazin zu sein, straft sich aber mit diesem Betrag selber Lügen. Dieser Beitrag ist von vorne bis hinten Polemik, frei von Fakten und zeigt mir, dass die Verquickung von Religion, Presse und Politik noch immer Bestand hat. In den Kommentaren wird aber ersichtlich, dass das bürgerliche Lager zum Teil begeisterten Beifall spendet. Nicht Fakten spielen ein Rolle, sondern pure Polemik. Zum Glück nicht bei allen, die einen Kommentar abgeliefert haben und über diese Form journalistischer Arbeit (wenn man es so nennen mag) empört sind. Für mich ist das Schmierenjournalismus übelster Art. Es geht dabei eigentlich nicht einmal um die Person Lafontaine. Der unterschwellige Tenor ist es, die Linke zu diffamieren und zu diskreditieren. Dazu lässt sich auch Focus auf BILD-Niveau herab, steht aber damit nicht alleine. Andere "seriöse" Blätter, wie z. B. die FAZ, machen das auch, lediglich weniger primitiv.

Wie alle Parteien verwendet natürlich auch die Linke Schlagworte und besetzt Themen, die auch von den anderen als Absicht erklärt werden, wie z. B. Bildung, Mindestlohn usw., nur, dass man bei den Linken befürchtet, sie könnte es ernst meinen und auch angehen, zumindest im Rahmen des Möglichen. Diese Befürchtung muss man bei den anderen ja nicht hegen, auch nicht bei den Grünen, die ja längst bewiesen haben, wie "geschmeidig" sie sind, wenn es um Anpassung geht. Krieg, früher einmal Grund für die Grünen zu demonstrieren, heute unverzichtbarer Teil "deutscher Friedensbemühungen" ebenso, wie die Mitgliedschaft in der NATO und die Teilhabe an NATO-Missionen. Im BT-Wahlkampf kämpfen sie angeblich gegen schwarz-gelb. Im Saarland könnten sie dafür Zeichen setzen, aber damit wollen die Saar-Grünen erst nach der BT-Wahl rausrücken. Wirklich? Oder haben sie im Saarland andere Ansichten und paktieren lieber mit der FDP und der CDU als mit der Linken? Wer das Interview von Trittin mit der ZEIT gelesen und erkannt hat, wie sich Trittin um eine klare Antwort drückt und stattdessen mit Wahlkampfparolen aufwartet, kann den Grünen-Slogan "schwarz-gelb verhindern" auch so werten, dass man zwar gerne mit der SPD koalieren würden, falls es bei den Beiden reicht, aber im Notfall auch mit schwarz-gelb paktiert, wenn es nicht anders geht. Da hat sie wohl weniger Berührungsängste, als mit den Linken, denn auch die Grünen sind eine Partei des bürgerlichen Lagers.

Die SPD hat bereits unter Helmut Schmidt aufgehört, eine Arbeiterpartei zu sein. Unter Schröder wurde dann eine Politik gefahren, die so ganz den Vorstellungen der Bürgerlichen entsprach. Damit wollte die SPD vor allem zusätzliche Stimmen aus dem bürgerlichen Lager einheimsen. Für kurze Zeit ist ihr das auch gelungen. Aber dabei hat sie die Rechnung ohne einen Teil ihrer Stammwähler gemacht, die sich damit von der SPD abgewendet haben, aber leider zum großen Teil mit Wahlverzicht antworten, statt sie durch die Wahl der Linken wirklich zu bestrafen. Die Bürgerlichen trauen der SPD ohnehin nicht und bleiben lieber bei schwarz-gelb.

Eines scheint allen bürgerlichen Parteien noch nicht klar geworden zu sein: "Das bürgerliche Lager hat ein Arktis-Syndrom, es schmilzt rapide ab". Der kleine Handwerker, die Einzelhändler, Kleinbauern und selbst mittlere Betriebe müssen nun erleben, dass sie dank der Politik der bürgerlichen Parteien ins Abseits und damit ins Elend getrieben werden. Es ist nicht die Linke, die ihnen wegnimmt, was sie sich geschaffen haben, sondern die Politik der bürgerlichen Parteien, die sie mit Schlagworten wie Globalisierung in die Pleite zwingt, weil sie ihre Politik auf die großen Konzerne und die großen Handelsketten ausgerichtet haben. Für diese ehemals Bürgerlichen hat sich die sich selbst überlassene Marktwirtschaft mit ihrem wahren Gesicht gezeigt: "Die Großen fressen die Kleinen." Wenn diese ehemalige Klientel der schwarz-gelben Parteien erst einmal wieder einen klaren Kopf bekommen hat und sich von diesen Parteien nicht nur abwenden, sondern auch die anderen Möglichkeiten für ihre Wahl nutzen, statt auf die Stimmabgabe zu verzichten, werden die bürgerlichen Parteien das Fiasko geringer Wahlbeteiligung vielleicht als Ihr Fiasko und weniger als angenehme Begleiterscheinung erkennen. Im Saarland hat sich gezeigt, dass eine höhere Wahlbeteiligung ganz andere Wahlergebnisse zeitigt.

Reichtum für alle war (glaube ich) auch ein Slogan der Linken. Ein gefährlicher Slogan, denn leider wird Reichtum immer noch mit Besitz verwechselt. Der wahre Reichtum sieht in meinen Augen anders aus. Natürlich gehört ein Einkommen dazu, mit dem man leben, also nicht nur existieren kann. Aber dazu gehören auch echte Chancen auf Bildung, intakte Familienverhältnisse, soziale Verantwortlichkeit und ein Gefühl für Moral und Ethik, wie es Kirche und Politik predigt, aber nie praktiziert. Es wäre an der Zeit, dass die Mächtigen im Lande erkennen, dass sie den Anspruch, sich zur Elite zu zählen, nur dann haben dürfen, wenn sich auch Charakter haben. Doch der ist den meisten wohl abhanden gekommen.

Bis zum 27. September werden die Journalisten gegen die Linke Stimmung machen, was das Zeug hält. Sie werden Ängste schüren, diffamieren und diskreditieren, mal direkt, mal versteckt durch die Wortwahl (das gilt vor allem für die TV-Medien). Eigentlich eine gute Gelegenheit, auch der Journaille gelb/rot zu zeigen. Leser spielen ja keine Rolle mehr bzw. nur noch eine untergeordnete Rolle. Aber wie verhalten sich die Anzeigenkunden, wenn die Leser ausbleiben? Drei-mal dürfen Sie raten. Ja, ich weiß. Das würde viele Jobs in der Werbebranche kosten. Na und? Ist das nicht die Branche, deren Geschäft Lug und Trug ist? Die uns mit den blödesten Werbespots ködern wollen, bestimmte Produkte zu kaufen? Die vielen von uns Minderwertigkeitskomplexe bescheren, weil wir nicht dem Schönheitsideal oder den bevorzugten Altersgruppen der Werbeindustrie entsprechen? Ich finde, auf diese Branche könnten wir gut verzichten, denn sie arbeitet sehr massiv an der Verblödung der Allgemeinheit mit.