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Erstelldatum: 17.07.2008

Arbeitslosigkeit als Urlaubsparadies

Zum Slogan "soziale Hängematte"/Teil drei der Analyse von neoliberalen Propagandabegriffen
von Holdger Platta

Früher wurde es einmal "soziales Netz" genannt, offenbar in Anlehnung an die Sicherheitsnetze, die für Zirkus-Artisten unten über der Manege aufgehängt wurden: gemeint war das System der Gesellschaft, Menschen vor dem Absturz ins soziale Nichts, ins Elend, zu bewahren - im Falle der Arbeitslosigkeit zum Beispiel. Und die Erarbeiter des Grundgesetzes haben noch gewußt, wieso sie den Sozialstaat derart zentral in unserer Verfassung abgesichert haben, vor allem in den Artikeln 1, 20 und 28 (wo es um Menschenwürde und Sozialstaat ganz unmittelbar geht), aber auch in den Artikeln 14 und 15 (wo die Sozialpflichtigkeit des Eigentums im Mittelpunkt steht). Sie erinnerten sich noch, die sogenannten "Mütter" und "Väter" des Grundgesetzes, daß die Weimarer Republik nicht zuletzt an diesem Mangel an sozialem Rechtsstaat zerbrochen war. Sie hatten begriffen - bis weit in die Reihen der CDU hinein, damals jedenfalls -, daß Menschen der Demokratie verloren gehen und die Demokratie den Menschen, wenn die Demokratie den Einzelnen vor dem völligen Absturz nicht mehr zu bewahren weiß, wenn sie nicht einmal mehr imstande ist, ein Leben oberhalb des Existenzminimums sicherzustellen. Eine Demokratie, die vor derartigem Elend die Menschen nicht mehr schützt, die schützt auf Dauer auch sich selber nicht mehr. Aber: lang, lang ist's her! Und - es wird zu zeigen sein -: für die Neoliberalen heute scheint dies alles nur noch kalter Kaffee von gestern zu sein! Hier der Beleg:

Immer häufiger tauschen die Neoliberalen in ihrer Propaganda den Begriff des "sozialen Netzes" durch den hämischen Begriff der "sozialen Hängematte" aus. Und die Neoliberalen wissen sehr genau, weshalb. Wir auch? - Nun, werfen wir doch ein weiteres Mal einen Blick auf diese Propagandasprache, diesesmal also auf den Begriff der "sozialen Hängematte"! Schon jetzt: es lohnt sich auch hier, die suggestive Wirkung dieses Slogans zu analysieren. Welche Spontan-Assoziationen stellen sich also ein - noch bei jedem von uns, by the way! -, wenn wir den Begriff "Hängematte" vernehmen?

Zwischen Robinson Crusoe und Tropenurlaub: Zwangsuntätigkeit als Paradiesvorstellung

Erstens: Ich vermute, die erste Assoziation, die sich bei den meisten einstellen dürfte, wenn sie das Wort "Hängematte" zu hören bekommen, dürfte das der entspannten Untätigkeit sein. Wer in der "Hängematte" liegt, arbeitet nicht. Er faulenzt herum, ruht, schläft vielleicht sogar (schließlich: er liegt, er sitzt nicht mal!). Kurz: eine durch und durch beneidenswerte Situation!

Zweitens: zumeist ist diese Assoziation behaglicher Freizeit und Untätigkeit aber noch mit einem zweiten Einfall verknüpft: "Hängematte", das klingt irgendwie nach Ferien, nach Reise. Fast zwangsläufig scheint diese Hängematte in unseren Köpfen ausgespannt zu sein zwischen zwei Palmen, irgendwie klingt "Hängematte" nach Tropen-Urlaub. Ist ja auch klar - jedenfalls die Assoziation südlicher Länder drängt sich auf -: Hängematten pflegt man nicht in seiner Wohnung zu installieren, zumindest in aller Regel nicht, sondern draußen. Und das lohnt sich nur, wenn es das Klima erlaubt. Nicht zuletzt aber: kam eine solche Hängematte nicht schon bei Robinson Crusoe auf seiner fernen Insel im Pazifik vor? Werben nicht Reiseprospekte, wenn es um Malediven oder Seychellen geht, gern mit diesen Erholungsbildern?

Womit drittens unvermeidbar bei diesem Begriff der "Hängematte" sogar die Bedeutung der Fern- oder Weltreise mitschwingt - und damit sogar etwas wie Luxus. Wer in der Hängematte liegt, irgendwo weit weg, draußen in der Welt, dem geht es in jederlei Hinsicht gut, also auch in finanzieller. Ist schon interessant, wo man landet, wenn man den Suggestionen dieses Begriffes folgt. Schon jetzt kann man sagen: beim genauen Gegenteil von der Wirklichkeit, wenn man diesen Täuschungsslogan mit der Realität konfrontiert!

Ergo: der Begriff der "Hängematte" macht aus Arbeitslosen und Sozialhilfeempfängern fast so was wie Fernreisende und Nichtstuer aus der Jetset-Welt. Und in Verbindung mit dem Beiwort "sozial" wird aus der elenden Zwangsuntätigkeit der Arbeitslosen geradezu ein asozialer Tatbestand. Die "soziale Hängematte" deutet die Zwangsuntätigkeit der Arbeitslosen in Faulenzerei um. Diese Propaganda soll einer uninformierten und unbetroffenen Bevölkerung vorgaukeln, den Ärmsten der Armen in der Bundesrepublik gehe es bestens. Und das heißt natürlich: viel zu gut!

Die Arbeitslosen sind Faulenzer und haben selber Schuld

Übertreibe ich? Halten die hier wiedergegebenen Assoziationen zum Begriff der "sozialen Hängematte" einer empirischen Überprüfung Stand? Faulenzertum, Luxus - ist das, im Zusammenhang mit Arbeitslosen und "sozialer Hängematte", nicht arg weit hergeholt?

Nun, sehen wir einmal von einer besonders merkwürdigen Äußerung ab, von der Formulierung des Ex-Kanzlers Helmut Schmidt, der einmal sogar von "gut gepolsterten" Hängematten sprach - reichlich realitätswidrig-, so werden wir auch anderwärts - und ohne diese Sprachidiotie - fündig:

Dirk Niebel zum Beispiel, Bundesgeschäftsführer der FDP, begründete seine Ablehnung der "sozialen Hängematte" unter anderem damit (vergessen wir nicht: es geht um das soziale Sicherungssystem der Bundesrepublik, das mittlerweile nichtmal mehr das Existenzminimum der Menschen und Restformen eines menschenwürdigen Lebens zu garantieren vermag!): "Der Fleißige darf nicht dem Faulen helfen!", deshalb Abschaffung der "sozialen Hängematte"! Da finden wir, aufs klarste ausgesprochen, das angebliche Faulenzertum von SozialhilfebezieherInnen und arbeitslosen Menschen auf den Punkt gebracht! Der Rauswurf aus der Arbeitswelt, der Absturz ins soziale Aus, wird zur Faulheit, zum Charaktermangel der betroffenen Menschen. Und die richtige Konsequenz aus diesem Charaktermangel Faulheit ist, so Niebel, daß diesen Ärmsten der Armen keinerlei Hilfe mehr zusteht, weil es damit doch an die Geldbörsen der "Fleißigen" geht. Dies also zu Humanität und Sozialstaatsverständnis der FDP! Und was ist mit der von mir angesprochenen Luxus-Suggestion, die mit der "Hängematte" verknüpft ist?

Nun, werfen wir einen Blick auf die Publikationen des Springer-Konzerns! Haben wir da nicht alle noch - aus der "Bild-Zeitung" - "Florida-Rolf" in Erinnerung, der aufs genaueste, als Fernurlauber bei Miami sowie Sozialhilfeempfänger, dem geschilderten Bild des Gesellschaftsausbeuters von unten zu entsprechen schien? Doch schauen wir auch in den Online-Dienst der Springer-Zeitung "Die Welt"hinein. Da faselt der anonyme Verfasser tatsächlich davon, daß die Sozialhilfe in der Bundesrepublik "allzu üppig" bemessen sei. "Üppig", "allzu üppig"? - Da haben wir durchaus auch die Luxus-Unterstellung. Und wenn der betreffende "Welt"-Deuter hinzufügt, dadurch, durch eben diese "allzu üppige Sozialhilfe", würden die betreffenden Menschen "immobilisiert", "der Arbeit entwöhnt", und diese Hilfe ließe diese Menschen "erschlaffen": dann bedient auch dieser Online-Dienst eines angeblich seriöseren Blatts aus dem Springer-Konzern aufs genaueste das Klischee vom Sozialhilfeempfänger als Faulpelz - und auch hier wird so getan, als ob dieser Zwangsuntätige ganz freiwillig arbeitslos geworden wäre.

Die verborgenen Absichten der Neoliberalen - und warum man sie aufdecken muß

Wieso all diese Schmähungen? Wieso dieses Verdrehen von Wirklichkeit (beim "Welt"-Journalisten zum Beispiel die Äußerung, daß es angeblich die angeblich "allzu üppige Sozialhilfe" sei, welche die betroffenen Menschen "immobilisiere", "der Arbeit entwöhne", "erschlaffen" ließe, nicht aber das brutale Faktum, daß diese Menschen ohne eigenes Zutun, höchst unfreiwillig, ihren Arbeitsplatz verloren haben!)?

Nun, ich sehe für diese menschenverachtende Propaganda, die den Menschen in ihrem Elend auch noch Schuld gibt an ihrem Elend, vor allem drei Absichten am Werk:

Es liegt zum einen im ökonomischen Interesse dieser neoliberalen Sprücheklopfer, sich den Sozialstaat vom Halse zu schaffen. So oder so: Sozialstaat kostet Geld. Allein dieses wollen diese Herrschaften nicht mehr.

Es dient zum zweiten der moralischen Selbstentlastung. Wenn Charakterfehler der Armen und Arbeitslosen Schuld sind an deren Schicksal, kann es eigener Fehler oder Fehler der eigenen Wirtschafts- und Politik-Eliten nicht mehr sein. Und wenn es im Grunde asoziale Strolche sind, diese Sozialhilfeempfänger und Arbeitslosen, haben die auch keinen menschlichen Anspruch auf Hilfe mehr. Bestens kann man mit diesen Propaganda-Sugesstionen also eigenes Versagen verschleiern.

Und zum dritten soll mit diesem suggestiven Gequatsche von der "sozialen Hängematte" nicht zuletzt die arbeitende Bevölkerung aufgehetzt werden gegen dieses angeblich unverschämt faulenzende Arbeitslosenheer. Wobei nicht zu übersehen ist: je schlechter es die arbeitenden Menschen haben, desto größer die Chance, daß bei ihnen diese Propaganda auch verfängt. Wem es selber an seinem Arbeitsplatz nicht gut geht, glaubt leicht, daß es der Arbeitslose in Wahrheit doch viel besser hat. Schnell wird da aus der "sozialen Hängematte" in den Köpfen der Menschen, die sich bis zum Zusammenbruch abrackern müssen in den Betrieben ihrer Konzernherren, die besonnte Hängematte der Sozialhilfeempfänger am tropischen Badestrand!

Fazit mithin: diese Metaphorik von der "sozialen Hängematte" macht aus der Zwangsuntätigkeit der Arbeitslosen so etwas wie einen ewigen Urlaub, aus ihrem Elend ein Luxus-Leben. Und auf die Menschen, die noch einen Arbeitsplatz haben, sich aber dort bei spärlichster Bezahlung und unter menschenunwürdigsten Bedingen oft zu Tode schuften müssen, wirkt das fast wie Unverschämtheit und Provokation. Die wahren Ausbeuter der Gesellschaft scheinen, aus dieser Perspektive betrachtet, die Ärmsten der Armen in unserer Gesellschaft zu sein, nicht aber die sogenannten Eliten in Wirtschaft und Politik. Verkehrte Welt! Psychotricks! Aber so funktionieren die Slogans. Und: so sollen sie funktionieren!

Das bedeutet aber für uns:

Wir bleiben wehrlos, wenn wir in dieser Hinsicht ahnungslos bleiben. Wir müssen bei öffentlichen Debatten auch diese untergründigen Psychotricks analysieren. Wir können den Kampf um das Bewußtsein der Menschen nicht gewinnen, wenn wir permanent den Kampf um deren Unterbewußtsein verlieren. Wir benötigen deshalb dringend eine aufklärerische Psychologie, die sich dieser manipulativen Psychologie unnachgiebig, beharrlich und konsequent in den Weg stellt.