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Erstelldatum: 27.04.2007

Der Eckrentner

Der Eckrentner ist ein Rentner, der in politischen Aussagen gelegentlich auftaucht. Dabei handelt es sich um einen "virtuellen Rentner", also um eine fiktive Figur mit dem Status einer Kenngröße.

Ein Eckrentner ist die politische Annahme eines Rentners, der 45 Jahre gearbeitet und in jedem Arbeitsjahr genau einen Entgeltpunkt erreicht hat, also mit seinem GRV-pflichtigen Einkommen immer exakt mit dem Durchschnittseinkommen übereinstimmte.

45 Arbeitsjahre mit jeweils einem Entgeltpunkt ergeben 45 Entgeltpunkte. Seine Rente betrüge also (sofern es ihn gäbe), 45 * aktueller Rentenwert. Der aktuelle Rentenwert beträgt derzeit 26,13 (West) und 22,97 (Ost). Die unterschiedliche Größe des Rentenwerts zeigt, dass es eigentlich zwei Eckrentner gibt, einen Eckrentner West und einen Eckrentner Ost. Rechnen wir einmal die Werte aus.

  • 45 * 26,13 = 1.175,85 Rente für den Eckrentner West.
  • 45 * 22,97 = 1.033,65 Rente für den Eckrentner Ost.
Aus meiner Sicht ein politisches Armutszeugnis, dass selbst heute, 17 Jahre nach dem Mauerfall, die politische Einheit noch immer nicht vollzogen ist.

Die ermittelten Renten des Eckrentners zeigen aber auch auf, dass die vielen Aussagen der Politik über die reiche Rentnergeneration auf Lügen basieren. Die Zahl der Rentner, deren Einkommen niedriger ist, als der errechnete Durchschnittsverdienst des Statistischen Bundesamtes ist größer, als die Zahl der Rentner, die über dieser als Mittelwert bezeichneten Rente liegt. Zwar kann man von einer Rente in dieser Höhe leben, aber eine solche Rente führt sicherlich nicht dazu, dass der Rentner es sich erlauben kann, durch die Welt zu jetten.

Werden bei entsprechenden Aussagen der Medien einmal Ross und Reiter genannt (was eher selten der Fall ist), wird ersichtlich, dass die Medien gerne eine Vermengung von Rentnern der GRV mit Beamten vornehmen, oder die grundsätzlich mit einer Zusatzrente aus der Versorgungskasse der öffentlichen Hand ausgestatteten Angestellten des öffentlichen Dienstes.

Dazu sollte aber auch einmal angeführt werden, dass die Mindestpension eines Beamten (West) ziemlich exakt der Rente eines Eckrentners (West) entspricht, eine Pension, die ein Beamter bereits erreicht, wenn er die Wartezeit erfüllt hat. Allerdings muss er diese Pension versteuern. Anders als in der GRV gibt es für Beamte nämlich eine Mindestpension und von der Besteuerung kann er natürlich den Freibetrag und die Aufwendungen für die Krankenkassenbeiträge in Abzug bringen. Der Pensionär bekommt von seinem Beitrag zur Pflegeversicherung den halben Beitrag als Zuschuss erstattet, während der GRV-Rentner die Pflegeversicherung in vollem Umfang selbst bezahlen muss.

Man mag mir Neid vorwerfen und dass ich etwas gegen Beamte habe. Damit hat man Recht und Unrecht zugleich. Ein Beamter zahlt keinen Cent für seine Alterssicherung und die Zeiten, in denen sein Nettoeinkommen geringer als das eines Arbeitnehmers war, sind lange vorbei. Durch sein nominell niedrigeres Bruttoeinkommen gelangt er erst wesentlich später in die Steuerprogression, zahlt damit weniger Steuern, hat aber auch keine Zahlungen für die Arbeitslosenversicherung (schließlich ist er unkündbar) zu leisten, zahlt keine Beiträge in eine Rentenversicherung, hat eine wesentlich bessere Beihilferegelung für die Krankenkassenbeiträge und liegt damit mit seinem Nettogehalt deutlich über dem eines vergleichbaren Beitragszahler der GRV. Zusätzlich hat er bessere Konditionen in Privatversicherungen, bekommt vom Staat günstige Kredite beim Bau eines Eigenheimes und bekommt großzügigere Unterstützung in Form von Zulagen für jedes Kind. Sein Pensionsanspruch ist gesichert und seine zu erwartende Pension liegt deutlich über der zu erwartenden Rente eines GRV-Rentners. Den Beamten wurden auch keine Nullrunden zugemutet. Im Falle einer Frühpensionierung sind die Regelungen recht großzügig, um dennoch den vollen Pensionsanspruch zu erhalten. Seine Pension ist nicht gedeckelt, wie das bei einer GRV-Rente durch die Beitragsbemessungsgrenze der Fall ist, für seine Pension gilt kein Nachhaltigkeitsfaktor, der quasi den Rentner für die Arbeitslosigkeit verantwortlich macht. Während seines Arbeitslebens bekommt er in festgelegten Intervallen eine Einkommenssteigerung und kann seine Beförderungsmöglichkeiten bereits bei Arbeitsantritt genau bestimmen. Seine Bezüge stehen nicht wie die Arbeitnehmereinkommen auf dem Stand von 1991, sondern sind stetig gewachsen.

Das Beamtentum ist ein Fossil, ein Relikt aus der Zeit der Feudalherrschaft und auch heute noch mit einer Menge Privilegien ausgestattet. Einem Leistungsvergleich mit Kräften aus der Wirtschaft halten nur wenige Bereiche des Beamtentums stand. Verantwortung für seine Handlungen in seinem Aufgabenbereich muss er in den seltensten Fällen übernehmen, weil Klagen wegen Willkür eines Beamten immer Klagen gegen den Staat sind und für den Beamten damit meist ohne Konsequenzen bleiben.

Gerne betont die Politik, dass wir in einer globalisierten Welt leben, dass die Privatisierung von Staatsunternehmen wie Post, Telekom, Bahn und früher Veba und VW (um nur einige zu nennen) unabdingbar sind. Mit der Privatisierung wird aber nicht nur Volkseigentum zu Schleuderpreisen verhökert, sondern auch eine Menge Personal freigesetzt. Zu dem freigesetzten Personal gehören zwangsweise auch Beamte, die nur begrenzte Zeit an ein rein nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten geleitetes und privatisiertes Unternehmen "ausgeliehen" werden können. Da für viele der freigesetzten Beamten keine adäquate Ersatzstelle gefunden wird, werden sie entweder mit großzügig ausgestellten Attesten des staatlichen Medizinaldienstes in Frühpension mit vollen Bezügen geschickt, oder sie werden mit vollen Bezügen "geparkt", müssen also lediglich erreichbar sein und haben ansonsten einen voll bezahlten Urlaub, nicht selten über Jahre. Somit ist Privatisierung im doppelten Sinne ein Verlustgeschäft für den Staat, aber diese Nebenkosten tauchen in keiner Publikation auf, ausgenommen vielleicht im Finanzbericht des Finanzministeriums und dort vermutlich in verschlüsselte Form.

Die Agenda 2010 hat uns so genannte Reformen beschert, eine Renten-, zwei Mal eine Gesundheits- und eine Arbeitsmarktreform. Eine Reform des Beamtentums ist hingegen seit mehr als 50 Jahren überfällig. Beamte sind Arbeitnehmer wie jeder andere anhängig Beschäftigte auch. Eine Beamtenreform sollte somit nach dem Gleichheitsgrundsatz des GG die Privilegien des Beamtentums aufheben und ihre Arbeitsbedingungen denen der freien Wirtschaft anpassen. Meine Kritik gilt somit nicht den Beamten als Menschen, sondern dem System, das wie kein anderes an Ineffizienz leidet, keiner Kosten/Leistungsanalyse standhält, dafür aber Übergriffe geradezu forciert. Im Vergleich zur Wirtschaft sind Leitungsfunktionen nicht das Ergebnis von Leistung, sondern einer vorab festgelegten Beförderungsautomatik, die ausschließlich auf den schulischen Kriterien zum Zeitpunkt der Einstellung basiert.

Wer diese Kritik als Neid betrachtet, ist entweder Beamter oder hat das Beamtentum noch nicht näher betrachtet. Ich kann mit dem Vorwurf leben.