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Stand: 16.01.2008

Arbeitsvermittler als Beruf

Man merkt, der Wahlkampf ist in vollem Gange. Koch markiert zuerst den Bullterrier, um jede ausländerfeindliche Regung für den Stimmenfang zu nutzen, dann wird er zurückgepfiffen und hat das alles natürlich anders gemeint. Ypsilanti steigt voll auf die Beck-Schimäre vom Mindestlohn ein, obwohl sie auf Länderebene dabei nichts ausrichten kann. Die FDP verteidigt natürlich voll die liberalen Werte, nach denen ein Mindestlohn Arbeitsplätze vernichtet, unterstützt von Prof. Un-Sinn bei dem die Verluste der Arbeitsplätze in die Millionen gehen, wenn ein Mindestlohn eingeführt würde. Dass andere Länder allesamt positive Erfahrung mit einem Mindestlohn haben, interessiert die deutschen Propheten liberaler Marktwirtschaft nicht.

In der Stadt komme ich öfter an einem Friseurladen vorbei. "Jeder Haarschnitt 10 €, egal ob kurz oder lang", lautet die Werbung. Wie viel Lohn mögen wohl die Mädels im Laden bekommen? Wie viele andere Friseurgeschäfte mussten wohl wegen solcher Angebote dicht machen und ihre Leute entlassen? Diese Abstauber sind natürlich gegen einen Mindestlohn, denn dann müssten sie auch Preise wie andere Friseure fordern. Sicher, wir müssten mehr für einen Haarschnitt zahlen, dafür würden aber weniger Arbeitslose auf der Straße sein oder weniger Friseusen, die von ihrem Einkommen nicht leben können und deshalb aufstockendes ALG bekommen.

Bereits mehrfach habe ich kritisiert, dass die so genannten Fallmanager der ARGEn nicht ausreichend qualifiziert sind, um der Gesetzeslage des Forderns und Forderns wirklich gerecht zu werden. Da macht eine Zeitungsmeldung darauf aufmerksam, dass die BA Studienlehrgänge anbietet. In der Ostthüringer Zeitung lest man dann, dass ein Personalberater der Agentur für Arbeit in Gera über die beiden Bachelor-Studiengänge der Bundesagentur "Arbeitsmarktmanagement und "Beschäftigungsorientierte Beratung und Fallmanagement sowie den Ausbildungsberuf "Fachangestellter für Arbeitsförderung informiert. Verblüfft muss ich lesen, dass Kenntnisse darüber, wie beraten wird, was beim Vermitteln zu beachten ist, welche finanziellen Leistungen der Arbeitsförderung für von Arbeitslosigkeit Betroffene zur Verfügung stehen und mit welchen IT-Programmen und Verfahren die Arbeitsabläufe unterstützt werden, vermittelt werden sollen. Doch das ist nicht alles. Das Studium umfasst eine wissenschaftliche Ausbildung in Betriebs- und Volkswirtschaftslehre, in sozialwissenschaftlichen sowie in rechtswissenschaftlichen Grundlagen. Es vermittelt Methoden, Arbeitsmarktprozesse zu analysieren und qualifiziert für Aufgaben der Beratung und Vermittlung in einer Arbeitsagentur.

Drei Jahre ist nun Hartz IV Gesetz, drei Jahre, in denen die Fallmanager aus anderen Bereichen, wie beispielsweise von der Telekom oder der Post nach der Privatisierung für die Aufgaben der Arbeitsvermittlung herangezogen wurden. In vielen ARGEn wurden auch andere, mit Zeitverträgen versehene Mitarbeiter für diese Aufgaben herangezogen, ohne entsprechende Ausbildung. Wohl kaum einer von ihnen hat diese Ausbildung genossen. In wenigen Tagen bekamen sie mit Powerpoint Folien-Vorträgen einige Grundkenntnisse vermittelt, bei weitem nicht ausreichend, das komplexe Gefüge der Sozialgesetzgebung mit der häufigen Verzahnung von einem SGB in ein anderes zu begreifen. Mangelnde Kenntnisse der wirtschaftlichen Voraussetzungen und des Umgangs mit Menschen, Menschen, die durch ihre Arbeitslosigkeit unzufrieden und in ständigem Frust und Stress leben, waren auch nicht hilfreich. Jetzt plötzlich werden Studien von der BA angeboten, Die eine umfassende Ausbildung für Arbeitsvermittler enthalten. Drei lange Jahre wurden Arbeitslose von unqualifizierten Personen betreut und die Masse der Klagen, die immer wieder festgestellten Fehler in den Bescheiden der BA, die ergriffnen Zwangsmaßnahmen, oft nicht einmal von den bestehenden Gesetzen gedeckt (von den Widersprüchen zur Verfassung ganz zu schweigen), wurden recht willkürlich von den Mitarbeitern der ARGEn benutzt und man hatte den Eindruck, dass dabei bewusst Zwangsmaßnahmen ergriffen wurden, weil man wusste, dass nur ein geringer Prozentsatz seine Rechte dann gerichtlich durchfechtet.

In der Zentralen Veranstaltungsdatenbank der BA habe ich dann einmal nachgeschaut. Nicht nur in Gera, sondern auch in NRW bietet die BA diese Lehrgänge an. Ich habe nicht alle Länder durchforstet, aber in Hessen fand ich keine solchen Maßnahmen. Dafür setzt man in Hessen offensichtlich mehr auf Jugendliche, die man für das Krieg spielen begeistern kann. Dort bieten die ARGEn Informationsveranstaltungen an, in denen Wehrbeauftragte für die Bundeswehr (BW) werben (sozial ist, was Arbeit schafft). Natürlich bin ich mir bewusst, dass junge Menschen bei der BW eine Ausbildung erhalten können. Aber in erster Linie lernen sie, wie man tötet und wie man blindlings gehorcht. Dieser Gehorsam ist das Wichtigste, was diese jungen Menschen lernen, denn wenn die Regierung mit ihrer Forderung nach dem Einsatz der BW im Innern erfolgreich ist, dann werden diese jungen Leute auch gegen die eigene Bevölkerung eingesetzt. Bereits heute werden mit ungesetzlichen Mitteln Streikende behindert oder gar, wie beim G8 Gipfel, wie Kriminelle behandelt. Die Bundeswehr im Innern soll im Kampf gegen den Terrorismus eingesetzt werden, tönen die Politiker und erzielen damit erstaunlich viel Resonanz. Nicht umsonst berichten Presse und Fernsehen täglich über terroristische Aktivitäten. Doch bisher hat die Politik Maßnahmen, die angeblich der Abwehr von Kriminellen und Terroristen dienen sollten, immer gegen die eigene Bevölkerung verwendet. Wer garantiert uns, dass Demonstranten nicht demnächst als Terroristen abgestempelt werden? Beim G8-Gipfel wurde das bereits geprobt. Der Staat muss schließlich die Kapitalinteressen schützen und Streiks und Demonstrationen richten sich schließlich mehrheitlich gegen die Kapitalinteressen.

Doch auch das Kapital wird wieder aktiv. "Du bist Deutschland" geht in die zweite Runde. Diesmal geht es um unsere Kinder. Natürlich wird wieder mit gängigen Parolen geworben. Aber man sollte einmal schauen, wer hier so aktiv wird. Die Initiatoren der neuen "Du bist Deutschland" Kampagne sind:
Medienkonzerne

Sie stellen der neuen Kampagne Werbeflächen im Wert von insgesamt 35 Millionen Euro zur Verfügung: Bertelsmann, ARD, Premiere, ProSieben Sat.1, ZDF, Bauer-Verlag, Burda-Verlag, Condé Nast, "Frankfurter Allgemeine Zeitung", Ganske/Jahreszeiten-Verlag, Holtzbrinck, Ippen-Gruppe, Madsack-Verlag, Motor-Presse Stuttgart, MVG, "Reader's Digest" Deutschland, RMS, Spiegel-Verlag, "Süddeutsche Zeitung", WAZ-Mediengruppe, Wort und Bild, Zeitungspresse Stuttgart, Ströer, WerbeWeischer, Axel Springer AG und Google.

Hinzu kommen als

Sponsoren

Die PR-Agentur Fischer-Appelt sowie die beiden Werbeagenturen Kempertrautmann und Jung von Matt. Sie entwickelten die Kampagne zum Selbstkostenpreis. Die Produktionskosten von etwa vier bis fünf Millionen Euro übernimmt eine Gruppe von Sponsoren: Deutsche Post, Otto-Versand, Edel Music, Goertz, Tchibo, E.on und Unilever. Neben den Kosten für das Filmmaterial und den Druck finanzieren die Sponsoren auch die langfristige Pflege der Website. Dort können Eltern unter anderem auf einer "Karte der Kinderfreundlichkeit" spezielle Angebote für Kinder empfehlen oder auch kinderfeindliche Orte anprangern.

Nach dem Muster der INSM setzt man auch Botschafter ein, natürlich Prominente, die bestens bekannt sind:

Botschafter

Zwölf Prominente stehen bereit, als Botschafter in Interviews und Talkshows für Kinderfreundlichkeit zu werben: die Moderatoren Reinhold Beckmann und Johannes B. Kerner, Fußballer Clemens Fritz, Verleger Florian Langenscheidt, Sänger Peter Maffay, Ex-Boxer Henry Maske, Schauspieler Ralf Moeller, Modell Eva Padberg, die Moderatorinnen Nina Ruge und Frauke Ludowig, Ex-Familienministerin Renate Schmidt und Ex-Tennisstar Michael Stich.

Eine Illustre Gruppe aus den Multimillionären und Milliardären mehrheitlich zusammengesetzt. Ich möchte wetten, dass sich kaum jemand aus den genannten Gruppen jemals mit den Ursachen befasst hat, die dazu führen, dass Kinder zum Teil nicht mehr die Aufmerksamkeit und Liebe erfahren, die ihnen gebührt. Eva Hermann hat einmal das Thema angeführt, ob Mütter wirklich arbeiten müssen, um einer Karriere nachzugehen. Diese Mütter auf einem Karrieretrip haben aber zumindest noch die Möglichkeit, jemanden zu engagieren, der die Kinder betreut und beaufsichtigt. Aber die Frauen, die wirklich arbeiten müssen, weil das Einkommen des Mannes nicht ausreicht oder weil sie nicht verheiratet sind, diese Frauen haben nicht das nötige Kleingeld, um eine Kraft für die Beaufsichtigung und Betreuung ihrer Kinder zu bezahlen. Oft fehlt ihnen dann am Abend die Kraft, ihren Kindern noch zu geben, was sie am Tage vermisst haben. Sie kommen gestresst von der Arbeit und quengelnde Kinder sind dann nicht die beste Voraussetzung, ruhig, gelassen und liebevoll zu reagieren. So etwas schaukelt sich im Lauf der Zeit hoch und macht beide Parteien, Kinder und Mütter, zunehmend aggressiver. Bei Langzeitarbeitslosen ist das nicht anders. Sie müssen alle Wünsche der Kinder verneinen, weil ihnen die Mittel fehlen. Dass sich die Kinder dann zunehmend ausgegrenzt fühlen, sich mehr auf der Straße mit Gleichgesinnten herumtreiben, wen wundert das? Dass Eltern in diesen Verhältnissen sich dabei in zunehmendem Maße immer weniger um die Kinder kümmern, weil es dabei doch immer wieder zu Streit und Geschrei kommt, ist eine zwangsläufige Folge.

Kinder in diesen Verhältnissen sind auf Hilfe von außen angewiesen. Nicht auf Werbekampagnen a la "Du bis Deutschland", für die Millionenbeträge aufgewendet werden. Frontal21 hat gestern, am 15.01. in einem Bericht auf die Probleme der "ARCHE" in Berlin Hellersdorf hingewiesen. Die ARCHE gilt als Musterprojekt im Kampf gegen Kinderarmut. Die Arche bietet Kindern und Erwachsenen in den jeweiligen Stadtteilen nicht nur einen festen Anlaufpunkt, sondern holt im wahrsten Sinne des Wortes die Kinder von der Straße, sorgt für eine warme Mittagsmahlzeit und bietet Freizeitaktivitäten an. Die Kinder machen dort ihre Schularbeiten, bekommen u. U. Nachhilfe, kurz gesagt, diesen Kindern kommt die Betreuung zugute, die sie zuhause nicht mehr erfahren.

Auf Antrag der FDP und mit Hilfe der PDS wurden nun die Hilfsmittel für die ARCHE komplett gestrichen. Damit ist die ARCHE komplett auf Spenden angewiesen und es ist fraglich, ob sie ihre Arbeit in gleichem Maße fortsetzen kann. Ich möchte hier keiner kirchlichen Einrichtung, denn das ist die ARCHE, das Wort reden, aber einer Einrichtung, die sich um die Probleme kümmert, die durch liberale Politik zwar nicht ins Leben gerufen, aber in einem unerträglichen Maße forciert wurden. Kinder in prekären Verhältnissen haben wir inzwischen mehr als 2,5 Millionen und da helfen keine Sprüche Prominenter und Werbeplakate allerorten, sondern nur aktive Hilfe. Aber die wird von der Politik verweigert, von den Sponsoren der Presse für die Kinderkampagne "Du bist Deutschland" oft verniedlicht und warme Worte von Models, Bergsteigern, Moderatoren und Ex- Tennisprofis helfen da auch nicht. Die für die Kampagne verausgabten Mittel in konkrete Hilfsprojekte gesteckt, würden wesentlich mehr ausrichten als diese Kampagne. Es wäre ein ernst zu nehmender Beitrag gegen die wachsende Jugendkriminalität, die in Wirklichkeit ein Aufschrei der Not ist. Traurig ist, dass es der Berliner Ableger der Linken in Verbindung mit der SPD ist, der hier einmal mehr eine Politik betreibt, die konträr zu dem läuft, was die Linke als Ziele ihrer Politik angeblich anstrebt. Es beweist einmal mehr, dass Politiker, sind sie erst einmal an den Fleischtöpfen, ihre Programme und deren Umsetzung vergessen.

Noch ein Wort zum Spruch: "Du bist Deutschland". Ich bezahle mit Euro, unser Finanzminister muss seine Finanzpolitik nach Europäischen Gesichtspunkten ausrichten, die Berichte der Konzerne erscheinen fast alle in Englisch, mehr als die Hälfte der Gesetze, die ich befolgen soll, haben ihren Ursprung in der EU, mit wachsender Tendenz. Ausländischen Equity- und Hedge-Fonds beherrschen zunehmend den Immobilienmarkt und kaufen Unternehmen auf, begeistert von den Liberalen als Investoren begrüßt, obwohl sie mehr als Heuschrecken sind. Sie sind die Metzger, die uns ausweiden. Unsere Kanzlerin hat gerade einen Vertrag unterschrieben, gegen unseren Willen, der noch mehr Rechte an die EU abtritt. Kurz, was ist noch deutsch an Deutschland? Auch die Kultur, bzw. das, was man so Kultur nennt, wird aus anderen Ländern importiert, Musik, Filme, Comics, Food (denn von Essen will ich da nicht sprechen) usw. und die Sprache ist inzwischen so verdenglischt, dass man deutsche Elemente dazwischen fast schon mit der Lupe suchen muss. Staatliche Unternehmen werden privatisiert und die großen Einsteiger kommen aus dem Ausland. Verständlich, wenn man die Ware fast geschenkt bekommt, wie z. B. die Bahn. 8 bis 10 Mrd. will Tiefensee haben. Nicht für die ganze Bahn, sondern nur für den Teil, der Gewinne bringt. Das was kostet bleibt fest in der Hand des Staates, also Gleise, Bahnhöfe und vermutlich auch der größte Teil des Personals. Würde er die ICE's einzeln verscherbeln, bekäme er sicherlich das Zehnfache dafür. Was also ist Deutschland eigentlich noch anderes, als ein auf der Landkarte eingezeichnetes Gebiet, das sich aber längst in fremden Händen befindet? Was ist Deutschland? Die Arbeitslosen, die nicht mitverkauft wurden? Die Rentner, für welche die Investoren keine Verwendung haben? Die Kinder, denen man wegen ihres sozialen Status Chancen und Bildung verweigert und an denen die Käufer Deutschlands deshalb nicht interessiert sind? Deutschland gehört uns schon lange nicht mehr. Es wurde von den von uns gewählten Treuhändern verramscht. Wir haben es gesehen, aber offensichtlich nicht begriffen.

Oder ist Deutschland die Wiederbelebung des Faschismus von 1933-1945, denn der gleiche Slogan wurde damals bereits verwendet. Zu den Gründern der Kampagne gehören Thyssen und Porsche, die beste Kontakte zu den Nazis hatten, aber auch Bertelsmann. Bertelsmann wurde im Zweiten Weltkrieg mit den sogenannten „Feldausgaben“ zum wichtigsten Buchlieferanten der Soldaten an der Front und verlegte auch Bücher mit Titeln wie „Mit Bomben und MGs über Polen“ und „Wir funken für Franco“ von Autoren wie Will Vesper oder Hans Grimm. Bis weit in die 90er Jahre behauptete Bertelsmann, die Schließung des Verlages 1944 durch die Nazis sei Folge einer oppositionellen Haltung zum NS-Regime gewesen. Aber inzwischen ist bekannt, dass Wirtschaftskriminalität der wirkliche Grund für die Schließung war. Ob noch weitere Unterstützer der Aktion mit ihren Vorfahren auf eine "glorreiche Vergangenheit" zurückblicken können, kann ich nicht sagen. Ich finde nur eine Kampagne während einer an die Weimarer Republik erinnernden Politik seltsam, die trotz Wissen um den bereits von den Nazis verwendeten Slogan diesen beibehält, während andererseits ein von Eva Hermann verwendeter Begriff wochenlang für große Aufregung im Blätterwald sorgte. Vielleicht sind 2+2 doch 5, wenn es gerade opportun erscheint.