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Erstelldatum: 22.10.2015

Der deutsche Ingenieur

Ein Weltbild gerät ins Wanken, das des deutschen Ingenieurs. Schauen wir ein wenig zurück. Die Briten waren es, die mit scheelen Blicken auf die Produkte der Deutschen die zündende Idee hatten, mit einem Label die Verkaufserfolge der Deutschen einzudämmen. Sie schufen das Label "Made in Germany", wohl auf die "patriotische" Ader der Konsumenten spekulierend.

Es ging schief, denn dieses Label schaffte den Deutschen und vor allem und der deutschen Ingenieurskunst Weltgeltung.

Nun ist dieses Bild ins Wanken geraten, weil man in den USA aufgedeckt hat, dass VW, dieser urdeutsche Konzern, bei den Abgaswerten ihrer Diesel auf perfide Art geschummelt hat, oder ist betrogen doch das bessere Wort? Und der Begriff "urdeutsch" kann einem nur noch ein Schmunzeln oder Stirnrunzeln entlocken, denn nur noch ein Bruchteil der Produktion und der verwendeten Einzelteile wird in Deutschland gefertigt.

Eine Auswirkung hat sich damit bereits gezeigt. Wer z.B. bei Aussagen gegen TTIP Befürchtungen äußert, dass die deutschen oder besser die europäischen Wertvorstellungen damit unterminiert würden, bekommt gleich von den Transatlantikern und TTIP-Befürwortern einen Dämpfer verpasst, dass z. B. die USA schärfere Bestimmungen in Sachen Luftverschmutzung haben und deshalb auch den Betrug entdeckten.

Haben sie? Das kann ich mir eigentlich nicht vorstellen, wenn ich so die in den USA herum gurkenden Spritfresser und Dreckschleudern betrachte. Und der Vorwurf gegen VW sagt ja nichts darüber aus, dass die Diesel von VW an den US-Abgaswerten kratzen, sondern nur, dass man bei VW-Dieseln dahintergekommen ist, dass man mit Technik die tatsächlichen Werte manipuliert hat. Eigentlich ein sehr leichtsinniges Handeln von VW, damit auf den amerikanischen Markt zu gehen, obwohl man weiß, dass die USA bei der Verhängung von Strafzahlungen einen Ruf haben, der, was die Höhe der Strafzahlungen betrifft, den gleichen Stellenwert für sich beanspruchen kann, wie einst das deutsche "Made in Germany" in Sachen Produktqualität.

Deutsche Presse ist ja gerne bereit, starke Worte zu verwenden, vor allem die Springer-Presse, wenn es darum geht, das Fehlverhalten anderer zu verurteilen. So urteilt die WELT (1): " Deutschlands Problem ist der deutsche Ingenieur".

Für mich ist das ein Anlass, mal wieder auf den Teppich zurückzukommen und lieber mal einen Blick in wirtschaftliche Zusammenhänge zu werfen. Beginnen wir bei "Made in Germany". Dieses Label ist inzwischen ein Witz, denn wo Made in Germany draufsteht, ist nur noch ein minimaler Prozentsatz Made in Germany drin. Gibt es überhaupt noch in Deutschland von A bis Z gefertigte Kraftfahrzeuge? Werden nicht maßgebliche Fertigungsschritte und Teile der Zulieferer in Billiglohnländern hergestellt? Kann man den VW noch reinen Gewissens als Produkt "Made in Germany" bezeichnen? Hier wusste die FAZ (2) schon vor einiger Zeit zu berichten: "Immer mehr deutsche Autos werden im Ausland gebaut".

Damit wären wir beim "deutschen" Ingenieur. Die Fertigung eines Kraftfahrzeuges ist ein sehr komplexer Vorgang. Eine Produktlinie ist nicht zwangsläufig ein einheitliches Endprodukt, denn man produziert ja nicht nur für ein Land, nicht nur eine Variante des Modells und nicht nur für einen Kunden. Die KFZ-Produktion wird heute auf den Kunden abgestellt, was die Modellvariante und die Ausstattung betrifft. Doch bis dahin ist es ein weiter Weg, denn zuvor entsteht der Entwurf, die Planung der Kosten und der generellen Merkmale, die Einzelfertigung eines Versuchsmodells, die Erprobung, ob das einzelne Modell den Erwartungen entspricht (so genannte Erlkönige), die erste Präsentation und dann erst die Serienproduktion. Die grundlegenden Entscheidungen werden wohl in der jeweiligen Konzernzentrale getroffen, aber der weitere Ablauf sicherlich an dem Standort, an dem das Modell letztendlich gefertigt wird. Wie hoch mag wohl der Anteil deutscher Ingenieure sein, die von der Entwicklung bis zur täglichen Serienfertigung in den Werken tätig sind?

Außerdem muss man das Wirtschaftsgefüge betrachten. Oben sitzt das Management. Was ist das wirklich? Da ist zunächst der Vorstand zu nennen, also die Leute, die in der Regel das Sagen haben und deshalb ihre eigenen Bezüge und Altersvorsorge in himmlisch zu nennende Höhen schrauben und sich auch gerne mal Prämien bewilligen, bei den Bezügen der Arbeiter und Angestellten aber nicht die gleichen Maßstäbe ansetzen. Dann ist der Aufsichtsrat zu nennen. der ist paritätisch besetzt, zur Hälfte mit Managern, zur anderen Hälfte mit Vertretern der Arbeitnehmer (Gewerkschafter, Betriebsräte). Nun ja, fast paritätisch, den ein Leitender Angestellter ist immer Bestandteil der Arbeitnehmerseite, z. B. ein Arbeitsdirektor, was nicht selten ausschlaggebend für die Arbeit des Aufsichtsrates ist. Weil ansonsten Manager und mitunter auch Politiker im Aufsichtsrat sitzen, in deren Aufsichtsrat dann ein Manager des zu beaufsichtigten Unternehmen sitzt oder ein Politiker mit speziellen Wünschen seiner Partei (z. B. eine "kleine" Parteispende), sind Kuhhandel gang und gäbe.

Danach folgen die grauen Eminenzen, genannt Controller, fast immer mit BWL-Abschluss und die maßgeblichen Kräfte, wenn es darum geht, Mittel zu streichen. Rein theoretisch könnte da auch mal ein Satz fallen: "Dann lasst Euch mal was einfallen". Was man sich dann einfallen lässt, wollen Management und Controller nicht wirklich wissen, es sei denn, sie selbst können damit glänzen und/oder es reduziert die Kosten.

Die Zeiten, in denen Qualität an erster Stelle in der Produktion stand und das Label "Made in Germany" zum garantierten Qualitätsprodukt werden ließen, sind längst vorbei, denn im Prinzip ist dieses Label nur noch reine Augenwischerei, weil die Frage nach den Preisen an der ersten Stelle steht. Ganze Produktlinien wurden ins Ausland verlagert und was man bei Produkten sagen kann, das es wohl eher "globalisierte Produkte" sind, bei dem in Deutschland vielleicht nur noch die Reifen montiert werden, um es als "Made in Germany" zu deklarieren. Kann man da wirklich dem deutschen Ingenieur die Schuld für diesen Betrug anlasten? Natürlich, das Management wusste nichts, das ist immer so, denn das Management schreibt sich gerne positive Nachrichten auf die Fahne, läuft jedoch etwas schief, findet es schon Schuldige.

Es ist natürlich meine persönliche Sicht, doch danach geht es darum, Löhne zu drücken, auch mit dem Argument billiger Kräfte aus dem Flüchtlingsstrom. Globalisierung? Die gibt es nur für die Nutznießer. Die Bevölkerung bleibt außen vor, egal, wie qualifiziert sie ist. Man diskreditiert einfach einen ganzen Berufsstand, egal, welchen Anteil dieser am relativen Wohlstand der Vergangenheit hatte.

Fußnoten

(1) Deutschlands Problem ist der deutsche Ingenieur Die WELT
(2) Immer mehr deutsche Autos werden im Ausland gebaut FAZ