Navigation aus    Navigation an
Erstelldatum: 17.10.2012

Geburtenrate

Oft genug wurden und werden wir darauf hingewiesen: Die Frauen in Deutschland bekommen zu wenige Kinder! Weil das so ist, müssen natürlich Experten her, die vor allem herausfinden sollen, warum das so ist, schließlich hat das ja verheerende Folgen, denn Deutschland vergreist in zunehmendem Maße. So schreibt die Presse und so tönt unsere Politik. In der WELT heißt es in der Einleitung:

    Deutschland liegt bei der Geburtenrate im internationalen Vergleich weit hinten: Forscher aus Deutschland, Österreich und der Schweiz haben analysiert, warum immer weniger Kinder geboren werden.

Wenn ich solche Berichte lese, bekomme ich noch Schüttellähmung, weil ich aus dem Kopfschütteln nicht mehr herauskomme. Es geht bei dieser Frage nie wirklich um Kinder, sondern wirtschaftliche Gründe werden vorgeschoben, wie z. B. der Schwachsinn, weniger Kinder hieße, dass später niemand mehr die Renten zahlen könne, weil zu wenig Menschen da wären, die das Geld für die Rentenzahlungen erwirtschaften müssten.

Vordergründig klingt das schlüssig, vor allem für Menschen, die über die Beherrschung des kleinen Einmaleins nie herausgekommen sind. Leuchtet man jedoch ein wenig tiefer, ergibt sich ein völlig anderes Bild, zumindest aus meiner Sicht. Trotz offiziell zu niedriger Geburtenrate finden viele Jugendliche keinen Arbeitsplatz und Studenten und Abiturienten hangeln sich von einer Praktikantenstelle zur anderen. Demgegenüber stehen das BIP und das BSP, die trotz aller wissenschaftlichen und politischen Klagelaute ein permanentes Wachstum aufweisen. Kein Unternehmen benötigt heute noch so viel Arbeitnehmer wie früher, weil die Technik und die Computer immer mehr Arbeitsplätze verdrängen. Logisch wäre also eine Verkürzung der Arbeitszeiten, denn der Sinn der Technik ist es eigentlich, den Menschen die Arbeit zu erleichtern und die Arbeitsstunden zu reduzieren. Stattdessen drängt das Kapital auf immer niedrigere Löhne, unbezahlte Überstunden und Arbeitszeitverlängerung, um die Profite zu erhöhen, welche die so genannten Shareholder ohne Eigenleistung einstreichen. Sie interessiert nur der Gewinn, nicht die Menschen, die dahinter stecken. Das war früher anders und besser, als Unternehmer noch Personen und keine Aktienbesitzer waren. Fusionen, die im Laufe der Zeit zu Monopolen werden und Zusammenschlüsse (Kartelle) sind das genaue Gegenteil von freien Märkten und einer freien Marktwirtschaft. Letzteres sind nur hohle Phrasen, geschaffen, um auch noch den letzten Cent aus den Taschen derer zu holen, die alles erwirtschaften.

Eigentlich sollte man froh sein, dass die Geburtenrate so niedrig ist, nehmen wir doch damit eine Vorreiterrolle in der Welt gegen die Überbevölkerung ein. Deutschland ist mit 230,5 Menschen pro km2. eines der am dichtesten besiedelten Gebiete in der Welt.

Stellen wir doch zuerst einmal die Befindlichkeit der Kinder in den Vordergrund. In den weit ausgedehnten Ballungsgebieten Deutschlands haben Kinder heute keine Chance mehr, Kinder zu sein, weil ihnen die Voraussetzungen fehlen, nämlich Freiräume zum toben und spielen. Der immer wieder herangezogene Vergleich mit den Skandinaviern hinkt, weil dort die Einwohnerzahl pro km2. erheblich geringer ist. Aber betrachten wir doch mal vergleichsweise die Zahlen der Staaten der Europäische Union, Größe des Landes und Anzahl der Einwohner pro km2 und die derzeitige Geburtenrate, oder wie der vornehmere Forscher gerne sagt, der Fertilitätsrate. Ein hinter dem Ländernamen ist der Hinweis, dass das Land der Euro-Währungszone angehört. Die Schätzung bei Deutschland schwankt bei der Geburtenrate um 0,1 Kind (in vielen Ländern werden nach dem 1. Kind nur noch unvollständige Kinder geboren, oder? Ob das daran liegt, dass man durch die Genderpolitik nicht mehr eindeutig Männlein und Weiblein unterscheiden kann, weiß ich natürlich nicht so genau.)

Land
  Größe in km2   
  Einwohner (in Mio)  
  Einwohner pro km2  
  Geburtenrate  
Belgien
30.510
10,8
341,4
1,8
Bulgarien
110.994
7,6
64,5
1,5
Dänemark
43.094
5,5
128,0
1,9
Deutschland
357.021
81,8
230,5
1,3 (1,4)
Estland
45.226
1,3
28,5
1,7
Finnland
338.432
5,4
15,5
1,8
Frankreich
547.030
64,7
113,9
1,9
Griechenland
131.940
11,3
81,5
1,4
Irland
70.280
4,5
65,8
2,3
Italien
301.320
60,3
192,8
1,4
Lettland
64.589
2,2
34,3
1,5
Litauen
65.200
3,3
54,3
1,4
Luxemburg
2.586
0,5
192,6
1,7
Malta
316
0,4
1.288,0
1,25
Niederlande
41.526
16,6
404
1,8
Österreich
83.858
8,4
97,9
1,4
Polen
312.685
38,2
123
1,3
Portugal
92.931
10,6
116,6
1,4
Rumänien
238.391
21,5
92,1
1,3
Schweden
449.964
9,3
20,2
1,9
Slowakei
48.845
5,4
111,6
1,3
Slowenien
20.253
2,0
98,8
1,3
Spanien
20.253
46,0
92,0
1,5
Tschechien
78.866
10,5
129,4
1,5
Ungarn
93.030
10,0
107,4
1,4
Vereinigtes Königreich
244.820
62,0
255,9
1,9
Zypern
9.250
0,8
119,2
1,5

Die Tabelle zeigt ein etwas anderes Bild als uns allgemein vorgegaukelt wird. Die Geburtenrate in der EU ist in etlichen anderen Ländern nicht höher als in Deutschland und mitunter sogar niedriger. Es ist also ein Märchen, wenn behauptet wird, dass Deutschland das Schlusslicht der EU sei. Jeder kann die Daten überprüfen, muss dabei allerdings verschiedene Tabellen auf Wikipedia zu Rate ziehen:

Bevölkerungsdichte
Liste von Staaten und Territorien nach Bevölkerungsentwicklung.

In der zweiten Liste ist allerdings die Fertilitätsrate von Finnland nicht notiert und ich habe nur eine aus dem Jahr 2008 gefunden. Ein Ausreißer bei der Zahl der Einwohner pro km2 ist Malta mit einer Bevölkerungsdichte, die als fünfthöchste der Welt gilt. Ähnliche Verhältnisse findet man ansonsten vornehmlich in reinen Stadtstaaten wie z. B. Monaco, wobei Monaco eigentlich mehrheitlich der Zufluchtsort der Reichen ist, schon wegen der Steuern.

Sind Kindergärten oder Kindertagesstätten wie von den Experten empfohlen wirklich eine Lösung? Auch das bezweifle ich, denn eigentlich sind sie nur Verwahranstalten. Dorthin schiebt man die Kinder ab, die am Morgen den Stress erleben, dass die Eltern zur Arbeit müssen, sie aber zuvor (teilweise) zur Schule oder zum Kindergarten bringen müssen und am Abend an vom Beruf gestresste Eltern zurückgegeben werden, die dann kaum noch Zeit für sie haben und sich mitunter mehr auf die Glotze als auf ihre Kinder freuen. Eltern sind für diese Kinder doch eigentlich nicht mehr vorhanden, weil sie sie allenfalls am Morgen und nur kurze Zeit am Abend erleben. Ist es also ein Wunder, wenn sich die Kinder heute anders entwickeln, als das früher der Fall war?

Und der Kindergarten oder die Kindertagesstätte? Normalerweise suchen sich die Kinder ihre Freunde selbst, aber in diesen Verwahranstalten haben sie kaum Möglichkeiten, anderen Kindern, die sie nicht mögen, auszuweichen. Außerdem sind diese Stätten auch kein Ersatz für die Freiräume, die sie eigentlich benötigen, um sich austoben zu können. Die finden aber lediglich noch die Kinder in ländlichen Gegenden

.

Damit kommen wir zum Modewort Demographie. Ist darüber die Rede, wird meist nur das hintere Ende betrachtet und völlig außen vor gelassen, dass auch die ersten 20 Jahre (mal mehr, manchmal ein wenig weniger) Teil der Demographie sind, weil die Gesellschaft auch die nicht unerheblichen Kosten für alle Kinder trägt und zwar von der Geburt an bis zum Eintritt in das Berufsleben. Und das wird in der demographischen Betrachtung nicht verschwiegen, weil diese Kosten der Gesellschaft gut angelegt sind, sondern weil man dann eingestehen müsste, dass die angeblichen Kosten am anderen Ende der Demographie ebenfalls eine ganz natürliche Ursache haben, weil auch die "Vergreisung" ein Mythos ist. Eine alte Legende behauptet nämlich, dass niemand sterben kann, wenn er nicht zuvor lebend geboren wurde. Nach spätestens 2 -3 Generationen nivelliert sich jeder Überhang auf der einen Seite zwangsläufig, weil weniger Kinder heute in 50 - 60 Jahren weniger Alte bedeuten, so, wie die Zeiten des so genannten Baby-Booms heute eben mehr Alte bedeuten. Nicht umsonst übersteigt die Sterberate die Fertilitätsrate seit bereits mehr als 15 Jahren. Und die heutigen Alten haben erheblich mehr gesellschaftliche Leistungen erbracht, als man es von der heutigen Jugend erwarten kann. Das aber ist kein Verschulden der Jugend, sondern die politisch und ökonomisch gesteuerte Fehlentwicklung des Gesellschaftsmodells, ein Gesellschaftsmodell, das ausschließlich auf den finanziellen Nutzen des Einzelnen abzielt, zugunsten einiger Weniger, die den Rahm abschöpfen, selbst aber zumeist keine nützlichen eigenen Beiträge für die Gesellschaft leisten.

Es wäre an der Zeit, sich darauf zu besinnen, dass "Werte" eben nicht die Bits und Bytes im Computer einer Bank sind, sondern ausschließlich das, was den Menschen als Gesamtheit dient, ohne dem Lebensraum des Menschen und der sonstigen Fauna und Flora zu schaden. Doch dazu wäre weltweit eine Absenkung der Geburtenrate erforderlich und vielleicht auch die allgemeine Erkenntnis, dass die Ressourcen dieses Planeten endlich sind und deshalb nicht für unnützen Kram verschwendet werden sollten. Vor allem sollte der Westen sein Gesellschaftsmodell überprüfen, denn die in der WELT genannten Experten haben wie üblich nur die Symptome untersucht, nicht die Ursachen. Kinder in die Welt zusetzen, ist nämlich mehr als nur die Folge eines Zeugungsaktes. Es ist vor allem die damit verbundene Verantwortung, diesen Kindern auch eine Zukunft bieten zu können. Dem aber wird das heute bestehende Gesellschaftsmodell nicht gerecht, das offenbar ausschließlich den Nutzen der Masse für den Eigennutz der so genannten Elite abzielt.