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Erstelldatum: 10.10.2012

Mal nachgedacht

Mails zu meinem Beitrag Schattenwelt haben mich zu dieser Überlegung geführt. In einer Mail wurde angeführt, dass Platons Gedanken beim Höhlengleichnis sicherlich aus einer bestimmten Situation heraus entstanden sind und weil das aufgeschrieben wurde, sich die Menschheit damit auf ewig beschäftigt, aber sich der Globus ja inzwischen um ein ganzes Stück weiterbewegt hat. So sei das mit manchen Dingen, die mal jemand gesagt oder aufgeschrieben hat und denen man quasi blindlings folgt. So zumindest habe ich die Intention dieser Mail verstanden.

Ich finde sie im Prinzip richtig, nur muss man aus meiner Sicht dabei differenzieren. Das von mir angeführte Höhlengleichnis ist ein abstrakter Gedankengang, der sich sicherlich auf mancherlei Weise interpretieren lässt, so wie ich das in meinem Beitrag auch versucht habe. Es ist kein vorgezeichneter Weg, den man gehen sollte, sondern eine an sich unrealistische Überlegung, die nicht versucht, einen Bezug zur Praxis herzustellen, sondern auf abstrakte Art und Weise versucht, bei einer bestehenden Situation auf die verkrusteten Gewohnheitsstrukturen der Menschen zu verweisen. Ein Gleichnis eben und keine reale Situation und deshalb immer wieder anwendbar, wenn man bestimmte Situationen und deren Struktur analysieren will.

Ich denke, dass sich seit Platon eine Struktur in der menschlichen Verhaltenseise nicht geändert hat, das Obrigkeitsdenken. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich dabei um Kaiser oder Könige "von Gottes Gnaden" oder um eine gewählte Regierung handelt. Die Masse der Menschen ordnet sich unter und folgt den Anweisungen, die sie bekommt. Das erspart die mühsamen Prozesse eigener Analysen und Denkprozesse. Dafür hat man einfach keine Zeit. Doch genau das ist der eigentliche Hintergrund, man hat keine Zeit, weil man blind folgt und dabei die Unsinnigkeit des Handelns gar nicht wahrnimmt. Volker Pispers beschreibt das in dieser Kabarettsendung ab Minute 28:28 vortrefflich, wenn er den Löwen als Beispiel anführt.

Dabei wäre selber denken einfach, aber das kann natürlich niemand wissen, der es noch nie versucht hat. Es gibt da den Begriff der Leitmedien. Die sagen einem schon, was man zu tun hat und wie man denken soll, sofern man überhaupt in einem unbewachten Augenblick damit anfängt. Mal ein praktisches Beispiel aus der FAZ. In einem Artikel wird beklagt: Berlin bremst Fusion von EADS und BAE aus. Sie wissen sicherlich, dass beide Unternehmen mit zu den größten Rüstungskonzernen gehören und im Falle der Fusion zum größten Rüstungskonzern der Welt werden würden.

Die Realität ist eine andere und das ist für jedermann sichtbar. Wir haben den Gigantismus der Amerikaner übernommen und "der Welt größter Rüstungskonzern" ist ja nun wirklich etwas Erstrebenswertes, oder? Wann begreift der Mensch endlich das System aus Ursache und Wirkung? Es gibt beständig Krieg auf diesem Planeten. Nicht etwa, weil die Völker einfach heiß darauf sind, dass man von oben Bomben auf sie wirft, möglichst Splitterbomben oder dass sie die Hoffnung hegen dürfen, plötzlich auf eine Miene zu treten, auch nicht, weil sie geradezu süchtig danach sind, dass plötzlich ein "Feind" mit der Knarre vor ihnen auftaucht und gleich losballert. Nein, weil es diese Todesfabriken und deren Expansionsdrang gibt. Die Herstellung und Forschung neuer Waffensysteme ist teuer und amortisiert sich nur, wenn man dafür Kriege anzettelt. Ohne diese Fabriken des Todes wären Libyen, Syrien, der Iran, Somalia und was weiß ich alles friedliche Länder, vielleicht nicht so friedlich wie wir (haha) oder so demokratisch wie wir, oder besser unsere Obrigkeit sich das wünschen würde. Man musste sie regelrecht dazu zwingen, sich gegenseitig abzumurksen, indem man ihnen Waffen verkaufte. Und weil Waffen ja Gebrauchsgegenstände sind und kein Nippes, wollte man sie natürlich auch mal ausprobieren. Aber selbst auf diese Idee kommt der Normalsterbliche nicht von selbst, dafür gibt es die so genannten Führungspersönlichkeiten, die dann einen großen Werbefeldzug starten, dass man unbedingt in einem Land Frieden und Wohlstand schaffen muss, indem man Teile davon massakriert. Wer dann in den "Leitmedien" Berichte z. B. über Libyen gelesen und auch die Leserkommentare verfolgt hat, konnte feststellen, dass manche Menschen hierzulande regelrecht empört waren, dass sich Deutschland dort an dem Massaker nicht beteiligt hat. Schließlich gibt doch auch die Bundeswehr viele Steuergroschen für Waffensysteme aus, da ist es doch nicht mehr als recht und billig, dass man sie auch in der Praxis mal richtig austestet, damit man mitreden kann, wie viele man mit den einzelnen Gerätschaften massakrieren kann, oder? Und ist es nicht bewegend, wenn dann der Bundespräsident, von Militärmusik begleitet, in bewegenden Worten den Angehörigen erklärt, dass die Soldaten, die nun in mit Flaggen bedeckten Särgen vor ihm liegen, nicht umsonst gestorben sind? Er hat ja recht, sie haben zum Wirtschaftswachstum beigetragen, haben neue Waffen ausprobiert, haben vielleicht auch rumgeballert und vor allem auch den "Feind" dazu gebracht, auch zu ballern und haben unwissend damit wieder Rüstungsaufträge für die Zeit danach eingeholt und bei EADS für die Erhaltung von Arbeitsplätzen gesorgt. Sie sind fürs Vaterland gestorben und Vaterland, das ist Wachstum und Bruttosozialprodukt.

Wir leben in einem liberalistischen System, ursprünglich mal erfunden in Großbritannien Ende des 18. Jahrhunderts vom Ökonomen Adam Smith, der Mann, den man auch als Vater der Volkswirtschaftslehre bezeichnet. Er träumte von einem liberalen Gesellschaftssystem, aus dem sich der Mensch raushält, weil dann wie aus dem Nichts eine "unsichtbare Hand" auftaucht, die das Geschehen der Märkte lenkt und leitet und damit Wohlstand für alle bringt. Je verrückter eine Idee ist, umso mehr Jünger findet sie und alle sind natürlich bestrebt, sie zu verbessern und zu vertiefen. Jeder Wahnsinn kann auf die Spitze getrieben werden, es sei denn, man sperrt die Leute rechtzeitig weg. Das war auch beim Liberalismus so. So wie beim Christentum dann neue Formen erdacht wurden (Evangelium, Neu Apostolische Kirche, Zeugen Jehovas Boston Church und viele weitere), gab es beim Liberalismus bald verschiedene Stilrichtungen wie den Laissez-faire-Liberalismus, der Ordo-Liberalismus oder den Neoliberalismus. Heute bezeichnen wir zumeist das ganze liberale System als Neoliberalismus, auch wenn das in den Augen der Experten nicht stimmig ist, auch wenn ich die sichtbaren Unterschiede einfach nicht zu erkennen vermag. Aber ich bin ja auch keine Experte und muss einfach nur daran gleuben. Das liegt daran, dass der Liberalismus genau so unergründlich wie die Religion ist, oder anders, inzwischen wirklich eine Religion ist.

Schon bei Adam Smith lag der Schwerpunkt der liberalen Idee darin, dass die Bildung von Kartellen, Oligopolen und Monopolen verhindert werden müsse, um dank der "unsichtbaren Hand" Wohlstand für alle aus dem Hut zu zaubern. Selbst van Hayek (Freiburger Schule) verkündete immer noch dieses liberale Mantra. Milton Friedmann in den USA, die Ikone der Chicagoer Schule und Berater einiger Präsidenten war da noch viel radikaler und es waren seine Ideen, die der Schauspieler Reagan seiner britischen Amtskollegin Margret Thatcher einflüsterte, die diese dann nach Europa "importierte" und damit auch das TINA-Syndrom installierte. Das anfällige EU-Gebäude damit zu infizieren, war dann nur noch eine Kleinigkeit, da genügte schon ein Bilderbergtreffen.

Sieht man den theoretischen Liberalismus im Verhältnis zur Realität, fällt auf, dass seit seiner Einführung das Gegenteil der Predigten erfolgt. Fusionen lassen Unternehmen zu immer größeren und damit unkontrollierbareren Giganten zusammenwachsen, bis daraus Monopole, Kartelle oder Oligopole geworden sind. Eigentlich der unumstößliche Beweis, dass der Liberalismus ebenso wenig funktionieren kann, wie der Kapitalismus. Jede dieser Fusionen hat zur Folge, dass damit immer viele Menschen, deren einziges Gut, dass sie einbringen können, ihre Arbeitskraft ist, von diesem Schlaraffenland, das der Liberalismus verspricht, ausgeschlossen werden (das nennt man dann Synergieeffekte). Mehr noch, auch die, die ihre Arbeitskraft noch verkaufen dürfen, werden gnadenlos aussortiert, wenn sie nicht bereit sind, dem Gewinnstreben der Monopolisten zu folgen, indem sie sich bzw. ihre Arbeitskraft, billiger zur Verfügung stellen. Gerade bei uns in Deutschland ist das besonders deutlich geworden, als die Partei, von der sich die Wähler eine sozialere Politik erhofft hatten, mit der Agenda 2010 dem Gewinnstreben der "Märkte" folgte und bis auf einige Ausnahmen die Arbeitnehmer zum Freiwild der "Märkte" gemacht hat. Eben diese Partei strebt jetzt erneut nach der Macht und verspricht sogar schon eine Agenda 2020. Die soll dann richtig sozial sein, fragt sich nur, für wen. Die SPD ist ein Beispiel dafür, dass die Leute, die die Krisen verursachen, uns dann erklären, dass wir für die Krisen verantwortlich sind. Einen Kandidaten für die Kanzlerschaft mit einem streng sozialen Gewissen haben sie ja bereits, Peer Steinbrück. Wäre man bereit, es mal mit dem Denken zu versuchen, müsste einem bei dem Gedanken an Steinbrück als Kanzler ein Schüttelfrost ereilen.

Nun glauben Sie vielleicht, ich sei vom Thema abgeschweift, aber da bin ich anderer Meinung. Es ging grundsätzlich um die Frage, ob man den Gedankengängen derer folgen soll, die mal ihre Gedanken zu Papier gebracht und damit jedermann zugänglich gemacht haben. Schon vor Johannes Gensfleisch, genannt Gutenberg , wurden viele Gedankengänge in Stein gemeißelt, auf Wände gemalt oder auf Holztafeln und Pergament festgehalten. Doch erst seit Gutenberg und der von ihm erfundenen Buchdruckerkunst nahm das Ganze ungeheure Ausmaße an. Neben vielen Schreiben, die man gleich wieder vergessen hatte, brachten einige Menschen auch kluge Gedanken zu Papier, andere hingegen nutzten dieses Medium, um damit Verwirrung zu stiften und die Menschen in die Irre zu führen. Eines ist aber all diesen Schriften gemein, sie beziehen sich auf vergangene Ereignisse der jeweiligen Zeit. Selbst diejenigen, die visionäre Gedanken für die Zukunft prognostizierten, wurden entweder längst widerlegt oder von der Zukunft (unserer Gegenwart) überholt. Als praktisches Beispiel: Jeder Linke, der was auf sich hält, hat Zitate von Marx parat, die er bei jeder sich bietenden Möglichkeit nutzt. Vielleicht will er damit beweisen, dass er "seinen Marx" gelesen hat, was ihn natürlich aus der Masse der Unwissenden heraushebt. Wirklich? Marx ist schon lange tot und seine Erkenntnisse sind einfach Schnee von gestern. Die Welt dreht sich weiter und die Regeln von Marx sind auf die heutige Gesellschaft allenfalls bruchstückhaft noch anzuwenden. Jede Generation muss die gegenwärtigen Sachverhalte erkennen und analysieren und daraus ein neues Puzzle bilden. Die eigentliche Gefahr ist, Gelesenes einfach unredigiert zu übernehmen, ohne dabei die inzwischen eingetretenen Veränderungen oder Unzulänglichkeiten (vorsichtig ausgedrückt) zu berücksichtigen. So ist z. B. die Historie immer mit Vorsicht zu genießen, weil sie stets nur die Seite des Siegers ins Licht, die Sache des Besiegten hingegen in ein denkbar schlechtes Licht rückt.

Das ist bei dem Gleichnis von Platon anders. Er verwendet keine reale Situation, sondern stellt eine unrealistische Situation dar, die man nur durch eigenes Denken in Bezug zu einer Sache stellen kann und eben das habe ich in meinem Beitrag von der Schattenwelt versucht.