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Erstelldatum: 20.08.2012

Intellektuelle

In der ZEIT schreibt ein Autor über die Aussagen der "Intellektuellen" Jürgen Habermas, Peter Bofinger und Julian Nida-Rümelin und vermerkt u. a. ein wenig spöttisch:

    Wenn nur diese Parlamente nicht wären! Dann könnten die Regierungen ungestört regieren und alsbald den Euro retten. Wenn nur die Bürger nicht wären, die sich an ihre immer schlechter funktionierenden Nationalstaaten klammern!

Irgendwie scheint der Autor das deutsche Parlament nicht zu kennen, sonst könnte er es unmöglich als Hemmnis für die Regierung ansehen. Wo findet man sonst noch eine solche Ansammlung von Ja-Sagern? Aber ich möchte auf die genannten Intellektuellen ein wenig eingehen. Gäbe es den Begriff, müsste man mich zu den "Unintellektuellen" zählen. Aber diesen Begriff gibt es ja nicht, dafür aber Ersatzbegriffe wie "Pöbel, Proleten oder auch einfach Mensch". Nun mag man mir ja gerne unterstellen, dass ich vielleicht ein wenig neidisch sei auf die Intellektuellen. Wenn das so ist, dann unbewusst und ändert nicht viel an meiner Meinung.

Was sind Intellektuelle eigentlich? Natürlich ist meine Meinung dazu absolut subjektiv, aber ich glaube, das sind die Streber, die deshalb in der Schule keine Freunde fanden und stattdessen gehänselt wurden. Es sind die, die viel gelesen haben, die viel von früheren Intellektuellen wie Honig in sich aufgesaugt haben und bei jeder Gelegenheit mit einem klugen Zitat aufzuwarten wissen.

Eines haben sie vermutlich nie wirklich gelernt, ein Mensch zu sein, ein Mensch, mit all seinen Fehlern und Schwächen, dafür aber mit Freunden und oft irrationalen Interessen. Den Intellektuellen interessieren Menschen nicht, es sei denn, man präsentiert sie ihm in Form von Statistiken und Zahlen.

Für diese Intellektuellen ist Europa natürlich ein erstrebenswertes Ziel, denn es vereint große Zahlenmengen, gibt Statistiken eine neue Dimension. Mentalitäten, kulturelle Eigenheiten und alles, was ein Volk so ausmacht, sind für Intellektuelle lediglich Zahlenwerte und Statistiken.

Sie schöpfen aus einem unerschöpflichen Reservoir an Wissen vergangener Größen und das macht sie zu fleischgewordenen Robotern, die gespeichertes Wissen jederzeit abrufen können, aber deren Denkprozesse inzwischen verkümmert sind.

Ein Blick auf die großen Konzerne, auf die bestehenden und vergangenen Großreiche müsste reichen, um zu erkennen, das größer das Gegenteil von besser ist. Denn je größer, umso weniger bedeutet der Mensch. Er wird zur Zahl, zur statistischen Größe, mit der man zweckdienlich verfährt. Wollen wir das?

In den großen Konzernen gibt es längst keine Mitarbeiter mehr, sondern nur noch Personalnummern, die jederzeit austauschbar sind. Ganze Werke werden einfach eingestampft, weil die Zahlenwerte und die Statistiken nicht mehr stimmen, oder sie werden aus dem gleichen Grunde ausgelagert in andere Staaten, weil dort die Personalnummern weniger Kosten verursachen. Schicksale, hervorgerufen durch solche Maßnahmen der intellektuellen Vorstände rufen allenfalls Unverständnis hervor, weil ein Einzelschicksal statistisch nicht auswertbar ist. Werden sie mit Aussagen über solche Schicksale konfrontiert, können sie allenfalls mit sinnentleerten Sprüchen und Worthülsen aufwarten, zu denen immer die Worthülse zählt, dass man das große Ganze sehen müsste und es für alle das Beste sei. Noch eine Worthülse wird nur selten ausgelassen, die, dass es uns doch noch gut ginge und wir mal schauen sollten, wie es den Menschen in anderen Ländern ginge. Dabei glaube ich nicht, dass sie jemals einen Gedanken daran verschwendet haben, dass es nicht Ziel sein kann, die Lebensverhältnisse eines Landes an das ärmerer Länder anzupassen, sondern die Zielsetzung umgekehrt sein müsste. Außerdem werden sie nie auf den Gedanken kommen, dass die Not weltweit nur deshalb existiert, weil es sie, die Intellektuellen gibt, deren Lebensinhalt all das ist, was sich in Zahlen mit einem Taschenrechner oder einem System der Tabellenkalkulation erfassen lässt. Not ist eine Abstraktion, so wie Reichtum auch, aber zumindest Reichtum lässt sich in Zahlen ausdrücken, Not nur in Sterberaten und das ist eine andere Baustelle.

Europa hat sich inzwischen längst auf die gleiche Art entwickelt. Der Mensch spielt keine Rolle, nur die wirtschaftliche Effizienz, dargestellt in Statistiken und endlosen Zahlenreihen. Und die Völker? Nun, das kommt in dem Artikel schon richtig zum Ausdruck. Sie sind eigentlich ein Störfaktor, andererseits aber der Kern jeder Statistik, deshalb kann man nicht darauf verzichten. Aber man muss es (das Volk) in eine gewollte Richtung drängen, dazu ist jede Täuschung, jede Lüge recht.

Die Intellektuellen wussten schon bei der Implementierung des Euro, dass der nicht funktionieren kann, weil die im Euro scheinbar vereinigten Länder wirtschaftlich nicht vergleichbar sind. Der Euro ist wie ein Zug (EZB) mit 17 Waggons, bei dem Weichen umgestellt werden, während der Zug gerade darüber fährt. Die Waggons, die ab diesem Zeitpunkt die Weiche passieren, entgleisen.

Das Problem ist, Intellektuelle sind zu arrogant oder zu unwissend, Fehler zuzugeben, denn das haben sie nicht gelernt, weil das ein Wissen ist, das nicht in den Büchern steht. Und für eigenes Denken reicht die Hirnkapazität nicht mehr.

Nehmen wir ein aktuelles Beispiel intellektueller Überlegungen, die sich selbst regulierenden Märkte, eine unter Neoliberalen geradezu religiöse Anschauung.

Der Markt wird von den Neoliberalen als ein sich selbst regulierende System dargestellt, aber das ist er nicht. Er ist eher ein System, das man mit illegalen Boxkämpfen vergleichen könnte, in dem sich schmalbrüstige Kämpfer gegen muskelbepackte Giganten behaupten sollen. Der Markt, das sind Menschen, versteckt hinter Unternehmen und Größe und Profit sind die eigentlichen und maßgeblichen Kriterien. Markennamen spielen dabei eine große Rolle, weshalb die Giganten auf dem Weltmarkt, wenn sie ein Unternehmen in die Pleite getrieben haben, dieses übernehmen, den Markennamen aber beibehalten und damit die Verbraucher täuschen, die oft genug von diesen Spielen des Marktgeschehens nichts mitbekommen. Der Markennamen ist deshalb so wichtig, weil er bereits eine umfassende Verbrauchergruppe bedient, die man so ebenfalls und oft genug gegen deren Willen übernimmt. Das zu diesem übernommenen Unternehmen gehörende Personal, ebenso wie das eigene, wird dabei mit Hinweisen auf die Synergieeffekte zunächst für die Karenzzeit ruhig gestellt und nach dem vom Gesetzgeber vorgeschriebenen Jahr, in welcher das übernommene Personal nicht entlassen werden darf, beginnt man mit der Entsorgung.

Schlicht gesagt, unregulierte Märkte fördern die Bildung von Monopolen und Oligopolen, denn nicht Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis, sondern die Finanzkraft der Marktteilnehmer, die mit Dumpingpreisen unliebsame Konkurrenten ausschalten. Ein Beispiel dafür sind die Monopolgesellschaften der Energiebranche. Sie erpressen den Staat und heimsen Subventionen ein, weil ihre Monopolstellung den Staat erpressbar macht. Sie bilden zusätzlich Kartelle, die "den Markt" untereinander aufteilen und jeden möglichen Konkurrenten aus dem Feld schlagen. Dabei sollte nicht vergessen werden, dass die politischen Gremien oft genug in diese Prozesse eingebunden sind. In meinem Beitrag Gesetze des Marktes von 2007 gehe ich näher darauf ein.

Nun ja, es gibt sie ja wirklich, die Intellektuellen, die das Denken nicht verlernt haben, die zwar auch Wissen wie ein Schwamm in sich aufgesogen haben, allerdings nicht, ohne das kritische Hinterfragen, inwieweit es noch in die heutige Zeit passt, ob es grundsätzlich richtig war und ist. Aber sie treten seltener in Erscheinung, weil ihre Meinung wegen erwarteter Kritik nicht nur nicht gefragt, sondern absolut unerwünscht ist. Deshalb sollte man Intellektuelle in zweit Schubladen verfrachten (so was macht man schließlich mit den übrigen Menschen auch), in Intelligente und in Phrasiologen. Die Phrasiologen, das sind die Intellektuellen, deren Wirken in der Gesellschaft vor allem zerstörerisch wirkt. Das sind die Intellektuellen, die uns weiszumachen versuchen, dass die Banken zu groß sind, um sie pleitegehen zu lassen und dass der Euro unbedingt gerettet werden muss, weil sonst das Abendland untergehen würde. Das sind die gleichen Leute, die das Heil des EURO und der verschuldeten Euro-Staaten in der Gründung des ESM sehen, verbunden mit einem Fiskalpakt, der den Nationalstaaten die Finanzhoheit aus den Händen nimmt, um sie in die "bewährten Hände der EU-Kommission" zu legen. Da diese Leute offenbar auch an Wahrnehmungsstörungen leiden, nehmen sie nicht war, dass der ganze Kapitalismus ausschließlich auf Verschuldung basiert. Die wundersame Geldvermehrung funktioniert nur durch Schuldzinsen und ohne Schulden gibt es auch keine Zinsen.

Schuldenstatistik der Euro-Länder
 
2008
2009
2010
2011
Deutschland
1.637,40
1.746,10
2.043,50
2.071,50
Frankreich
1.285,80
1.482,90
1.577,80
1.690,40
Italien
1.623,80
1.726,80
1.834,90
1.873,40
Spanien
427,10
564,40
640,80
725,30
Niederlande
340,50
348,70
365,30
388,10
Belgien
302,50
322,20
334,20
347,60
Österreich
177,40
189,00
202,60
212,30
Griechenland
251,30
291,70
324,10
349,80
Finnland
61,20
73,90
86,20
89,30
Portugal
121,20
138,80
159,40
183,00
Irland
81,50
109,00
147,90
174,20
Slowakei
12,70
21,60
25,40
32,30
Luxemburg
5,20
5,50
7,30
7,40
Slowenien
7,80
12,10
13,90
16,90
Estland
0,70
1,00
1,00
0,90
Zypern
?
?
?
?
Malta
3,50
3,90
4,00
4,40
 
6.339,60
7.037,60
7.768,30
8.166,80
Quelle: Wikipedia

Aber Vorsicht, der Hintergrund könnte auch ein anderer sein, denn durch das ganze Schuldturmgeplauder wird übersehen, dass es bei der Haftung der Staaten, wenn sie sich in die Obhut des IWF, des ESM, der EZB und der EU-Kommission begeben, sie regelrecht ausgeplündert werden. Diese modernen Raubritter plündern jeden Rest an noch verbliebenem Staatseigentum, damit die Nutznießer der Verteilungsstrategie von unten nach oben ihr Geld schnell in Sachwerte anlegen können. Dafür werden ESM und Fiskalpakt erforderlich und deshalb muss der Euro gerettet werden, weil Währungsreformen der EU-Länder diese Plünderung unterbinden würden.

Die Schulden der EU-Länder zu vergemeinschaften, ist eine weitere Nebelkerze, die von den Phrasiologen gezündet wird. Vielleicht habe ich mich ja geirrt, sie können doch noch ein wenig denken und nehmen nun Rache dafür, dass man sie in der Schule gehänselt und rumgeschubst hat. Vielleicht wäre das ja alles ganz anders, wenn sie jemals dazu verpflichtet gewesen wären, wirkliche und produktive Arbeit zu verrichten. Aber wollte man das bei allen machen, gäbe es überhaupt keine freien Stellen mehr. Wenn ich doch nur eine Möglichkeit wüsste, wie man Phrasendrescher stumm schalten kann. Werfen wir lieber mal einen Blick auf die Schulden der Euro-Länder. Da wird ein wenig deutlich, was die Bankenrettung wirklich bewirkt hat und wie sparsam doch die kompetente Regierung aus CDU/CSU und FDP mit dem Geld der Steuerzahler umgeht. Wie diese 3 Parteien an den Nimbus der Wirtschaftskompetenz kommen, wird mir wohl immer ein Rätsel bleiben.