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Erstelldatum: 28.06.2012

Mal wieder gegen die Rentner

Das deutsche Sprachrohr der Bilderberger, die ZEIT, treibt mal wieder ein wenig Hetze gegen die Rentner mit dem Artikel Den Alten geht es besser denn je.

Sicher, es gibt sie, die Alten mit einer hohen Rente oder einer hohen Pension. Das gab es schon immer. Doch die Sache hat einen kleinen Haken, denn in diesen Artikeln wird dann immer der Generationenvertrag ins Spiel gebracht und damit jegliche Differenzierung bewusst ausgeklammert.

Sicher, der pensionierte Richter, der pensionierte, ehemals verbeamtete Staatsekretär, alle Beamten des gehobenen und höheren Dienstes, der in den Ruhestand gegangene Apotheker, Anwalt, Architekt, Steuerberater, Arzt, der ehemalige Berufs-Politiker, die Mitglieder der Vorstände der Konzerne und selbst die Beamten der mittleren Beamtenlaufbahn bekommen relativ hohe bis sehr hohe Altersbezüge. Die Sache hat nur einen Haken, der stets ins Feld geführte Generationenvertrag findet auf sie keine Anwendung. Der hat nur Gültigkeit für die Zwangsversicherung mit Namen "gesetzlicher Rentenversicherung", kurz GRV. Doch genau diese Gruppe ist das Ziel solcher Hetze, weil man die Alten zunächst alle in einen Topf wirft, hervorhebt, welchen Luxus sie sich leisten können, zumindest die wohlhabenden Rentner und dann folgt das eigentlich Bashing, indem Umfragen von Meinungsforschungsinstituten, Studien aus den USA und Expertenaussagen angeführt und die Unhaltbarkeit dieses Systems beklagt werden, mit dem die Jugend ausgebeutet wird.

Dieses permanente "Rentner"-Bashing macht mich einfach wütend. Wer glaubt eigentlich, man könne mit ein paar multiple Choice-Fragen von 1- oder 2-Tausend Menschen im Rentenalter Antworten auf Fragen der Generation der über 65-Jährigen ableiten? Woher weiß ich denn, ob bei dieser Befragung zwischen den einzelnen Rentensystemen differenziert wurde? Was nutzen Studien aus den USA hier in Deutschland, wo doch bekannt ist, dass die Sozialsysteme in den USA einfach hundsmiserabel sind? Und die Kernfrage ist, ob die Autorin überhaupt über Sachkenntnisse des deutschen Rentensystems verfügt. Hinzu kommen Aussagen über die Demographie, mit denen sich die Autorin ganz sicher nicht auseinandergesetzt hat, sondern offensichtlich nur Experten von der INSM oder der Bertelsmannstiftung, dem Bürgerkonvent und ähnlichen Einrichtungen befragt hat, die sich alle auf die Sterbetafeln des Stat. Bundesamtes berufen, aber stets vergessen, dass diese Sterbetafeln auf rein mathematischen Formeln zur Hochrechnung beruhen, die den echten durchschnittlichen Sterbedaten widersprechen. Ebenfalls ausgeblendet wird, dass sich jedes Ungleichgewicht zwischen Alt und Jung aufgrund hoher oder niedriger Geburtenraten zwangsläufig wieder nivelliert.

Der nicht existierende Generationenvertrag hat nur Gültigkeit für die Rentner der GRV (gesetzliche Rentenversicherung). Die wohlhabenden Rentner, von denen die Autorin spricht, sind dort kaum zu finden, sondern kommen aus den ständischen Versicherungen (Ärzte, Apotheker, Architekten, Steuerberater, Anwälte usw.), die von der GRV völlig abgekoppelt sind und bei gleich hoher Einzahlung erhebliche bessere Renten zahlen, weil sie nicht mit Fremdlasten überhäuft wurden, wie die GRV. Hinzu kommen die Beamtenpensionen, die ebenfalls erheblich höher sind, als die Renten aus der GRV. Es gibt auch einige bessergestellte GRV-Rentner, wenn sie lange Zeit in Unternehmen tätig waren, die eine betriebseigene Zusatzversorgung anboten, teils mit eigener Zusatzleistung, teils vom Unternehmen finanziert. Doch das gab und gibt es nur bei den großen Konzernen und im öffentlichen Dienst, wobei im öffentlichen Dienst diese Zusatzversorgung als Ausgleich zu den höheren Beamtenpensionen definiert wurde und entsprechend hoch ausfiel.

Nur ca. 20% der Gesamtbevölkerung bekommt eine GRV-Rente, etwas über 16 Millionen, davon über 3 Millionen Rentner der ehemaligen DDR, deren Renten ohne Ausgleich der GRV aufgebürdet wurden, als wäre die Wiedervereinigung ausschließlich für die Zahlungen auf die Rentner beschränkt. Die Teufelstabelle der ADG weist rund 700 Milliarden Euro aus, die von der Politik für gesamtgesellschaftliche Ausgaben aus den Rentenbeiträgen zweckentfremdet genutzt wurden. Die Anfrage beim Bundesversicherungsamt brachte zutage, dass es keine Informationen bei den Behörden gibt, wie hoch die Aufwendungen für die der GRV aufgebürdeten Fremdlasten sind. Der so genannte Bundeszuschuss ist ein nicht ausreichender Ausgleich für Fremdlasten, zu dem das BVerfG die Politik als Ausgleich verpflichtet hat.

Nun zu den Rentnern an sich. Sie haben klaglos die Renten der vorherigen Generationen bezahlt. Warum sollten sie auch klagen? Ihre Beiträge an die GRV waren Versicherungsbeiträge und deren Höhe war (und ist) maßgeblich für die Höhe der Rente. Sie haben teilweise ihre Kinder ohne staatliche Zuschüsse großgezogen (kein Kindergeld), konnten sich erst erheblich später einen Urlaub, ein Auto usw. leisten und waren es in Wirklichkeit, die das so genannte Wirtschaftswunder geschaffen haben. Sie haben auch nicht die Schulden aufgebaut, das haben die Politiker ganz ohne die Hilfe der Rentenanwärter geschafft. Abwählen konnte sie die Verschwender auch nicht. Von einem Generationenvertrag war auch nie die Rede, sondern nur davon, dass die Rente sicher ist.

Die meisten dieser Rentner haben ein Arbeitsleben von 45 und mehr Jahren auf dem Buckel, davon zumindest etliche Jahre mit körperlicher Schwer- und Schwerstarbeit. Sie waren auch nicht schuld, dass Maschinen mehr und mehr die Arbeit des Menschen überflüssig machte. Auch bei Wahlen hatten sie keine echte Alternative, doch das ist heute auch nicht anders. Sie, die GRV-Rentner, haben sich ihre Rente ehrlich verdient und Monat für Monat ihre Beiträge in die GRV eingezahlt. Spielraum für zusätzliche Vorsorge hatten nur die Wenigsten.

Aber die Politik hat sich nicht nur kräftig aus den Beiträgen der GRV-Beitragszahler für sachfremde Ausgaben bedient bedient und damit alle Steuerzahler entlastet, auch die, die sich dem Sozialsystem GRV verweigert hatten, sie wurde nicht nur jährlich vom Bundesrechnungshof für die Verschwendung von Steuergeldern gerügt, sie hat auch mit ständigen Reformen die Renten weit unter den Level gedrückt, den andere Renten- und Pensionssysteme aufwiesen. Während die GRV-Renten um rund 20% vermindert wurden, wurden Pensionen lediglich von 75% des letzten Einkommens auf 71,5% gemindert. Die ständischen Rentenversicherungen waren von keiner dieser Kürzungsorgien betroffen.

Heute fragt man, was die Alten für die Jungen tun. Warum fragt man nicht einmal, was die Jugend für die Alten tut, außer sie in Heime abzuschieben? Und die demographischen Aussagen sind nichts als Hellseherei so genannter Experten. Die Wirklichkeit wird nicht von mathematischen Sterbeformeln abgebildet, auch darüber gibt es Statistiken, allerdings gut versteckt. Am 24.04.2012 fand ich beim Stat. Bundesamt diese Tabelle:

Durchschnittliches Sterbealter nach Familienstand in Jahren

Jahr

MännerFrauen
insgesamtledigverheiratetverwitwetgeschiedeninsgesamtledigverheiratetverwitwetgeschieden
200772,554,573,582,564,480,674,071,485,774,8
200872,955,473,982,764,780,874,371,885,874,9
200973,256,074,282,965,280,974,372,185,975,2
201073,556,574,583,165,681,074,172,486,075,1

Einen Tag später, also am 25.04. War diese Tabelle nur noch als Bruchstück zu sehen und sah nun so aus:

Durchschnittliches Sterbealter in Jahren

Jahr

MännerFrauen
200672,280,4
200772,580,6
200872,980,8
200973,280,9
201073,581,0

Durchschnittliches Sterbealter

Nun kann man ja davon ausgehen, dass die so verkürzte Tabelle ja das gleiche Durchschnittsergebnis aufzeigt. Das ist richtig, aber in der ersten Tabelle wird die Manipulation deutlich, die damit verbunden ist, weil die unterschiedlichen Gruppen

  • ledig
  • verheiratet
  • verwitwet
  • geschieden

einfach addiert und dann durch 4 geteilt wurden, so als ob die Zahl der einzelnen Personengruppen absolut gleich wäre. So dachte ich, aber ein Leser hat es nachgerechnet (ich nicht) und siehe da, der Durchschnittswert für "Insgesamt" zeigt einen höheren Wert an, als das bei meiner Annahme der Fall gewesen wäre. Wie also der Wert "insgesamt" zustande gekommen ist, darüber gab das Stat. Bundesamt im April keine Auskunft. Bei den Frauen ist das genaue so. Es ist vor allem der Wert der Verwitweten, der die Durchschnittswerte in die Höhe treibt. Aber die Frage bleibt offen, wie hoch die Zahl der Verwitweten prozentual bei den Gestorbenen ausmacht. Und wie viele Singles bzw. Geschiedene sind es prozentual gesehen? Dass Frauen älter als die Männer werden, ist bekannt, aber leben sie wirklich 10 Jahre länger, wenn der Ehepartner vorher gestorben ist? Was fehlt ist die Differenzierung in Form einer prozentualen Angabe für jeden Familienstand. Für mich ist diese Form der Darstellung, so wie die Sterbetafeln insgesamt (deren durchschnittliches Sterbealter für die hier angegeben Jahre erheblich höher ausgewiesen wird), reine Manipulation.

Für die GRV-Rentner ergibt sich dabei noch zusätzlich die Frage, wie hoch ihr jeweiliger Anteil an diesen Sterbefällen ist, auch da müsste wieder zwischen den einzelnen Gruppen (Familienstand) differenziert werden.

Den Umstand, dass die zuerst angeführte Tabelle plötzlich nur noch in der verkürzten Form dargestellt wird, werte ich als Beweis, dass auch das Stat. Bundesamt ganz gezielt manipulierte Darstellungen veröffentlicht. Die von mir beanstandete Gleichbehandlung der unterschiedlichen Familienstände in der ersten Tabelle könnte man noch auf eine gewisse Betriebsblindheit der Statistiker zurückführen, nicht aber das ersetzen durch die zweite Tabelle. Hinzu kommt, dass offenbar diese Ergebnisse des echten Sterbealters nicht in die Hochrechnungen der mathematischen Formeln mit den Vorhersagen für die Zukunft einfließen, was ich eindeutig als politische Vorgaben für die Behörde stat. Bundesamt ansehe.

Und die Autorin des Artikels setzt noch einen drauf und stellt Behauptungen auf, die von Versicherungsmathematikern der privaten Versicherer aufgestellt werden, um möglichst hohe Renditen zu erwirtschaften. Bei den Privaten werden die Kalkulationen schon heute mit einem Sterbealter von mindestens 90 Jahren, meist aber sogar mit 100 Jahren angesetzt. Damit wird erreicht, dass die meisten privaten Renten-Versicherungsverträge (einschließlich Rürup- und Riester-Verträge) nicht einmal das eingezahlte Kapital ausschütten müssen, weil die Versicherungsnehmer eben doch nicht so alt werden, wie man das kalkuliert hat. Pech für die Versicherungsnehmer, warum sterben sie auch früher? Aber gut für die Versicherungskonzerne, deren Vorstände und Aktionäre.

Dass eine zunehmende Armut, zunehmender Stress und noch weitere Faktoren starken Einfluss auf das Sterbealter Betroffener ausüben, ist nicht nur bekannt, sondern auch erwiesen. Und Betroffene sind in erster Linie immer die Menschen, deren einziges Gut ihre Arbeitskraft ist. Dass die Zukunft Armut regelrecht generiert, zeigen die derzeitigen Agitationen der Politik in Deutschland und in Europa mit einer Deutlichkeit, wie nie zuvor. Deshalb halte ich Prognosen, die davon ausgehen, dass das Lebensalter permanent steigt, für rein politische Machenschaften. Dass sich die Steigerung der durchschnittlichen Lebenserwartung gegenüber vergangenen Jahrhunderten vor allem aus den verbesserten medizinischen und technischen Voraussetzungen für die Menschen in Kindheit und Jugend, aber auch auf die verbesserten Bedingungen im Arbeitsschutz und im Verkehrswesen gründen, wird von den Experten gerne unterschlagen.

Wenn die Autorin, aber auch etliche Leser in ihren Kommentaren anführen, dass die "Alten" der Jugend einen Haufen Schulden hinterlassen haben, scheinen sie zu übersehen, welche Schuldenberge ohne großen Widerspruch der Jugend mit der Banken- und Euro-Rettung durch EFSF und ESM derzeit aufgebaut und an die nächsten Generationen weitergegeben werden? Dabei muss die Frage erlaubt sein, ob die heutige Jugend nicht die weitaus besseren Möglichkeiten hat, sich über politische Vorgänge umfassend zu informieren und auch ihren Protest deutlich zu machen. Die heutigen Rentner hatten diese Möglichkeiten nicht. Sie hatten vieles nicht, was die heutige Jugend als selbstverständlich ansieht.