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Erstelldatum: 16.06.2012

Gauck und die Bundeswehr

Sterben für Deutschland? Nicht in unserem Namen, so titelt die Junge Welt ihre Reaktion auf die Aussagen von Bundespräsident Gauck, die dieser gemacht hat, als er die deutsche Wehrmacht besuchte.

Gauck, das wissen wir spätestens seit der Wahl von Wulff, war der Kandidat "der Herzen" für das Amt des Bundespräsidenten. Bei einem Vergleich mit Stabhochspringern würde man sagen, dass er beim ersten Mal die Latte gerissen hat, doch als kurze Zeit später der Sieger wegen "Doping" disqualifiziert wurde und sein Stab um eine FDP-Länge erweitert wurde, hat er den Sprung über die Latte geschafft und wurde als Sieger gefeiert. Selbst Angela Merkel, die Trainerin von Wulff, musste gestehen, dass nun der "Beste" gewonnen hatte. Unsere freie und abhängige Presse (das "un" habe ich ausgelassen, es klingt so negativ und wäre auch unwahr) hat uns das ja auch ständig gepredigt und mit Umfragen bewiesen, dass Gauck der Kandidat der Herzen für das Amt des Bundespräsidenten ist.

Manche Leute leiden aber an Herzfehlern. So auch ich, denn so sehr ich in meinem Herzen gesucht habe, Gauck war dort nicht zu finden. Ob ich mich als Kandidat für eine Herztransplantation anmelden soll, um mein verkorkstes Herz gegen ein gängiges Gauck-Herz zu tauschen und gleich einen neuen Wachstumsmarkt zu beleben? Ich bin noch unschlüssig.

Nun muss ein Bundespräsident ja viele Pflichten erfüllen, die vor allem darin bestehen, mit salbungsvollen Worten Untragbares als schön und alternativlos darzustellen. Seine Qualifikation als Bundespräsident hat Gauck nicht zum ersten Male bewiesen, als er die Helden der Nation, die Soldaten der Bundeswehr besucht hat. Und er hat sie daran erinnert, dass es ihre Aufgabe ist, für ihr Vaterland im Notfall auch ihr Leben hinzugeben und die Angehörigen der Gefallen ja stolz darauf sein können, dass der gefallene Angehörige sein Leben für sein Land hingegeben hat. Man sieht, Gauck ist dem GG treu, denn die alte preußische Tradition wird ja auch lt. GG gewahrt, wenn auch dort nur in Bezug auf die Beamtenschaft.

Ich scheine an einer Art assoziativer Schizophrenie zu leiden, denn wenn ich Gaucks hehre Worte über sein Land (früher hätte ich von unserem Land gesprochen, aber das ist es ja nicht mehr) höre, denn dann fallen mir Sachen ein, die doch gar nichts mit der Bundeswehr zu tun haben, oder? So denke ich automatisch daran, dass er dieses Land in Kürze ohne weitere Bedenken mit seiner Unterschrift unter den ESM und den Fiskalpakt (VSKS) an eine supranationale Einrichtung namens Europäische Union verschenkt. Ist verschenken der richtige Ausdruck? Nein, wohl nicht, denn die Folge wird ähnlich einer Wohnungsauflösung ablaufen, wir bekommen am Schluss eine gepfefferte Rechnung. Aber was ist mit den "Helden", wenn man Ihnen das Land nimmt, für das sie eben noch am Hindukusch, in Somalia und anderen Ecken in der Welt ihre Bereitschaft, als Gefallene vom Bundespräsidenten endgültig verabschiedet zu werden, unter Beweis gestellt haben? Ach ja, da fällt mir ein, da soll es ja in der EU künftig Bottle-Groups (habe ich das richtig geschrieben? Bestimmt) geben. Also keine Sorge, liebe Soldatinnen und Soldaten, fürs fallen bleibt Euch der Reiseservice der EU erhalten.

Auch der Begriff "Gefallene" schafft bei mir verwirrende Assoziationen. Gauck war Pfarrer und Pfarrer haben, so scheint mir, ein gestörtes Verhältnis zu "Gefallenen". Gefallene Soldaten, also Leute, die vom "Feind" massakriert wurden, sterben ja nicht, sondern fallen und für diese Gefallenen haben Pfarrer immer hehre Worte von Heldentum, Vaterland und Ehre in ihrem Repertoire.

Sind "Gefallene" aber weiblichen Geschlechts und zusätzlich nicht einmal Soldatin, dann finden Pfarrer nur Worte der Abscheu, weil sie sündig gelebt haben und dafür in der Hölle schmoren werden. Ist das nicht seltsam? Wenn ich im Auftrag von Regierenden andere Leute massakriere und irgendwann das Pech habe, selbst massakriert zu werden, bin ich ein Held, wenn auch ein gefallener Held (aber das ist ja normal) und unsere Kirchenväter einschließlich dem pastoralen Bundespräsidenten sind voll des Lobes. Wäre ich aber weiblich und gerne bereit, dem anderen Geschlecht Freude durch Hingabe zu schenken, egal, ob nun für einen kleinen Obolus oder gänzlich ohne Gegenleistung, dann wäre ich ein verderbtes Wesen, dessen Platz in der Hölle ist. Tja, Freude zu schenken, war schon immer ein Sündenfall.

Aufgefallen ist mir auch sein Sprachgebrauch über eine "glücksüchtige Gesellschaft", die er mit einem sanften Unterton von Kritik anwendete. Aber fordert das Streben nach der "Glückseligkeit des Himmels" nach christlicher Vorstellung nicht von uns allen, dass wir "glücksüchtig" sind, damit wir den beschwerlichen Weg zur ewigen Glückseligkeit auch beibehalten und nicht verlassen?

Ich gebe natürlich zu, dass ich Religion ohnehin noch nie verstanden habe. "Der Weg in den Himmel ist steinig und beschwerlich, der in die Hölle ist breit und gepflastert", so habe ich das noch aus dem Religionsunterricht in Erinnerung (bevor ich davon suspendiert wurde). Das habe ich nie begriffen, der Weg, der alle Möglichkeiten bietet, sich die Haxen oder den Hals zu brechen, führt in den Himmel der Glückseligkeit, aber alles was Spaß im Leben macht, führt in die Verdammnis? Na ja, irgendwann werde ich es erfahren und wer weiß, vielleicht ist die Hölle ja doch gemütlicher, als man uns weißzumachen versucht. Vielleicht ist man aber auch einfach nur tot und alles, was man zu diesem Thema in Bergen von Literatur lesen kann, wird von einem zum anderen Moment widerlegt. Gemein daran ist, dass ich dann nicht mehr darüber meckern kann, ja nicht einmal merke, dass ich recht hatte.

Und das macht mir Sorge. Angenommen, ich tausche mein Herz gegen ein Gauck-Herz, werde ich dann zusätzlich auch mit Verständnis von Religion geplagt (schließlich trägt er seinen Glauben ja im Herzen), vielleicht sogar einer der blindwütig Gläubigen, die den Verstand eigentlich nur nutzen, ihren Bewegungsapparat in Gang zu halten und die scheinbaren Verfehlungen anderer festzuhalten und anzuzeigen? Meine Angst ist vielleicht nicht rational. Dennoch, ich denke, ich werde mein verkorkstes Herz ohne Gauck behalten und hier setzt meine Art des Glaubens ein und ich glaube, das ist auch besser so.

Wie viele Menschen in diesem Land haben mit dem Projekt einer Europäischen Union den Gedanken an einen dauerhaften Frieden verbunden und müssen nun den Worten des Bundespräsidenten der Herzen entnehmen, dass das gar nicht das Ziel dieser Union ist, die den Krieg zum Exportartikel macht und in Länder trägt, die früher einfach zu weit entfernt waren. Na ja, auch nicht so ganz, wie die Zeit der Kolonisation gezeigt hat. Aber heute sind wir ja fortschrittlicher und moderner. Die Kolonisation haben die großen Konzerne übernommen und wenn sich ein Land wehrt, schicken wir zur Unterstützung Bomberflotten und neuerdings unbenannte Drohnen als Argumentationshilfen los, aber wie schon früher mit dem Segen der Kirchen und Herrn Gauck natürlich, der den Grundsatz der Trennung von Kirche und Staat offenbar noch nicht so ganz begriffen hat. Aber haben unsere Regierenden das schon begriffen? Nein, ich denke nicht.