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Erstelldatum: 21.09.2011

Deutsche glücklich wie nie

Es rauscht im Blätterwald, wir Deutschen sind glücklich wie nie. So sagen es zumindest 1.800 befragte Personen aus. 1.800 Personen, verteilt auf 16 Bundesländer, das macht 112,5 Personen je Bundesland.

Gefragt haben das Forschungsinstitut Allensbach, das auch gerne als "Hausdemoskopen" der CDU bezeichnet wird, und ein Wissenschaftler der Freiburger Schule, Bernd Raffelhüschen, bekannt für seine Mitgliedschaft in der INSM und Mitglied des Vorstands der Stiftung Marktwirtschaft, einer Einrichtung, die der INSM sehr nahe steht. Bekannt ist Raffelhüschen vor allem für seine Teilhabe an der Rürup-Kommission und sein stetes Werben für die private Rentenversicherung, was dank seiner Pöstchen in den Versicherungskonzernen ERGO, Victoria AG und der Volksbank Freiburg nicht weiter verwundert. Hinzu kommen noch seine Vortragsreihen zum Thema Rente, die sicherlich auch noch das eine oder andere kleine Zubrot für ihn bringen. Er lehrt an der Uni Freiburg und die ist bekannt als Mekka der neoliberalen von Hayek-Fans, der früher dort gelehrt hat. Oder sollte ich gelehrt in diesem Fall nicht doch lieber mit Doppel-e schreiben?

Das Forschungsinstitut für Demoskopie Allensbach wurde von Elisabeth Noelle-Neumann gegründet und die Nähe dieses Instituts zur CDU ist allgemein bekannt. Also habe ich bei Wikipedia mal geschaut, wer diese Frau denn nun eigentlich war. Dort lese ich u. a.:

    1937/38 verbrachte sie als Stipendiatin des DAAD ein Austauschjahr in den USA und lernte dort neueste Demoskopie-Methoden kennen. 1940 wurde sie bei Emil Dovifat, dem Nestor der deutschen Zeitungswissenschaft, in Berlin über Meinungs- und Massenforschung in den USA promoviert. Anschließend absolvierte sie ein Volontariat bei der Deutschen Allgemeinen Zeitung. Ab 1940 schrieb sie für die von Joseph Goebbels herausgegebene NS-Propaganda-Zeitung Das Reich, eine Wochenzeitung, deren Leitartikel häufig von Goebbels verfasst wurden. Einige ihrer Artikel behandelten das Thema Juden und andere "Feinde" des Hitler-Regimes. Nach ihrer Entlassung bei Das Reich ging sie zur Frankfurter Zeitung.

    In Noelle-Neumanns Dissertation mit dem Titel "Amerikanische Massenbefragungen über Politik und Presse" von 1940 führte sie Deutschlands schlechtes Ansehen in der Welt vor allem auf die Propaganda der US-Medien zurück: "Seit 1933 konzentrieren die Juden, die einen großen Teil von Amerikas geistigem Leben monopolisiert haben, ihre demagogischen Fähigkeiten auf die Deutschlandhetze". Goebbels wollte sie auf Grund ihrer Arbeiten zur Meinungsforschung in den USA 1942 zu seiner Adjutantin machen. Eine längere Erkrankung hinderte sie jedoch daran, dieses Amt anzutreten.

Lese ich dann, dass ihr Mann ebenfalls für "das Reich" schrieb, nach der Nazi-Zeit dann in die CDU eintrat, wundert mich das nicht, denn dort fanden viele Ex-Nazis Unterschlupf. Und dass diese Verbundenheit zur CDU geblieben ist, wundert mich auch nicht, war man doch unter seinesgleichen.

Auftraggeber der Studie war die Postbank, heute Teil der Deutschen Bank, früher geleitet von dem Steuerhinterzieher Zumwinkel, der mit dem IZA-Institut, welches mit zu den "liberalsten" Einrichtungen in Deutschland zählt, wobei liberal im Sinne von neoliberal zu verstehen ist. Also gehe ich von der subjektiven Annahme aus, dass der Auftraggeber der Studie sicherlich kein negatives Ergebnis wünschte.

Ein wenig irritiert bin ich schon, denn bisher habe ich Glück und Zufriedenheit immer als zwei unterschiedliche Aspekte betrachtet, wobei Glück eigentlich immer nur Momentaufnahmen waren, aber Zufriedenheit durchaus ein Dauerzustand sein kann, der aber wiederum relativ ist, weil er äußerst selten den gesamten Bereich des Seins umfasst.

Lese ich nun die Zeitungsberichte, werden diese beiden Zustände miteinander vermengt. Dabei stelle ich mir den Zustand dauerhaften Glücks eher als öde vor, denn dann müsste ein Misserfolg eine willkommene Unterbrechung des Dauerzustandes "glücklich" den betroffenen Menschen doch glücklich machen, was wiederum eine Fortsetzung der täglichen Öde bedeuten würde. Oder ist das zu philosophisch?

Nun hätte mich interessiert, wie wohl die Befragung aufgebaut war, also habe ich beim Institut Allensbach nachgeschaut, konnte aber keine Glücksstudie finden. Merkwürdig, schließlich soll sie doch die Grundlage dieser Zeitungsberichte sein.

Folglich muss ich mir zusammenreimen, wie die Studie erfolgte. Verwendet wurde vermutlich das Multiple-Choice-Verfahren mit einer Werte-Skala von 1 bis 10. Ein bewährtes Verfahren, kann man doch dabei Fragestellungen ausblenden, die ein gewünschtes Ergebnis torpedieren würden. Und in dieser Form der Fragestellung ist der Studienleiter Bernd Raffelhüschen ein wahrer Meister.

Aber eine echte Analyse ist unmöglich, wenn man die Studie und deren Aufbau nicht kennt. In keinem Fall korrespondiert Sie mit anderen, in der Presse veröffentlichten Studien, die über das Burn-Out-Syndrom berichteten, das inzwischen als Massenphänomen betrachtet wird. Auch die Pressemeldungen über die zunehmenden psychischen Erkrankungen aufgrund von Überbelastungen am Arbeitsplatz stimmen mit der "Glücksstudie" nicht unbedingt überein. Von den Krisen, der Angst um den Arbeitsplatz, den Niedrig-Löhnen, den Rentenkürzungen, der Arbeitslosigkeit will ich erst gar nicht anfangen. Die ständig steigende Scheidungsrate zeugt auch nicht gerade von beständigem Familienglück.

Sicher, wäre die Studie kurz nach der Berlin-Wahl erfolgt, würde ich sie für glaubwürdiger halten, schließlich wurde die FDP abgewatscht und die Piraten sind in den Landtag gekommen und das hat eine Menge Leute für einen Moment glücklich gemacht. Ob daraus Zufriedenheit erwächst, ist ein andere Frage, die sich erst in der Zukunft stellt. Auch die Befragung von Standard-CDU-Wählern nach der Berlin-Wahl hätte einen Ausreißer auf der "Glücksskala" nach oben bewirkt, hat doch die CDU unverständlicherweise mal wieder leicht zulegen können.

Aber vielleicht bin ich nur neidisch. Alle sind glücklich, nur ich nicht. Vielleicht bin ich ein Misanthrop und habe das nur noch nicht erkannt? Sollte ich nicht glücklich sein, wenn ich aus der Presse fast täglich erfahre, wie aufopferungsvoll unsere Regierungschefin sich dafür einsetzt, dass unsere Nation eine Nation der Retter wird, Retter von Banken, von Währungen und sogar von ganzen Staaten. Sollte ich nicht glücklich sein, dass wir endlich mal einen Wirtschaftsminister haben, der es wagt, der Kanzlerin zu widersprechen? Nein, es muss wohl an mir liegen. Ich bin so daran gewöhnt, über alles zu meckern, dass ich gar nicht mehr anders kann und verkenne vielleicht dabei, dass auch das eine Form des Glücks ist, das Glück, immer etwas zu finden, das meiner misanthropischen Veranlagung entgegenkommt. Sicher kennen Sie alle das Beispiel für den Unterschied zwischen einem Optimisten und einem Pessimisten. Der Optimist meint, sein Glas sei noch halb voll, während er Pessimist meint, sein Glas sei halb leer. Nun mal das Beispiel aus einer etwas anderen Perspektive. Sie sitzen in einer sündhaft teuren Bar, haben einen Cocktail für einen für Ihre Verhältnisse geradezu astronomischen Preis erstanden und die Hälfte inzwischen getrunken. Erschrocken und an ihre knappen Finanzen denkend stellen Sie fest, ihr Glas ist inzwischen halb leer. Dann sind sie also ein Pessimist. Der Ober kommt vorbei und schaut ein wenig scheel auf Ihr Glas. Er bezieht sein Einkommen ausschließlich aus dem Verkauf von den in der Bar angeboten Produkten und er stellt fest, dass Ihr Glas immer noch halb voll ist. Macht ihn das zum Optimisten?

So ungefähr sehe ich die Aussagen über die glücklichen Deutschen. Ich empfinde sie eher als ein Wunschdenken. Schließlich sagen uns Presse und Fernsehen doch schon lange, was wir denken und fühlen sollen und ständig neue Studien sagen uns, was gut für uns ist. Ein vermutlicher Misanthrop wie ich hingegen sieht das dank der bestehenden Zukunftsperspektiven mehr als zweifelhaft an. Letztendlich liegt es aber an Ihnen selbst. Sind Sie glücklich? Sind Sie zufrieden und sind Sie es dauerhaft?