Navigation aus    Navigation an
Erstelldatum: 16.05.2011

Gutmenschen?

"Überlass das Denken den Pferden, die haben größere Köpfe" lautet ein alter Spruch. Nun wissen wir allerdings, dass in der Regierung, den Parlamenten und den Redaktionsstuben der Presse keine Pferde sitzen und das zwingt uns regelrecht, gelegentlich die eigenen grauen Zellen einzusetzen.

In der Zeit wurde ein Artikel über den Begriff "Gutmenschen" mit einem Pro (Katrin Göring-Eckardt) und Contra (Josef Joffe, Herausgeber der ZEIT) gebracht.

Während bei "Pro" die Fürsprache zum Begriff "Gutmensch" aus meiner Sicht ein wenig religiös und "grünlastig" angehaucht zu sein scheint, schmettert Joffe in seinem Contra jegliche Kritik zur amerikanischen Vorgehensweise und auch zur US-Hörigkeit der Deutschen Regierung und des Parlaments kategorisch ab, ohne auf den eigentlichen Tenor des Beitrags über das "Gutmenschtum" einzugehen.

In Leserkommentaren der Presse findet man den Begriff immer dann, wenn eine Reaktion eines Lesers auf einen Artikel nicht den Vorstellungen des Kontrahenten entspricht, dieser aber offenbar unfähig scheint, seine Missbilligung des kritisierten Leserbeitrags auch wirklich zu begründen. Ihm scheint es zu genügen, den Schreiber einer gegenteiligen Meinung mit dem Begriff "Gutmensch" zu diffamieren. Das ist das eigentlich Paradoxe an diesem Begriff. Das zusammengesetzte Wort "guter Mensch" zu "Gutmensch" soll ohne Angabe von Gründen den so Bezeichneten als einen ahnungslosen Spinner diffamieren, ohne dabei auf die inhaltlichen Aussagen einzugehen. Dass zumeist damit eine Einordnung in die "linke Schublade" verbunden ist, macht sichtbar, dass der Begriff vor allem von Leuten verwendet wird, die man getrost in die rechte Schublade stecken kann. Aber es ist eben dieses Denken in Schubladen, das eher ein Nachplappern ideologischer Vorstellungen bedeutet, als die Formulierung eigener Gedanken. Dabei gilt doch gerade die aus eigenen Gedanken geschöpfte Meinung als eines der Sinnbilder der Demokratie. Erst eigene Gedanken ergeben eine eigene Meinung. Das setzt voraus, dass man sich über die bekannten Fakten zu einem Thema Gedanken gemacht hat und zu einem Resultat gekommen ist, eben einer eigenen Meinung. Die kann falsch sein, weil vielleicht die bekannten Fakten unvollständig sind, aber man hat sich zumindest damit auseinandergesetzt und nicht irgendwelche Sprüche nachgeplappert, wie das gerade die Menschen gerne tun, die den Begriff Gutmensch anwenden. Merkwürdig dabei ist auch, dass der Begriff gerne dann angewendet wird, wenn sich jemand dahingehend geäußert hat, dass er bestimmte moralische, soziale und ethische Grundwerte vermisst.

Der Bilderberger Joffe macht es sich zu einfach bei seiner Argumentation über die Tötung von bin Laden. Er versucht die Kritiker der Vorgehensweise bei der Tötung von bin Laden lächerlich zu machen, nicht mit dem Begriff "Gutmensch", sondern mit dem Hinweis auf den Deutschen vergangener Zeiten mit Pickelhaube und Knobelbecher. Ein weit hergeholter Vergleich, waren doch die angeführten Pickelhauben alle im Staatsdienst, also nicht die Menschen aus der nicht beamteten Bevölkerung. Danach drückt er auf die Tränendrüsen, als er die Schlagzeile des englischen Economist: Now, kill his dream anführt. Eine gewagte These, dass man mit dem Mord an bin Laden auch seinen Traum getötet hätte. Wissen wir überhaupt, welchen Traum bin Laden hatte? Joffe führt die vielen Anschläge, die ihm zur Last gelegt werden, im Anschluss als Rechtfertigung an. Allerdings wurden bin Laden diese Anschläge zur Last gelegt und als Beweis dafür wurden Videos gezeigt, von denen sich im Nachhinein einige als Fälschung erwiesen. Wenn man also zu vermitteln versucht, den Massenmord als den Traum von bin Laden darzustellen, dann wäre es hilfreich, die Hintergründe für diesen "Traum" zu erläutern. Vergessen hat Herr Joffe, dass es die CIA war, die bin Laden zum Terroristen ausgebildet hat. Merkwürdig auch, dass die übrige Verwandtschaft von bin Laden recht enge Kontakte mit dem Bush-Clan unterhielt und unmittelbar nach dem 11.9. auf Veranlassung von George W. Bush mit Militärflugzeugen aus den USA ausgeflogen wurde.

Aber wenn man Joffe hört, dann sind solche bekannt gewordenen Fakten und deren Erwähnung schon ein Zeichen von Antiamerikanismus. Das verwundert weniger, wenn man sieht, in welchen Gremien er tätig ist. Er ist Mitglied im Aspen Institut Berlin, der Jacobs University Bremen, der Atlantik-Brücke, der Hoover Institution und der American Academy in Berlin. Er ist auch Mitglied im Verwaltungsrat des Leo Baeck Institut New York und bei der Ben-Gurion-Universität des Negev. Da er auch seinen Universitätsabschluss in den USA gemacht hat und, wie bereits erwähnt, auch mehrfacher Teilnehmer der Bilderberger (1996, 2003) gewesen ist (die ZEIT hatte in vielen Jahren Redakteure zu den Bilderbergtreffen abgesandt). Er sollte sich folglich mal fragen, ob seine Begeisterung für Amerika nicht bereits seine Sinne für die Unzulänglichkeiten dieses Landes getrübt hat.

Gerne wird bei amerikanischen Gewaltakten als moralische Grundlage angeführt, man wolle einem Land die Demokratie bringen. Doch was ist eine Demokratie wert, die selbst den Rechtsstaat aus gegebenem Anlass ausblendet? Gibt es für Joffe zwei Arten von Terrorismus? Ohne viel Mühe findet man im Netz eine Menge von Fakten über Staatsterrorismus, ausgehend von Geheimdiensten, um politische Vorhaben durchzusetzen. Ist das aus Sicht von Herrn Joffe ein zu akzeptierender Terrorismus? Die CIA ist eine amerikanische Terrorgruppe, wie sie mit Gladio, der Operation Condor, der Unterstützung des Militärputsches in Chile in Verbindung mit der Ermordung des Präsidenten Allende und der Unterstützung des Diktators Pinochet und einer Menge anderer terroristischer Akte immer wieder ins Licht der Öffentlichkeit geraten. Dass auch Terror gegen Amerikaner dazu gehörte, hat die teilweise Veröffentlichung von Akten der Operation Mkultra gezeigt. Hier wäre viel Spielraum für Verschwörungstheorien. Bin Laden wurde von der CIA ausgebildet. Vielleicht war er eines der Versuchskaninchen von Mkultra? Vielleicht war er aber bis zuletzt ein CIA-Agent, denn es mutet schon merkwürdig an, dass man ihn trotz einem Kopfgeld von 50 Millionen Dollar immer dort gesucht hat, wo er nicht war. War der von den Seals Erschossene überhaupt bin Laden? Schließlich ist die Vorgehensweise bei seiner Ergreifung, seiner Erschießung und seiner anschließenden "Seebestattung" recht merkwürdig. Vielleicht gibt es noch einen bin Laden in den USA, der unter anderem Namen quietschfidel durch die Lande streift, weil er von den Behörden geschützt wird. Dann wäre die angebliche Erschießung und Seebestattung nichts weiter als ein PR-Gag gewesen, um das Thema bin Laden abschließen und Obama Schützenhilfe für die kommende Präsidentenwahl geben zu können. Doch das sind nur echte Verschwörungstheorien, die aber deshalb aufkommen, weil der "Traum von bin Laden", wie ihn der Economist anführte, nichts weiter als ein reißerischer Titel ist. Man kennt ihn nicht, den "Traum von bin Laden", kennt nicht die Hintergründe für diesen Traum, kennt nicht die Umstände, die den angeblichen Schwenk bin Ladens vom Terrorlehrling der CIA zum hasserfüllten Gegner der USA hat werden lassen. Und Träume haben oft eine weit über den Tod hinausgehende Wirkung, wie man am Beispiel des Martin Luther King sehen kann. Nicht zu vergessen, auch Saddam Hussein wurde mal von den Amerikaner gehätschelt. Doch solche Gedankengänge wird Joffe bei seinen Ansichten erst gar nicht aufkommen lassen. Die Amerikaner sind aus seiner Sicht die Guten, egal, wie oft sie das Gegenteil durch ihr Verhalten beweisen.

Wenn Joffe sich dann pathetisch dazu versteigt, auf die höchste Pflicht eines Staates zu verweisen, dem Bürger "Sicherheit und Freiheit" zu garantieren, scheint ihm entgangen zu sein, dass die Bürgerrechte in den USA von der Bush-Administration als Folge des 11.9. gravierend eingeschränkt wurden und in den westlichen Staaten, die sich alle demokratisch nennen, die Überwachung der Bürger drastisch verschärft wurde. Herr Joffe, haben Sie schon mal versucht, die Scheuklappen abzulegen?

Ich bleibe dabei, ein Rechtsstaat hält sich an Gesetze und die schreiben vor, dass ein Beschuldigter durch ein rechtsstaatliches Verfahren mit eingehender Beweisaufnahme schuldig gesprochen werden muss, bevor seine Bestrafung als Folge des Urteilsspruches wirksam durchgesetzt wird. Die USA hatten 10 Jahre Zeit, bin Laden (in Abwesenheit) den Prozess zu machen, die Beweise zu gewichten und erst dann ein Urteil zu fällen. Ein solches Verfahren schließt aber trotzdem aus, einen Verurteilten in einem fremden Land ohne Einwilligung der dortigen Regierung gefangen zu nehmen oder ihn zu töten.

Wenn das "Gutmenschentum" ist, dann bin ich gerne ein Gutmensch.