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Erstelldatum: 22.02.2011

Doktor - oder doch nicht?

In einer Mail wurde ich gestern kritisiert, dass ich zu wenig auf tagesaktuelle Gegebenheiten eingehe. Dabei wurde der Fall Karl Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg explizit angeführt.

Was ich von diesem Herrn halte, habe ich schon in früheren Beiträgen deutlich gemacht. In Leserkommentaren in der Presse habe ich meine Sicht zu den derzeitigen Vorwürfen gegen zu Guttenberg ebenfalls deutlich gemacht, nicht in Form eines Angriffs auf diesen Minister der Verteidigung, sondern in einer allgemeinen Betrachtung zu dem Sinn einer Dissertation und deren Inhalt.

Nun wird in der Presse berichtet, dass die Mehrheit der Deutschen das Abkupfern von Texten in einer Dissertation und die fehlende Kennzeichnung von Zitaten für nicht so schlimm hält. Das veranlasst mich, doch ein paar Zeilen zu diesem Thema zu schreiben. Dass hier in vorderster Front die BILD diese Meinung der Deutschen erkannt zu haben glaubt, macht das gesamte Meinungsbild der Deutschen nicht unbedingt besonders glaubwürdig, sondern könnte sich ausschließlich auf das Meinungsbild der BILD-Leser beziehen. Wenn BILD aber recht hat, zeigt das die Unkenntnis der Deutschen darüber, was eine Dissertation ausmacht, bzw. ausmachen soll.

Es ist nicht ehrenrührig, wenn man in seiner Doktorarbeit andere Autoren zitiert, damit also anderes Gedankengut assoziiert, vorausgesetzt, man macht es kenntlich, indem man es in Gänsefüßchen setzt und in der Fußnote angibt, von welcher Quelle man das entsprechende Zitat hat. Gerade die Quellenangebe (also Fußnote) ist wichtig, um überprüfbar zu machen, dass man den Sinngehalt des zitierten Textes nicht verfälscht hat.

Wenn ich mir nun vorstelle, dass eine Dissertation von knapp 500 Seiten mehr als 1.200 Fußnoten enthält, wobei noch einige sogar "vergessen" wurden, stellt sich mir die Frage, wie viel eigenes Gedankengut diese summa cum laude ausgezeichnete Dissertation denn nun wirklich enthält. Ich vermag mich auch nicht des Eindrucks zu erwehren, dass die Prüfung der Dissertation durch den Doktorvater und den Prüfungsausschuss und die Zuordnung "summa cum laude" eine gewisse Parteiprägung oder die einer gemeinsamen Mitgliedschaft in einer Vereinigung wie der Atlantikbrücke zumindest vermuten lassen.

Die Einleitung einer solchen Dissertation soll begründen, welchem Thema die Doktorarbeit gewidmet ist und warum sich der angehende Doktorand diesem Thema widmet. Das bedeutet aber auch, dass die Einleitung einer Dissertation ausschließlich das eigene Gedankengut des Autors enthalten sollte. Schreibt man bereits bei der Einleitung ab, dazu noch, ohne es kenntlich zu machen, ist das mehr als armselig. Im nachfolgenden Teil ist es aber durchaus üblich, Textstellen aus anderen Arbeiten zu zitieren und sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Dann aber müssen diese Textstellen deutlich kenntlich gemacht werden, damit überprüfbar ist, dass der zitierte Text nicht aus dem Zusammenhang gerissen und damit ein verfälschtes Bild erzeugt wurde. Das möchte ich an einem praktischen Beispiel demonstrieren, ein Beispiel, in dem ich selbst eine zitierte Aussage gelesen und verwendet habe, ohne den tatsächlichen Zusammenhang der Aussage zu kennen. Das Zitat betraf das Gesundheitssystem und lautete:

  • Der Wettbewerb zwingt zur Erschließung neuer Märkte. Das Ziel muss die Umwandlung aller Gesunden in Kranke sein, also in Menschen, die sich möglichst lebenslang sowohl chemisch-physikalisch als auch psychisch für von Experten therapeutisch, rehabilitativ und präventiv manipulierungsbedürftig halten, um "gesund leben" zu können.

Ich hatte nur dieses Zitat gelesen und war empört darüber. Erst wesentlich später habe ich den gesamten Artikel gelesen und musste feststellen, dass dieses Zitat als pure Kritik an unserem Gesundheitssystem und des politischen Willens, das Gesundheitswesen den freien Kräften des Marktes zu opfern, geschrieben worden ist. Der Artikel erschien im Ärzteblatt, Ausgabe Oktober 2002, auf Seite 449 und war von Prof. Klaus Döner verfasst worden. Nach Durchsicht dieses Artikels habe ich ihn veröffentlicht und mich für mein vorheriges Verhalten entschuldigt. Heute wissen wir, dass Prof. Döner mit seiner Sicht auf die Entwicklung des Gesundheitssystems absolut richtig lag. Ulla Schmidt, Horst Seehofer und Philipp Rösler haben dieses markttypische Geschäftsmodell mit der Gesundheit der Allgemeinheit und die Abhängigkeit des Solidarsystems Krankenversicherung von der Lobbyarbeit der Ärzteschaft und der Pharmaindustrie perfektioniert.

Mein Verhalten war eine grobe Nachlässigkeit. Aber bei einer Doktorarbeit darf es eine solche Nachlässigkeit nicht geben. Es ist eine wissenschaftliche Arbeit, in welcher jedes verwendete Zitat sorgfältig auf seine Aussage hin im Originaltext geprüft werden muss.

Die Presse hat zu Guttenberg aufgebaut und nun demontiert sie ihn wieder. Er wurde als "Überflieger" bezeichnet und ich habe eigentlich nie verstanden, worauf sich dieser Pressehype gründete. An politischen Erfolgen kann es nicht gelegen haben, denn politisch hat er sich schon mehrfach als Wendehals betätigt. Wenn sich aber nun die Presseaussagen bestätigen und ihm vielleicht sogar der Doktortitel entzogen wird (was die logische Konsequenz wäre, wenn sich die Vorwürfe als berechtigt herausstellen), dann ist er politisch nicht mehr tragbar, nicht einmal für diese in solchen Dingen so großzügige Koalition. Denn wenn die Vorwürfe stimmen, dann ist er ein überführter Betrüger, der sich einen Doktortitel erschwindelt hat. Sein bisheriges Eingeständnis, er habe unter Zeitdruck gearbeitet und sei überlastet gewesen, ist schlichtweg lächerlich. Es gab für ihn keinen Zwang, sich ins Parlament wählen zu lassen. Stellt sich also die Frage, wen kann er dieses Mal verantwortlich machen? Eigentlich nur einen Ghostwriter, falls es den gegeben hat. Aber das würde nichts daran ändern, sich einen Titel unrechtmäßig angeeignet zu haben. Es wäre nur eine Peinlichkeit mehr.

Lt. Radio FFH soll es bei Ebay die Versteigerung einer Guttenberg-PC-Tastatur geben, bzw. gegeben haben, aus der alle Tasten entfernt wurden, außer der Copy- und der Paste-Taste. Man sieht, wer den Schaden hat, spottet jeder Beschreibung.
Hmm, habe ich das jetzt richtig zitiert?