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Erstelldatum: 01.01.2008

2008

Nun ist es da, das freudig begrüßte neue Jahr. Begrüßt, wie jedes Jahr, mit Feuerwerk und natürlich von Vielen mit Dinner for One oder der 90. Geburtstag. Und in Berlin fand am Brandenburger Tor wieder ein Riesenspektakel statt, in einer überfüllten Kulisse, wenn man der Presse glauben darf.

"Nach Angaben der Veranstalter kamen wie im vergangenen Jahr mehr als einen Million Feiernde auf die zwei Kilometer lange Festmeile."

Diesen Satz habe ich aus einem Beitrag der WELT. Irgendwie hat der Satz was mit Sylvester gemeinsam. Eine 2 Kilometer lange Meile, das sehe ich als Paradoxon an, es sei denn, man hätte in den angelsächsischen Ländern oder auf den Meeren die Längenmessung der Meile verändert.
Doch auch Sylvester, bzw. der Brauch, mit viel Krach, später auch mit Knallern und mit Feuerwerkskörpern das neue Jahr einzuläuten, ist eigentlich ein inzwischen unsinniger Brauch. Ursprünglich wurden bei der Jahreswende damit die bösen Geister vertrieben. Doch gegen die helfen keine Knallfrösche, Heuler und Raketen, sondern allenfalls noch kleine Kreuzchen, in runde Kreise auf die Wahlzettel gemahlt. Damit kann man nicht alle bösen Geister vertreiben, aber wenigstens einige.

Freddy im Dinner for One ist auch ein Symbol, das Symbol für Traditionen und Rituale, die sich längst überlebt haben, und doch mit aller Macht beibehalten werden. Nur ist das in der Wirklichkeit nicht ganz so lustig wie am 90. Geburtstag von Miss Sophie.

Von meiner Wohnung in der 8. Etage in einem Hochhaus aus habe ich einen weiten Blick, über Offenbach, Frankfurt bis hin zum Feldberg. So kann ich in der Regel ein Feuerwerk bewundern, wie es nicht einmal am Brandenburger Tor zu sehen war. Nur 2008 war nicht viel zu sehen. Ausgefallen wegen Nebel. Aber auch die Kracherei war gedämpfter und nur von kurzer Dauer. Kann es sein, dass weniger Heuler, Kracher und Raketen in die Luft geballert wurden? Ich weiß es nicht, aber wünschenswert wäre es. Neujahr folgt nämlich zumeist die Ernüchterung, wenn man wieder lesen kann, wie viel Schaden in dieser einen Nacht entstanden ist. Oft kostet es Menschenleben, die Schäden an den auf den Straßen geparkten Kraftfahrzeugen gar nicht gerechnet. Umweltfreundlich ist das ganze Spektakel auch nicht, aber was soll's, es ist ja nur einmal im Jahr und Feuerwehr und Rettungsdienste wollen schließlich auch glänzen.

Aber mal eine Gegenrechnung. Da wird im Fernsehen, in Gala-Veranstaltungen und per Postwurfsendungen geworben, spendet für die armen Kinder der Welt, übernehmt eine Patenschaft, ein kleiner Betrag jeden Monat und ein Kind muss nicht vor Hunger sterben. Rechnet man nun die Sylvesterknallerei bzw. das Geld, das dafür weltweit ausgegeben wird, dagegen, kommt man vermutlich auf einen Betrag, der weit höher ist, als alle Spenden dieser Art zusammen.

Allerdings stimme ich auch den Kritikern zu, die zu Recht behaupten, dass Spenden nicht der adäquate Weg ist, Ländern aus der Armut zu helfen. Außerdem läuft die Spenderei zumeist sehr undurchsichtig ab, erfährt man doch nur selten, ob Gespendetes auch in die richtigen Hände gerät. Spenden sind im Endeffekt genau so kontraproduktiv, wie die Tafeln in Deutschland. Sie sind kleine Pflaster auf Wunden, die von den gleichen Nationen geschlagen werden, deren Einwohner dann die zu kleinen Pflaster liefern. Es sind die ausbeuterischen Methoden der Konzerne, es sind die an die vielfach diktatorischen Herrscher gelieferten Waffen, es sind die Monokulturen im Auftrag des IWF und nicht zuletzt die jahrelange Unterdrückung durch die Kolonialherren der westlichen Länder, die den Ländern der dritten Welt die Armut brachten und weiterhin bescheren.

Am Beispiel Deutschland kann man gut darlegen, wie so etwas funktioniert. 1945 haben wir kapituliert. Viele Menschen haben die "Befreier" freudig begrüßt, aber auch viele der Bonzen der Nazizeit gaben sich nun devot gegenüber den Besatzungsmächten, waren plötzlich Gegner des Regimes gewesen. 1949 kam die Währungsreform und mit ihr das Ende der Lebensmittelmarken und der leeren Schaufenster. Warum eigentlich erst vier Jahre nach der Kapitulation? Warum mussten die Menschen, die mehrheitlich wirklich kriegsmüde waren, noch weitere vier Jahre hungern? Warum hat es weitere vier Jahre gebraucht, bis man wieder zumindest die Grundnahrungsmittel, also Kartoffeln, Mehl, Zucker usw. unrationiert kaufen konnte? Warum mussten die Kinder der damaligen Zeit Kohlen stehlen bzw. von den Böden der Transportwaggons abkratzen, damit sie im Winter wenigstens heizen konnten? Warum mussten die Städter auf Hamsterfahrten die Reste ihrer Habe, die noch einigermaßen Wert besaßen, bei den vom Krieg meist wenig betroffenen Bauern gegen ein bis zwei Eier, ein wenig Speck oder Butter oder ein paar Kartoffeln abgeben, um nicht zu verhungern? War es eine 4 lange Jahre währende Bestrafung dafür, dass wir den Krieg angezettelt hatten? Folgte das System Hitlers nicht den gleichen Tücken aus Politik und Wirtschaft, mit denen man durch Propaganda und Hetze bei der Bevölkerung Stimmung macht, um ein Ziel zu verfolgen, das von keiner Bevölkerung der Welt wirklich gewollt ist? Haben wirklich WIR den Krieg angezettelt und nicht die gleichen Machteliten, die uns auch heute wieder in weltweite Konflikte drängen? Reichten die vielen Witwen und Waisen, die Krüppel nicht aus, um zu beweisen, dass der Krieg auch seinen Tribut bei unserer Bevölkerung gefordert hatte? War die Trümmerlandschaft in den Städten nicht Bestrafung genug?

Ich würde das Geschehen vielleicht noch als gerechte Bestrafung akzeptieren, wären nicht zwei Umstände, die mein Verständnis für diese Vorgänge auf den Nullpunkt gebracht haben. Wer Geld hatte, konnte auf dem Schwarzmarkt alles kaufen. Und die Schwarzmarkthändler? Sie rekrutierten nicht nur aus der kriminellen Szene, sondern vor allem aus den Reihen ehemaliger linientreuer Nazis und sie bekamen ihre Waren nicht nur auf dem Wege des Schmuggels, sondern durch ihre Verbindungen zu den leitenden Personen der Besatzer.

Als dann endlich die Währungsreform gekommen war und von einem Tag zum anderen die Schaufenster der Geschäfte vor Waren überquollen, Waren, die Kinder der damaligen Zeit nur vom Hörensagen kannten, waren es wieder linientreue Nazis, die wichtige Funktionen in Verwaltung, Justiz und Politik besetzten. Sie waren ehemals die getreuen Erfüllungsgehilfen der Nazis und wurden nun von einem Tag zum anderen aufrechte Demokraten? Nein, sie sind, was sie immer waren. Menschen, denen das System, dem sie sich andienen, völlig gleichgültig ist, solange sie für sich selbst einen Vorteil daraus schlagen können.

Ich habe auch die Tafeln im Zusammenhang mit den Spenden angeführt. Viele betrachten sie als einen Segen. Doch das sind sie nicht. nicht umsonst werden sie von McKinsey massivst gesponsert. Die Reformen der Agenda 2010 haben die Armut in Deutschland sprunghaft ansteigen lassen und wenn es Wachstum in Deutschland gibt, dann gewiss bei der Armut. Ich finde es ekelhaft, wenn dann aus der Bevölkerung und der Politik der Hinweis kommt, es gäbe keine Armut bei uns, man solle mal auf die Menschen in Afrika, Bangladesch etc. schauen, dort gäbe es echte Armut. Wir sind eine der reichsten Industrienationen der Welt. Ist in dieser Nation Armut erst dann Armut, wenn sie das Niveau von Afrika oder Bangladesch erreicht hat. Reicht es nicht, dass es in unserer Mitte eine einen immer größer werdenden Anteil Menschen gibt, die sich nicht einmal mehr in bescheidenem Maße am Wohlstand der Nation beteiligen können? Ist es nicht pervers, die Armen im eigenen Lande mit den Armen anderer Länder zu vergleichen, als sei es die Aufgabe, erst den Level der Armut der dritten Welt zu erreichen, bevor man den Mangel in diesem Land aussprechen darf? Doch betrachtet man die Politik aller westlichen Nationen, dann scheint die Ausbreitung der Armut gewollt zu sein. Ein Minimum dessen, was die westlichen Nationen für ihre Militär ausgeben, dazu Waffenembargos für jede Krisenregion und Entwicklungshelfer, die den Völkern der dritten Welt bei einer dem jeweiligen Land angepassten Entwicklung mit Rat, Tat und Mitteln zur Seite stehen, das wäre Friedenspolitik. Stattdessen wurden die kleinbäuerlichen Strukturen zerschlagen, die der Selbstversorgung dienten, Kredite von der Weltbank durch den IWF nur gebilligt, wenn dafür privatisiert wurde und Monokulturen mit biotechnischem Saatgut angelegt wurden. Für den Export, nicht für die Selbstversorgung. Westliche Konzerne beuten die Bodenschätze der Länder aus, ohne sie am Erfolg zu beteiligen. So wird die Armut in Ländern der dritten Welt nicht bekämpft, sondern gefördert.

Ich behaupte also, die Armut in unserem Land wird größer, aber die Tafeln helfen, die Auswirkungen zu lindern!??? Einen Teufel tun sie. Um bei einer Tafel Lebensmittel oder warmes Essen zu bekommen, muss man seine Bedürftigkeit nachweisen. Jede Art Abhängigkeit von Geschenken anderer ist ein Angriff auf die Würde des Einzelnen, eine andere Form der Bettelei. Wer die ersten Schritte in diese Richtung getan hat, findet es von Mal zu Mal leichter, den Vorgang zu wiederholen. Es ist die von den USA übernommene Form der Domestizierung, indem man die Menschen in eine weitere Abhängigkeit treibt, ihren Stolz und ihr Selbstwertgefühl bricht, sie dankbar macht für die "guten" Menschen die ihnen helfen. Sie werden nicht zu den Menschen gehören, die aufbegehren. Nicht umsonst sind die Tafeln und ihre Waren von der Politik bei ALG II Empfängern von den zum Abzug bei den Transferleistungen berechtigten Hilfen ausgenommen. Wenn der Onkel oder die Tante einen ALG II Empfänger mal ein wenig unterstützt, sei es mit Barem oder mit Waren, gilt das als zusätzliches Einkommen und führt zum Abzug bei den Leistungen. Nach der seit heute geltenden Verordnung des BMAS soll bei Krankenhausaufenthalten die in dieser Zeit gewährte Verpflegung zu einem Abzug von 35% der Transferleistung führen, obwohl einige Gerichte längst anders geurteilt haben. Nur die Tafeln bleiben verschont! Warum wohl? Dabei stellen die bereitgestellten Waren der Tafeln für die Unternehmen, die sie abgeben, eine Erleichterung dar, denn sie hätten diese Waren ohnehin wenig später entsorgen müssen und zwar kostenpflichtig, Doch so erfolgt die Entsorgung kostenfrei, denn die Tafeln holen die Waren selber ab. Eine industriemäßige Ausweitung ist in der EU bereits in Vorbereitung, die so genannten Foodbanken. Industriell gemanagte Almosen-Kultur.

Ich weiß, wer hungrige Mäuler zu stopfen hat, opfert seinen Stolz, um wenigstens die Kinder satt zu kriegen. Doch damit werden wir in eine Falle getrieben, indem nichts gegen die Ausweitung der Armut getan sondern sie sogar noch ausgeweitet wird, in die Falle der privat initiierten Almosenvergabe nach dem Motto: "Bist du brav und unterwürfig, bekommst Du was, wenn nicht, sieh zu, wo Du was her bekommst." Dabei sonnen sich die, die für die Zustände verantwortlich sind, auch noch im Lichte ihrer "Gutherzigkeit".

Jetzt haben wir 2008, ein neues Jahr und traditionsgemäß neue Hoffnung. Wird sich was ändern? Sicherlich, aber ich fürchte, nicht zum Besseren. Presse und Politik werden uns weiter einseifen und rasieren und wenn alle Haare ab sind, wird eben Haut angeschabt. Wir werden auch in diesem Jahr mit Erfolgsmeldungen bombardiert, Erfolge, die in Wirklichkeit weitere Einschnitte sind. Sind die Wahlen vorbei, werden wieder scharfe Geschütze aufgefahren, bis erneut Wahlen anstehen. Dann geht wieder ein Ruck durch die Parteien und sie versprechen und versprechen. Wie heißt es bei Lukas, Kapitel 12 Vers 24?

"Betrachtet die Raben, die nicht säen noch ernten, die weder Vorratskammer noch Scheune haben, und Gott ernährt sie doch."

Diesen Spruch aus der Bibel könnte man leicht abgewandelt auf die Politiker anwenden:

"Betrachtet die Politiker, die versprechen und nicht halten, die lügen und betrügen und der Wähler wählt sie doch."